Bankprofessor Hans Geiger: «Thiams Ziele sind unrealistisch»
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Bankprofessor Hans Geiger«Thiams Ziele sind unrealistisch»

Die Credit Suisse verliert Milliarden und streicht 4000 Stellen. Wirtschaftsprofessor Hans Geiger erklärt, was die Bank falsch macht und ob es noch schlimmer kommt.

von
K. Wolfensberger

Herr Geiger*, Tidjane Thiam sagte, er lasse sich nicht vom kurzfristigen Absinken des Aktienkurses beeinflussen, er denke langfristig. Wie bewerten Sie diese Aussage des CS-Chefs?

Als Chef ist er verantwortlich für das langfristige Wohlergehen des Unternehmens. Die Frage ist aber, ob die Aktionäre dies auch so sehen. Wer die Aktie vor Kurzem gekauft hat, wird sich ärgern. Unklar ist derzeit primär: Kann die Credit Suisse längerfristig so wie heute weiter bestehen.

Heisst das, die Bank könnte gewisse Geschäftsbereiche bald verkaufen?

Wenn jemand sie tatsächlich kaufen will, dann schon. Thiam wollte beispielsweise letztes Jahr das US-Wealth-Management verkaufen. Er fand aber keinen Käufer, sondern verlor das Geschäft ohne Ertrag. Das ist ein Problem. Denn mit ihren aktuellen fünf Geschäftsfeldern und dem vorhandenen Kapital ist die CS nicht längerfristig überlebensfähig.

Das klingt nicht gerade positiv. Könnten noch mehr Stellen als erwartet abgebaut werden?

Die Frage ist vor allem, ob die Stellen unter dem Dach der CS bleiben oder nicht. Das Investment-Banking könnte schon bald in andere Hände übergehen. Vor allem, weil es wohl günstig zu haben ist. Ein Verkauf wäre gut, weil es nicht zur Strategie der CS passt. Es braucht zu viel Eigenkapital.

Wer kommt als in Käufer in Frage?

Im Investment-Banking ist derzeit vieles im Fluss. Ich könnte mir eine amerikanische Investment-Bank als Käufer vorstellen. Allenfalls wäre es für eine solche aber cleverer, die besten Mitarbeiter der CS abzuwerben. Es gibt eine Regel, die mir einst ein Investment-Banker vor zwanzig Jahren auf den Weg mitgab. Sie lautet: «Kaufe keine Bank, kaufe Banker.»

Wie sieht es mit dem Asien-Geschäft der CS aus, das Herr Thiam ja forcieren möchte?

Zwar läuft das Asien-Pazfik-Geschäft gut. Das Problem ist: Im Vergleich zur UBS ist die CS hier ein kleiner Fisch. Als wertvoller Kern der CS bleibt derzeit also nur der Schweiz-Teil, die Universalbank. Das ist de facto die ehemalige Schweizerische Kreditanstalt (SKA). Herrn Thiams Plan ist, einen Teil dieses Geschäfts separat an die Börse zu bringen. Man wird sehen, wie viel Geld dies bringt. Vielleicht bringt der CS-Chef sie sogar komplett an die Börse. Das wäre dann aber ein Rückschritt in die Vergangenheit. Die Fusion von 1996/1997 wäre wieder rückgängig gemacht.

Herr Thiam hält an seinen strengen Zielen bis 2018 fest. Wird er diese erreichen?

Nein, seine Ziele sind unrealistisch. Es fehlt ihm dazu das Kapital. Die Goodwill-Abschreibungen in Bezug auf den Kauf der im Jahr 2000 erworbenen amerikanischen Investmentbank Donaldson, Lufkin & Jenrett (DLJ) hat viel Eigenkapital verschwinden lassen. Thiams erst gerade durchgeführte Kapitalerhöhung war somit für die Katz.

*Hans Geiger ist emeritierter Banking-Professor der Universität Zürich.

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