Umstrittene Hinrichtung: Texas exekutiert Mann mit einem IQ von 61
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Umstrittene HinrichtungTexas exekutiert Mann mit einem IQ von 61

14 Minuten, nachdem Marvin Wilson im Gefängnis von Huntsville das Gift gespritzt worden war, war er tot. Sein Tod ist ein Skandal. Denn der 54-Jährige galt als geistig behindert.

von
kub
Der 54-jährige Marvin Wilson soll 1992 einen Polizeispitzel ermordet haben.

Der 54-jährige Marvin Wilson soll 1992 einen Polizeispitzel ermordet haben.

«Umarme meine Mama und sag ihr, dass ich sie liebe. Nimm mich nach Hause, Jesus.» Das waren Marvin Wilsons letzte Worte im Gefängnis von Huntsville, bevor ihn das Gift aus der Spritze tötet – im Kreis seiner Familie. Am Dienstagabend um 18.27 Uhr wurde Wilson für tot erklärt.

Im Bundesstaat Texas gilt die Todesstrafe. Wilsons Hinrichtung war bereits die siebte in diesem Jahr. Insofern eine unter vielen, denkt man. Doch diese Exekution war anders. Marvin Wilson war möglicherweise geistig behindert.

Die Anwälte des 54-jährigen Marvin Wilson hatten geltend gemacht, dass ihr Mandant nur einen Intelligenzquotienten von 61 habe und damit eindeutig geistig zurückgeblieben sei. Nach einem Grundsatzurteil des Obersten Gerichts der USA dürfen geistig Behinderte nicht exekutiert werden. Eine Hinrichtung ist im US-Bundesstaat erst ab einem IQ von 70 erlaubt.

Der Supreme Court selbst lehnte am Dienstag aber einen Exekutionsaufschub ab. Deshalb starb Wilson noch am Abend im Staatsgefängnis von Huntsville durch eine Giftspritze. Die Staatsanwaltschaft hatte argumentiert, dass der Test, bei dem der niedrige IQ festgestellt worden war, aus dem Jahr 2004 stamme und fehlerhaft gewesen sei. Andere Untersuchungen seitdem wiesen darauf hin, dass Wilson nicht als geistig behindert einzustufen sei.

IQ-Test angeblich fehlerhaft

Wilson war wegen der Ermordung des 21-jährigen Polizeispitzels Jerry Williams 1992 zum Tode verurteilt worden, obwohl nie genau eruiert werden konnte, wer genau geschossen hat – Marvin oder sein Kumpel Andrew Lewis, der lebenslang erhielt. Wilson hat den Mord stets bestritten.

Auch die Art und Weise, wie er früher als Drogenhändler agiert und wie er den Mord ausgeführt habe, deuteten auf Fähigkeiten hin, die die eines geistig Behinderten überstiegen, argumentierte der Supreme Court.

Doch die Aussagen von Zeugen und Familie ergeben ein anderes Bild des Verurteilten. Wilsons schulische Leistungen waren miserabel. Seine Zeugnisse sind gespickt von Einern und Zweiern, schreibt die «Huffington Post». Seine Übernamen waren «Dummy» und «Retard» («Zurückgebliebener»). Er habe bis 20 an seinem Daumen gelutscht, beschreibt seine Schwester Wilsons Benehmen. Schuhe binden konnte er nicht, Geld zählen kaum.

Ähnlicher Fall vor drei Wochen

Vor rund drei Wochen hatte bereits ein ähnlicher Fall aus Texas für Aufsehen gesorgt. Damals war der 34-jährige Yokamon Hearn ebenfalls durch eine Giftspritze hingerichtet worden, nachdem es Hearns Anwälte nach Ansicht der Richter nicht geschafft hatten, genügend Beweise für dessen Behinderung zu liefern.

Die jüngste Hinrichtung am Dienstag war nach Angaben der Menschenrechtsorganisation Amnesty International die siebte in diesem Jahr in Texas. Seit der Wiedereinführung der Todesstrafe 1976 sind im südlichen US-Staat fast 500 Menschen exekutiert worden – was mehr als einem Drittel aller vollstreckten Todesurteile in den USA entspricht. (kub/sda)

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