Markt-Hype: Teurer Weizen lässt Spekulanten träumen
Aktualisiert

Markt-HypeTeurer Weizen lässt Spekulanten träumen

Getreide hat Hochkonjunktur. Allein in den vergangenen sieben Wochen verteuerte sich Weizen an den Terminbörsen um 70 Prozent. Doch Laien sollten die Finger von voreiligen Geschäften lassen.

von
Berrit Gräber
DDP
Die momentan hohen Preise für Weizen nutzen Spekulanten, um ganz gross Kasse zu machen.

Die momentan hohen Preise für Weizen nutzen Spekulanten, um ganz gross Kasse zu machen.

Die explodierenden Preise für Weizen sind keine Überraschung, denn der Rohstoff droht knapp zu werden: In Russland, einem der wichtigsten Weizenlieferanten der Welt, sind die Halme in der schlimmsten Gluthitze seit über 100 Jahren verdörrt, in Kanada stehen die Felder nach sinflutartigen Regenfällen unter Wasser. An der Preisexplosion arbeiten jedoch auch andere mit: Rohstoffspekulanten, die an der rasantesten Weizen-Rallye kräftig verdienen wollen.

An der Stuttgarter Euwax, dem deutschlandweit wichtigsten Handelsplatz für Optionsscheine und Zertifikate, wurde in den vergangenen Wochen wie wild auf «soft commodities» gewettet. Unter diesem Begriff werden Agrarrohstoffe wie Soja, Kaffee, Zucker oder Orangensaft gehandelt. Privatanleger stürzen sich vor allem auf börsennotierte Rohstoff-Indexfonds, kurz ETFs genannt, in denen der Weizenanteil stark gewichtet ist. Allein im Juli verkaufte die Euwax nach eigenen Angaben fast 45 Prozent mehr ETFs als noch im Monat zuvor.

Brandgefährlicher Zeitpunkt für Laien

Auch viele Kleinanleger lassen alle Vorsicht sausen und stecken ihr Geld in Weizen, Mais, Zucker oder gar Schweinebäuche: «Auf den Zug sind Massen von Privatanleger aufgesprungen, nicht nur die Profis», sagt Marco Cabras, Sprecher der Deutschen Schutzgemeinschaft für Wertpapierbesitz (DSW).

Ob sie aber Kasse machten mit ihrem Weizen-Investment, sei fraglich, erklärt Frank Schallenberger, Rohstoff-Analyst der Landesbank Baden-Württemberg. Der Markt sei bereits stark angeheizt, ein Grossteil der Gewinnchancen einfach schon gelaufen.

Wann die Weizen-Rallye vorbei sei, könne niemand vorhersagen. Wer jetzt noch «mitmischen will, sollte sich gut auskennen», rät Schallenberger. Sonst werde es brandgefährlich.

Das Risiko: Wenn extrem viel Geld in Geldanlagen mit Weizen hineingeflossen ist, wird es auch irgendwann wieder abgezogen. Schichten die Profis um, sacken die Kurse schnell ab. Die Folge: Verluste.

«Wer den richtigen Zeitpunkt zum Ausstieg nicht erwischt, kann viel Geld verlieren», sagt auch Aktionärsschützer Cabras. So rasch der Weizen-Hype gekommen sei, so schnell werde sich der Markt auch wieder normalisieren. «Kurfristiges Spekulieren ist eine Sache für Profis», warnt Cabras.

Glänzende Zukunft?

Was interessierte Kleinanleger aber im Hinterkopf behalten sollten: Ist der momentane Hype wieder abgeklungen, halten Experten das Investieren in «soft commodities» durchaus für eine Anlage mit Boom-Potenzial. Schwankungen hin oder her: «Agrarrohstoffe wie Weizen sind ein veritabler Mega-Trend für die Zukunft», sagt Cabras.

Unzählige Analysten und Rohstoff-Spezialisten an den Finanzmärkten sind von folgendem Szenario überzeugt: Der Wirtschaftsboom in Ländern wie China oder Indien führt zu steigendem Wohlstand bei gleichzeitiger Anpassung an westliche Ernährungsgewohnheiten. Das Bevölkerungswachstum in Süd- und Ostasien bleibt weiterhin hoch. Produkte wie Mais, Weizen oder Sojabohnen werden längerfristig knapp. Der weltweite Fleisch- und Fischkonsum nimmt zugleich zu. Die weltweite Nachfrage nach Agrarrohstoffen sowie Futtermitteln zur Tieraufzucht steigt. Die Preise steigen mit - und die Gewinne der Anleger ebenso.

Die US-Investment-Legende Jim Rogers beispielsweise, der schon zu Zeiten des Internet-Booms Ende der 90er Jahre Rohstoffen eine glänzende Zukunft prophezeite, hält den Markt der «soft commodities» für sehr attraktiv. Und zwar längerfristig, mindestens noch bis 2014 oder gar 2022.

WTO-Chef hält wenig von Exportbeschränkungen

Der Chef der Welthandelsorganisation WTO, Pascal Lamy, hält wenig von Weizen-Ausfuhrbeschränkungen, wie sie zuletzt Russland wegen der Dürre verhängt hat. Beschränkungen für Exporte seien um nichts besser als solche für Importe, sagte Lamy in einem Interview mit der österreichischen «Presse» (Samstag).

Schon kleine Mengenschwankungen könnten an den Rohstoffmärkten starke Preisänderungen verursachen. «Je offener die Märkte sind, desto weniger können Preiserhöhungen die Menschen treffen.» Deshalb dürften derartige restriktive Massnahmen immer nur von kurzer Dauer sein. (sda)

In Agrarrohstoffe investieren

Wer sich Weizen, Mais oder Schweinehälften ins Depot legen will, sollte Folgendes beachten: Sogenannte soft commodities sind keine Anlageform wie beispielsweise Aktien. Investoren können deren Wert nicht mit Aussicht auf künftige Unternehmensgewinne einschätzen. Die Preise der Rohstoffe schwanken ständig, da sie sich nach Angebot und Nachfrage an den Terminmärkten richten. Sie sind nicht zuletzt auch vom Wetter, von Dürren, Schädlingsbefall oder Missernten abhängig, wie die momentane Weizen-Rallye eindrücklich gezeigt hat.

Wagemutige sollten sich daher gut informieren und ein Investment möglichst breit streuen, rät Marco Cabras, Sprecher der Deutschen Schutzgemeinschaft für Wertpapierbesitz (DSW). Das heisst: Nicht alles Geld in Weizen stecken, sondern auf viele verschiedene Rohstoffe wie beispielsweise Kaffee, Zucker, Kakao, Soja und Orangensaft verteilen. Die Anbauflächen sollten über den ganzen Globus verteilt sein, um nicht von Ernteausfällen und Klimakapriolen an einem Fleck der Welt abhängig zu sein. (ddp)

Deine Meinung