Zürich: «Teure Medikamente sind Geschichte»
Aktualisiert

Zürich«Teure Medikamente sind Geschichte»

Biotech-Experte Jürg Zürcher fordert anlässlich der steigenden Gesundheitskosten eine einfachere Zulassung von Biotech-Medikamenten.

von
Alex Hämmerli
Jürg Zürcher ist Partner beim Unternehmensberater Ernst & Young. Foto: jonathan gayman

Jürg Zürcher ist Partner beim Unternehmensberater Ernst & Young. Foto: jonathan gayman

Biotech galt lange als Zukunftsmarkt. Trotzdem sind die Gelder für Forschungs-Investitionen knapper geworden. Ist die anfängliche Euphorie verflogen?

Jürg Zürcher: Die Realität ist in die Branche eingekehrt. Heute muss ein Biotech-Unternehmen sehr viel mehr bieten, um an Geld zu kommen. Ausserdem sind die Zulassungskriterien deutlich strenger geworden ...

... was die Kosten in die Höhe treibt.

Genau. Die Behörden müssen zwar die Sicherheit der Patienten gewährleisten. Sie müssen aber auch dafür sorgen, dass günstige Medikamente auf den Markt kommen.

Was schlagen Sie vor?

In Zukunft sollten Medikamente schneller und vereinfachter bewilligt werden, auch wenn nicht alle Sicherheitsbedenken zu 100% eliminiert werden können. Die Zeit der teuren Medikamente ist definitiv vorbei. Im Gesundheitswesen ist Sparen angesagt.

Wie könnte man das Verfahren beschleunigen?

Es macht zum Beispiel keinen Sinn, die Prüfung von vorne zu starten, weil ein Medikament nur bei der weissen Bevölkerung wirkt. Auch könnte man kleinere Testgruppen bilden. Das ist bei seltenen Krankheiten bereits heute möglich.

Wie beurteilen Sie die Chancen für Nachahmer? Verschiedene Patente laufen ja bald aus.

Der Markt für Biosimilars wird schnell wachsen. Damit dürften die Preise sinken. Man muss aber bedenken, dass die Herstellung aufwendig, teuer und risikobehaftet ist.

Was ist Biotechnologie?

In der Biotechnologie macht man sich lebende Organismen und biologische Prozesse zunutze, etwa bei der Herstellung von Bier oder Käse. Relativ neu ist die Biotechnologie in der Medizin. Heute sind etwas über 300 Biotech-Medikamente auf dem Markt. Experten gehen davon aus, dass zwischen 2015 und 2020 die Umsätze von Biotech-Medikamenten diejenigen von herkömmlichen Medikamenten übertreffen werden.

Biotech-Branche wächst weiter

Biotechnologie-Unternehmen haben im vergangenen Jahr weltweit 84,6 Milliarden Dollar verdient. Das sind 6,3 Milliarden oder 8 Prozent mehr als 2009. Unter dem Strich schrieben die etablierten Biotech-Firmen in Europa, Kanada, Australien und den Vereinigten Staaten einen Rekordgewinn von 4,7 Milliarden Dollar. Das entspricht einer Steigerung von 30 Prozent gegenüber 2009. Das geht aus den neusten Zahlen der Unternehmensberatung Ernst & Young hervor. Trotz des Wachstums leidet die Branche darunter, dass die Finanzierung für Forschung und Entwicklung knapper wird: Der Zufluss von «Innovationskapital» sank um einen Fünftel. Immer schwerer haben es Unternehmen, deren Produkte im frühen Entwicklungsstadium sind: Die kleinsten 20 Prozent der Firmen konnten lediglich 0,4 Prozent des Kapitalzuflusses verbuchen (2009: 0,6%), während 82,6 Prozent den grössten 20 Prozent zugute kamen (2009: 78,5%). ahi

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