20 Jahre Mauerfall: Thatchers Kampf gegen die «deutsche Gefahr»
Aktualisiert

20 Jahre MauerfallThatchers Kampf gegen die «deutsche Gefahr»

Die britische Premierministerin Margaret Thatcher war eine erbitterte Gegnerin der deutschen Wiedervereinigung. Bislang geheime Dokumente zeigen, wie gross ihr Widerstand und wie sehr sie am Ende isoliert war.

von
Peter Blunschi

Als am 9. November 1989 die Berliner Mauer fiel, läuteten in London und Paris die Alarmglocken. Die Aussicht auf eine Wiedervereinigung Deutschland erzeugte in Grossbritannien und Frankreich angesichts der Erfahrungen der beiden Weltkriege Unmut und Ängste. Beim Gipfeltreffen der damaligen Europäischen Gemeinschaft (EG) am 8. Dezember 1989 sprach die britische Premierministerin Margaret Thatcher Klartext: «Zweimal haben wir die Deutschen geschlagen, jetzt sind sie wieder da.»

Thatchers Opposition ist nicht neu. Bislang geheime Dokumente zeigen nun, wie tief ihre Abneigung vor allem gegenüber dem deutschen Bundeskanzler Helmut Kohl, mit dem sie sich nie wirklich verstanden hatte, tatsächlich war. «Kohl ist zu allem fähig», zitierte Luc de la Barre de Nanteuil, der damalige französische Botschafter in London, die Regierungschefin nach einem Treffen am 13. März 1990 gemäss Dokumenten, die der Elysée-Palast in Paris offiziell am Montag, dem 20. Jahrestag des Mauerfalls, veröffentlichen will.

Thatchers «Verbitterung»

Die britische «Times» hatte bereits Einsicht in die Papiere. Demnach war Nanteuil verblüfft über die «Verbitterung» von Margaret Thatcher. Kohl sehe sich zunehmend als Gebieter und handle auch wie ein solcher. Frankreich und Grossbritannien müssten sich angesichts der «deutschen Gefahr» zusammenschliessen, doch das allein genüge nicht. Sobald Russland sich in eine marktwirtschaftliche Demokratie umgewandelt habe, könne es als notwendiges Gegengewicht agieren. Thatcher habe über Deutschland «mit verblüffender Angst und Leidenschaft» gesprochen, hielt der Botschafter in seinem Memo fest.

Der französische Präsident François Mitterrand hingegen wird in den Dokumenten gemäss der «Times» in einem ambivalenteren Licht dargestellt. Zwar teilte er Margaret Thatchers Befürchtungen, er habe sich aber gegenüber Deutschland bemüht, nicht als fundamentaler Gegner zu erscheinen. Der französische Diplomat François Scheer soll dem ostdeutschen Botschafter in Paris fünf Tage nach dem Mauerfall gesagt haben, eine mögliche Wiedervereinigung ängstige den Präsidenten nicht.

Mitterrand warnt vor «bösen Deutschen»

Die Veröffentlichung der geheimen Dokumente durch den französischen Präsidentenpalast kann auch als Reaktion auf eine Buchveröffentlichung des britischen Aussenministeriums gesehen werden. Diese zeichnet ein weniger schmeichelhaftes Bild von Mitterrand. Nach einem Treffen mit Kohl im Januar 1990 in seinem Landhaus Latché habe der Präsident sich zwar mit der Wiedervereinigung abgefunden, doch insgeheim habe er darauf gehofft, dass Margaret Thatcher den Prozess verzögert.

Bei einem gemeinsamen Mittagessen im Elysée am 20. Januar 1990 warnte er die britische Regierungschefin, dass Deutschland nach einer Wiedervereinigung mehr Einfluss in Europa gewinnen werde «als Hitler je hatte». Gemäss Thatchers aussenpolitischem Berater Charles Powell prophezeite Mitterrand gar die Rückkehr des «bösen Deutschen».

«Abnützungskrieg» gegen Thatcher

Doch auch der britische Report zeigt in erster Linie Margaret Thatcher als Bremserin. Bereits im September 1989, zwei Monate vor dem Mauerfall, soll sie bei einem Besuch in Moskau gegenüber dem sowjetischen Staatschef Michail Gorbatschow gesagt haben: «Wir wollen kein vereintes Deutschland.» Am Ende aber war Thatcher mit ihrer Fundamentalopposition isoliert, sogar in der eigenen Regierung.

Die britische Diplomatie soll laut dem Bericht wesentlich weitsichtiger gewesen sein als die Regierungschefin, die Autoren des Buches sprechen gar von einem «Abnützungskrieg» des Aussenministeriums, der Thatcher langsam zermürbt habe. Am 3. Oktober 1990 war die Wiedervereinigung Tatsache, zwei Monate später wurde Margaret Thatcher durch eine Revolte in ihrer Konservativen Partei gestürzt.

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