Medizinisches Wunder: Tessinerin überlebt 6,5 cm grossen Gehirntumor
Aktualisiert

Medizinisches WunderTessinerin überlebt 6,5 cm grossen Gehirntumor

Während zehn Jahren wuchs er unbemerkt in ihrem Kopf. Als die Ärzte den Tumor von Nicole M. entdeckten, war er bereits einer der grössten in der Schweizer Medizingeschichte.

von
PM/tab
1 / 2
Die 32-jährige Nicole M. aus Biasca TI wusste lange nichts davon, dass ein riesiger Hypophysen-Tumor in ihrem Gehirn wuchs.

Die 32-jährige Nicole M. aus Biasca TI wusste lange nichts davon, dass ein riesiger Hypophysen-Tumor in ihrem Gehirn wuchs.

tio.ch
Als ihn die Ärzte entdeckten, war er bereits 6,5 Zentimeter lang.

Als ihn die Ärzte entdeckten, war er bereits 6,5 Zentimeter lang.

Als Nicole M.* (32) aus Biasca TI die Diagnose Gehirntumor erhielt, wusste sie nicht, wie aussergewöhnlich sie als Patientin sein würde. Beim Krebs handelte es sich um einen Hypophysentumor – eine Neubildung der Hirnanhangdrüse (siehe Box). Doch es war nicht irgendein Tumor. «Er war während zehn Jahren unbemerkt in meinem Kopf gewachsen – er war gigantisch», sagt M.

Das Gewächs erreichte eine Länge von 6,5 Zentimetern. «Bei dieser Grösse sollte die Patientin eigentlich viel früher Symptome bekommen», sagt Michael Reinert, Chefarzt Neurochirurgie am Tessiner Neurocentro. Es sei aussergewöhnlich, dass er sich während all dieser Zeit entwickeln konnte, ohne dass M. etwas davon mitbekam.

Einer der grössten Tumore in der Medizingeschichte

Es war 2014, im April, als die 32-Jährige erstmals wirklich stutzig wurde. «Ich hatte innert weniger Jahre 20 Kilo zugenommen. Ich ass und ass und ass – und hatte trotzdem immer Hunger», so M. Danach habe sie sich übergeben, weil sie nicht noch mehr Gewicht zulegen wollte. «Ich war aggressiv und nervös. Lustlos.» So sehr, dass sie schliesslich entlassen wurde.

Zunächst wurde darüber spekuliert, ob die Tessinerin unter psychischen Problemen leide. «Ich glaubte nicht daran, ich spürte irgendwie, dass es etwas anderes sein musste», so M. Nach verschiedensten Untersuchungen fanden die Ärzte schliesslich den gutartigen Hypophysentumor. Es war einer der grössten in der Schweizer Medizingeschichte. Aufgrund seines enormen Ausmasses konnte man ihn nicht mit nur einer Operation entfernen. «Deswegen musste ich mich dreimal unters Messer legen.»

4000 registrierte Fälle von Gehirntumoren pro Jahr

Danach folgten sechs Wochen Protonentherapie. Derzeit bekommt sie noch jeden Monat eine Spritze. «Damit er nicht zurückkehrt. Das ist alles extrem ermüdend», sagt Nicole M. Sie hat aber wieder zu arbeiten begonnen, einige Stunden am Tag. Mehr mag sie nicht. «Ich bin mir bewusst, dass diese Geschichte mich den Rest meines Lebens begleiten wird. Das muss ich akzeptieren.»

Die Wissenschaft hat es noch nicht geschafft, alle Fragen im Zusammenhang mit Gehirnkrebs zu beantworten. «In der Schweiz registrieren wir etwa 4000 Fälle pro Jahr», sagt Reinert. Zweihundert davon im Tessin. Es gibt rund dreissig verschiedene Arten von Gehirntumoren. Die Genetik trägt sicher zur Entstehung bei. «Doch es gibt noch viel mehr zu erfahren auf diesem Gebiet.»

Bösartige Tumore verringern Lebenserwartung drastisch

Nicole M. hatte Glück im Unglück. Denn im Falle eines bösartigen Tumors sinkt die Lebenserwartung des Patienten drastisch. «Die Sterblichkeitsrate hängt stark von der spezifischen Art des Krebs ab», erklärt Reinert. In einigen Fällen lebt der Patient nach der Diagnose noch zwei Jahre. In anderen sogar noch viel länger.

Das Problem sei, dass der Krebs oftmals nicht als solcher erkannt werde. «Es können viele Jahre zwischen der Geburt der Mutterzelle und den ersten Symptomen vergehen – wie das Beispiel von Nicole zeigt.»

*Name der Redaktion bekannt

Der Hypophysentumor

Ein Hypophysentumor ist eine überwiegend gutartige Neubildung der Hypophyse (Hirnanhangdrüse). Diese ist über einen dünnen Stiel mit dem Gehirn verbunden und setzt wichtige Botenstoffe mit unterschiedlicher Wirkung frei. Demnach spielt sie eine grosse Rolle für die hormonelle Regulation des Körpers.

Da die Hypophyse kein Hirngewebe enthält, ist der Hypophysentumor streng genommen kein Hirntumor. Dennoch zählt ein von der Hirnanhangdrüse gebildeter Tumor zu den Gehirntumoren.

Quelle: Beobachter

Deine Meinung