Aktualisiert 06.10.2017 05:05

ETH-StudieTest entlarvt Zahnärzte – jeder 4. bohrt ohne Grund

Die ETH Zürich schickte einen Testpatienten zum Zahnarzt. In jedem vierten Fall wurde ihm eine teure, unnötige Behandlung vorgeschlagen.

von
daw
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Ein Zahnarzt schlug nicht weniger als sechs Füllungen für rund 1500 Franken vor.

Ein Zahnarzt schlug nicht weniger als sechs Füllungen für rund 1500 Franken vor.

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Nicht überrascht reagiert Margrit Kessler, Präsidentin der Stiftung Patientenschutz: «Es ist bekannt, dass Zahnärzte viel zu schnell teure Behandlungen vornehmen, die nicht nötig sind.»

Nicht überrascht reagiert Margrit Kessler, Präsidentin der Stiftung Patientenschutz: «Es ist bekannt, dass Zahnärzte viel zu schnell teure Behandlungen vornehmen, die nicht nötig sind.»

Keystone/Eddy Risch
Marco Tackenberg, Sprecher der Schweizerischen Zahnärzte-Gesellschaft SSO, betont: «Unnötige Behandlungen sind nicht akzeptabel.»

Marco Tackenberg, Sprecher der Schweizerischen Zahnärzte-Gesellschaft SSO, betont: «Unnötige Behandlungen sind nicht akzeptabel.»

Keystone/Gaetan Bally

Eine neue Studie fördert einen brisanten Befund zutage: Die Wissenschaftler der ETH Zürich schickten in einem Feldversuch eine Person zu 180 zufällig ausgewählten Zahnärzten im Kanton Zürich. Diese gab an, die Dentalhygiene habe ihr eine Kontrolle empfohlen.

Obwohl der Testpatient nach Ansicht von vier Experten keine Behandlung benötigte, wollten 50 Zahnärzte mindestens eine Füllung machen – im Schnitt sollte die Behandlung 535 Franken kosten, wie aus dem im Internet veröffentlichten Arbeitspapier der ETH-Ökonomen Wanda Mimra, Christian Waibel und Felix Gottschalk hervorgeht.

Ein Zahnarzt wollte sechsmal bohren

Ein Zahnarzt schlug nicht weniger als sechs Füllungen für rund 1500 Franken vor. Ein anderer zwei für 1750 Franken. Nicht alle Zahnärzte wollten den Bohrer am gleichen Ort ansetzen: Betrachtet man alle Offerten, wären 13 verschiedene Zähne betroffen gewesen.

Eine Rolle scheint zu spielen, ob ein Zahnarzt gut ausgelastet ist: So muss man bei jenen Zahnärzten, die bohren wollten, nur rund sechs Tage auf einen Termin warten. Bei jenen, die keine Behandlung vornehmen wollten, betrug die Wartezeit im Schnitt dagegen zehn Tage. Weil die Studie noch nicht in einem Fachjournal erschienen ist, wollten die Autoren gegenüber 20 Minuten keinen Kommentar abgeben.

«Bekanntes Problem»

Nicht überrascht reagiert Margrit Kessler, Präsidentin der Stiftung Patientenschutz: «Es ist bekannt, dass Zahnärzte viel zu schnell teure Behandlungen vornehmen, die nicht nötig sind.» Perfid daran sei, dass es viele Leute nicht merkten. Mit der Personenfreizügigkeit seien sehr viele ausländische Zahnärzte in die Schweiz gekommen. «Es gibt zu viele Zahnärzte, was zu einer Mengenausweitung führt.»

Ein «riesiges Problem» sind laut Kessler auch Zahnärzte etwa aus den Oststaaten, die keine gleichwertige Ausbildung haben. Oder die Kurzaufenthalter, die für 90 Tage in die Schweiz kommen: «Sie wollen in möglichst kurzer Zeit viel Geld verdienen und verschwinden dann wieder.» Sie rät Patienten, im Zweifelsfall eine Zweitmeinung bei einem Zahnarzt einzuholen, der Mitglied der Schweizerischen Zahnärzte-Gesellschaft SSO ist.

«Es bleibt ein Ermessungsspielraum»

SSO-Sprecher Marco Tackenberg betont: «Unnötige Behandlungen sind nicht akzeptabel.» Zwar spürten Zahnarztpraxen den Druck der Zuwanderung ausländischer Kollegen. Wirtschaftlicher Druck rechtfertige aber in keinem Fall eine Überbehandlung.

Die Studie könne man ohne Sichtung der Röntgenbilder nicht abschliessend bewerten. So habe der Testpatient eine initiale Karies aufgewiesen. Tackenberg: «Bei diesem Befund kann der Zahnarzt zur Einschätzung kommen, dass eine kleine Füllung zur Vermeidung eines grösseren Defekts die beste Therapie darstellt.»

In den letzten Jahren habe sich in der Zahnmedizin die Meinung durchgesetzt, dass eine initiale Karies in der Regel nicht mit einer Füllung behandelt werde. Die SSO verbreite das aktuelle Wissen in Kursen. «Wie so oft in der Medizin» bleibe aber ein Ermessensspielraum.

Auch beim kantonszahnärztlichen Dienst Zürich heisst es, es gebe wohl weitere Erklärungen als nur den wirtschaftlichen Druck. Überbehandlungen beobachte man häufig bei Zahnersatz durch Implantate oder aufwändigen Rekonstruktionen. Dagegen seien «kleine Füllungen in der Regel keine besonders einträglichen Therapien». Bei beginnender Karies seien häufigere Kontrollen und Prophylaxemassnahmen notwendig. Letztere würden nicht an allen Universitäten in Europa gleich gelehrt.

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