25.02.2020 20:52

«Probleme unterschätzt»

Tessiner Ärzte greifen BAG wegen Coronavirus an

Nach dem ersten Coronavirus-Fall in der Schweiz übt der Chef der Tessiner Ärzte heftige Kritik. Der Bund riskiere den Kollaps des Tessiner Gesundheitssystems.

von
dk/dgr/gus

Pascal Strupler, Direktor des Bundesamts für Gesundheit (BAG) im Interview. (Video: M. Kafantari)

Das neue Coronavirus breitet sich in Europa immer weiter aus: Neben über 220 bestätigten Coronavirus-Infektionen und elf Todesfällen in Italien hat das Virus nun auch die Schweiz erreicht: Gemäss den Informationen des Bundesamts für Gesundheit (BAG) hat sich ein 70-Jähriger Schweizer in der Nähe von Mailand mit dem Virus infiziert. Der Patient befinde sich momentan in einer Klinik in Lugano.

Der Präsident der Tessiner Ärztegesellschaft, Franco Denti, kritisiert die bisher getroffenen Massnahmen des Bundes heftig: «Das BAG hat die Probleme für den Kanton Tessin und die Vorgänge in der Lombardei unterschätzt.» Bis zum letzten Freitag habe das BAG «sicher nicht richtig gehandelt». Nur gemäss der BAG-Empfehlung Masken zu tragen, reiche bei weitem nicht aus. «Wir erwarten klare Antworten und Massnahmen, die helfen, um die Epidemie aufzuhalten und einzuschränken», sagt Denti.

«Kollaps des Tessiner Gesundheitssystems»

Solange es im Tessin nur ein, zwei Fälle gebe, gebe es noch kein Problem. Aber wenn so wie in Mailand innert weniger Tage über 200 Neuerkrankungen dazukämen, sei das anders. «Das würde bedeuten, dass das Tessiner Gesundheitssystem den Kollaps riskiert.» Er selber sei besorgt. «Ich bin über sechzig Jahre alt, männlich und vor allem bin ich aufgrund meines Berufes einer der ersten, die mit der Epidemie in Kontakt kommen.»

Auch politisch wirft die Reaktion auf das Coronavirus Wellen. Am Sonntag forderten Tessiner Politiker Grenzkontrollen oder gar Grenzschliessungen. Auch SVP-Fraktionschef Thomas Aeschi, der Bund tue nicht genug:

Reisen ins Tessin «bedenkenlos» möglich

Wie das BAG am Dienstag an einer Pressekonferenz erklärte, habe sich aber nichts an der Einschätzung der Gefährdung – trotz des ersten Coronavirus-Falls in der Schweiz – geändert. «Das Coronavirus stellt für die Bevölkerung ein moderates Risiko dar», sagte BAG-Direktor Pascal Strupler. Durch eine Schliessung der Grenze hätte die Infektion nicht verhindert werden können.

Empfehlungen, um Grossanlässe wie die Fasnacht oder den Autosalon in Genf abzusagen, habe man noch keine gegeben, sagt Strupler. «Wir stehen aber in engem Kontakt mit den kantonalen Behörden und mit den Veranstaltern und wird situativ Empfehlungen abgeben.» Auch von Reisen ins Tessin seien bedenkenlos möglich, sagt Strupler. «Wer aber nach Norditalien reist, soll sich zuerst informieren, ob die betreffende Stadt oder das Dorf in einer Quarantänezone liegt.»

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.