Aktualisiert 23.03.2020 12:14

«Versorgung in Gefahr»

Tessin schliesst Fabriken – Wirtschaft ärgert sich

Das Tessin schliessen jetzt auch Fabriken. Swissmem-Präsident Hans Hess warnt vor einem Shutdown: Dieser bringe die ganze Versorgung in Gefahr.

von
daw
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Gemäss einem vertraulichen Lagebulletin von Schutz und Rettung Zürich könnten die Massnahmen gegen die Ausbreitung des Coronavirus «massiv verlängert» werden – möglicherweise bis nach den Sommerferien.

Gemäss einem vertraulichen Lagebulletin von Schutz und Rettung Zürich könnten die Massnahmen gegen die Ausbreitung des Coronavirus «massiv verlängert» werden – möglicherweise bis nach den Sommerferien.

Das wegen der Covid-19-Pandemie verschärfte Grenzregime fordert das Zollpersonal. Darum unterstützen Militärpolizisten und ein Milizbataillon bei der Sicherung der Schweizer Grenzen. (Symbolbild)

Das wegen der Covid-19-Pandemie verschärfte Grenzregime fordert das Zollpersonal. Darum unterstützen Militärpolizisten und ein Milizbataillon bei der Sicherung der Schweizer Grenzen. (Symbolbild)

Keystone/Gian Ehrenzeller
Arbeitgeber müssen für Arbeitnehmer spezielle Massnahmen treffen, damit sie weiterhin ihre Arbeit verrichten können. (Symbolbild)

Arbeitgeber müssen für Arbeitnehmer spezielle Massnahmen treffen, damit sie weiterhin ihre Arbeit verrichten können. (Symbolbild)

Keystone/Alexandra wey

Der Kanton Tessin schliesst viele seiner Industriebetriebe bis am 29. März – ausgenommen sind etwa Lebensmittel- oder Pharmafirmen. Was bedeutet das für die Unternehmen?

Die Firmen wären in der Lage, den Betrieb aufrechtzuerhalten und gleichzeitig die Hygienevorschriften des Bundesamts für Gesundheit einzuhalten. Sie haben dafür grosse Anstrengungen unternommen. Doch mit dem Shutdown, wie ihn die Tessiner Regierung jetzt beschlossen hat, schneidet man sich ins eigene Fleisch. Zudem ist die Schliessung in einzelnen Kantonen auch staatsrechtlich höchst problematisch, weil es bundesrechtswidrig ist.

Warum?

In einer Krise führt eine Instanz, und das ist der Bundesrat. Es kann nicht sein, dass jetzt jeder Kanton sein eigenes Süppchen kocht. Ich erwarte vom Bund, dass er den Alleingang des Tessins unterbindet, wie das bei der Ausgangssperre für Senioren im Kanton Uri der Fall war, sodass morgen zur Arbeit gehen kann, wer arbeiten gehen muss und dort geschützt wird – Grenzgänger inklusive.

Welche Industriefirmen gibt es im Tessin? Wie viele Arbeitsplätze hängen daran?

Bei uns im Verband sind etwa 50 Firmen, allein an ihnen hängen geschätzt 1500 Arbeitsplätze. Die Firma Schindler etwa hat in Locarno auch einen Produktionsstandort.

Das Tessin hat auch zuerst die Schulen und Restaurants geschlossen, die restliche Schweiz folgte. Die Regierung machte klar, dass man zwei Wochen voraus sei. Rechnen Sie nicht damit, dass die anderen Kantone nachziehen?

Die Diskussion findet natürlich auch in der Romandie und im Bundesrat statt – das ist legitim. Ein Shutdown wäre aber meines Erachtens eine Überreaktion. Dann wäre in der Schweiz die Versorgung nicht nur im Gesundheitswesen, sondern auch in der Lebensmittelversorgung nicht mehr gewährleistet.

Haben Sie ein Beispiel?

Nehmen wir die Firma Bühler AG, die fast alle Getreidemühlen in der Schweiz ausgerüstet hat, auch im Tessin. Diese Anlagen produzieren heute auf Volllast und brauchen Wartung. Kann sie keinen Monteur mehr zu einer Müllerei schicken, ist die Mehl- und Brotversorgung gestört. Oder die Bündner Firma Hamilton, die seit 14 Tagen ununterbrochen Beatmungsgeräte produziert. Sie hat Zulieferer aus der ganzen Schweiz. Fehlen Teile, ist die ganze Produktion unterbrochen.

Haben Sie Angst vor noch einer tieferen Krise? Alain Berset hat klar gesagt, dass die Gesundheit der Bürger über den wirtschaftlichen Interessen stehen.

Diese Aussage unterstütze ich. Wir müssen die Menschen schützen. Der Bundesrat sagt es richtig: Firmen, die die Hygieneempfehlungen nicht einhalten können, sollen schliessen. Ein totaler Shutdown ist aber unnötig, da wir die Leute in der Industrie heute vorschriftsgemäss schützen können

Zur Person

Hans Hess ist Präsident des Verbandes der Maschinen-, Elektro- und Metall-Industrie (Swissmem) und Vize-Präsident von Economiesuisse.

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