Menschenhandel: Thailand warnt seine Frauen vor der Schweiz
Aktualisiert

MenschenhandelThailand warnt seine Frauen vor der Schweiz

Hunderte Thailänderinnen schuften hierzulande als Sexsklavinnen. Damit arme Frauen vom Land den Menschenhändlern nicht mehr ins Netz laufen, geht Bangkok jetzt in die Offensive.

von
Simon Hehli
Prostituierte in Pattaya: In der Schweiz locken zwar höhere Löhne – aber es drohen auch sklavereiähnliche Zustände.

Prostituierte in Pattaya: In der Schweiz locken zwar höhere Löhne – aber es drohen auch sklavereiähnliche Zustände.

Ein Land, in dem Milch und Honig fliessen: Das ist die Schweiz für viele Thais. Doch der Traum vom Wohlstand kann sich schnell in einen Albtraum verwandeln. Phikunkaeo Krairoek, Vorsitzende des aussenpolitischen Komitees des thailändischen Parlaments, warnt ihre Landsfrauen eindringlich vor einer leichtfertigen Emigration in die Schweiz: Sie könnten hier zu Opfern von Menschenhändlern werden und als Sexsklavinnen enden.

Anlass des Warnrufs ist ein Treffen einer Schweizer Delegation mit thailändischen Behörden vom 6. Februar. Nach Bangkok reisten damals auch Vertreter der Berner Justiz und Polizei. Kein Zufall: Im letzten Herbst hatten die Berner einen Menschenhändlerring zerschlagen. Dieser soll mehr als 50 Frauen und Transsexuelle aus Thailand verschleppt und hier ausgebeutet haben. Drahtzieherin war eine 42-jährige Thailänderin mit Aufenthaltsbewilligung. Sie hatte vier Landsleute und einen Schweizer als Komplizen.

Mit falschen Versprechen gelockt

Die Bangkok-Reise steht im Zusammenhang mit der Offensive von Justizministerin Simonetta Sommaruga gegen den Menschenhandel und einer verstärkte Zusammenarbeit mit den Behörden in den Herkunftsländern der Opfer. In Thailand sind in das lukrative Geschäft offenbar auch offizielle Stellen verwickelt, wie die Abgeordnete Phikunkaeo beklagt: Die Polizei und einflussreiche Politiker würden den Gangstern bei ihren Machenschaften helfen, sagte sie der «Bangkok Post». Die thailändische Regierung hat dem Engagement gegen den Menschenhandel zweithöchste Priorität eingeräumt – direkt hinter dem Kampf gegen die Drogen.

Laut der Fachstelle für Frauenhandel und Frauenmigration (FIZ) stammen viele der in der Schweiz Missbrauchten aus Nord- und Zentralthailand und sind alleinerziehende Mütter. Von den 193 Personen, die 2011 bei der FIZ Hilfe suchten, stammten 18 aus Thailand – die Dunkelziffer dürfte aber einiges höher sein.

FIZ-Leiterin Susanne Seytter sagt, unter den Opfern gebe es Frauen und Männer, die mit der Aussicht auf eine Ausbildung oder einen Job – im Service, im Gesundheitswesen, auf dem Bau – in die Schweiz gelockt würden. Aber auch Personen, die zwar wüssten, dass sie sich prostituieren würden – jedoch nicht zu welchen ausbeuterischen Bedingungen.

90'000 Fr. «Schulden» abbauen

Die Tricks, welche die modernen Sklavenhändler in Thailand anwenden, sind dieselben wie in Rumänien, Ungarn oder Brasilien, wie Seytter erklärt: Ausnutzen einer ökonomisch-sozialen oder emotionalen Krisensituation, Versprechen von einem besseren Leben, oftmals untermauert mit falschen Vermittlungs- oder Arbeitsverträgen. «Manchmal spielen die Menschenhändler, insbesondere die Anwerber, auch eine falsche Liebe vor, um die Menschen zu gewinnen.»

In der Schweiz werden die Frauen mit der Drohung eingeschüchtert, dass sie wegen illegalen Aufenthalts im Gefängnis landen, wenn sie zur Polizei gehen. Im Berner Fall mussten die Opfer mit ihrem Körper bis zu 90'000 Franken erwirtschaften, um angebliche Schulden zurückzuzahlen.

Einreise dank Schengen-Visum

Dafür sorgen, dass es gar nicht so weit kommt, will auch die Schweizer Botschafterin in Thailand, Christine Schraner Burgener. Sie betont in der «Bangkok Post», dass die Botschaft Visumsanfragen von Thailänderinnen stets genau prüfe. Doch gebe es mehr als 70 dokumentierte Fälle, in denen die Opfer von einem anderen europäischen Staat eine Einreisebewilligung erhalten haben – und dank Schengen in die Schweiz einreisen konnten.

FIZ-Leiterin Seytter mahnt, die Schweiz solle nun keine restriktivere Linie bei der Visumsvergabe fahren: «Die Informationskampagne darf nicht dazu führen, dass wir jungen Thais generell den Weg aus dem Land verbauen.»

Bund macht vorwärts

Im Kampf gegen Menschenhandel will sich der Bund stärker engagieren. Organisationen, die Opfer schützen und sich gegen Schlepper engagieren, sollen finanziell unterstützt werden – mit jährlich insgesamt bis zu 200'000 Franken. Das Bundesamt für Polizei (fedpol) hat am Dienstag die Anhörung zu einer Verordnung eröffnet, die dafür die Einzelheiten regelt. Die Verordnung stützt sich auf einen Artikel des Strafgesetzbuches, der dem Bund die Kompetenz gibt, vorbeugende Massnahmen gegen Kriminalität zu ergreifen. Dem Bund selber ermöglicht die Verordnung, Informations- und Sensibilisierungskampagnen durchzuführen. Eine solche Kampagne ist bereits in Planung. (SDA)

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