Lovely Me: Thomas (37) führt ein Leben ohne Geruchssinn
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Lovely MeThomas (37) führt ein Leben ohne Geruchssinn

Es ist eine Horrorvorstellung für viele Menschen: Der Verlust des Geruchssinnes. Thomas (37) lebt damit, seit er denken kann. Schwierigkeiten nimmt der Berner locker.

von
Vincent Vogler
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Egal wo Thomas (37) seine Nase reinhält …

Egal wo Thomas (37) seine Nase reinhält …

privat
… riechen kann er nichts.

… riechen kann er nichts.

privat
Der Berner leidet unter Anosmie, also dem vollständigen Verlust seines Geruchssinnes. 

Der Berner leidet unter Anosmie, also dem vollständigen Verlust seines Geruchssinnes.

privat

Darum gehts!

  • Thomas (37) kann sich nicht erinnern, jemals etwas gerochen zu haben.

  • Woher die Anosmie kommt, weiss er nicht.

  • Obwohl er im Alltag Schwierigkeiten hat, stört ihn der fehlende Geruchsinn nicht.

  • Er wünscht sich von seinen Mitmenschen mehr Respekt und Toleranz.

Thomas, was macht dich besonders?

Ich leide unter Anosmie, also dem vollständigen Verlust meines Riechvermögens. Dazu kommt ein stark eingeschränkter Geschmackssinn.

Kannst du seit deiner Geburt nichts riechen?

Das ist schwer zu sagen. Klar ist, dass ich mich nicht daran erinnern kann, jemals etwas gerochen zu haben. Als ich ein kleiner Junge war, glaubte mir mein Umfeld nicht wirklich, dass ich einen fehlenden Geruchssinn habe. Ich hörte oft, dass ich das noch trainieren müsse oder etwas falsch mache. Diese Sätze wiederholten sich so oft, dass ich irgendwann selbst an mir zweifelte. Erst als Teenager liess ich mich ärztlich testen. Der Arzt gab mir 20 Zigarettenschachteln, die mit verschiedenen Duftstoffen gefüllt waren. Ich sollte sie bekannten Gerüchen zuordnen. Mein Ergebnis: Zwei richtig, 18 falsch, wobei ich bei allen geraten habe. So kam ich zur Diagnose Anosmie. Nachdem ich den Befund schwarz auf weiss hatte, wurde ich etwas selbstsicherer und mein Umfeld toleranter.

Warum hast du deinen Geruchssinn verloren?

Das ist leider unklar. Der Arzt suchte nach einem Grund dafür, konnte aber keinen finden. Die Anosmie könnte durch eine Infektion ausgelöst worden sein, vielleicht war sie aber auch ein Geburtsfehler oder ich bin als Kleinkind einfach unglücklich auf die Nase gefallen – man weiss es nicht. Jedenfalls mutmasste der Arzt, das auch mein Geschmackssinn beeinträchtigt sein könnte, da dieser bei fehlendem Riechvermögen oft ebenfalls eingeschränkt ist. Vermutlich ist das auch bei mir der Fall: Ich besitze wahrscheinlich nur etwa 60 Prozent des durchschnittlichen Geschmackssinnes eines Menschen. Ich kann zwar süss und salzig voneinander unterscheiden, ähnliche Geschmäcker, wie beispielsweise verschiedene Sorten Rotweine, kann ich jedoch nicht auseinanderhalten.

Bist du in deinem Alltag eingeschränkt?

Es gibt schon Zeitpunkte, in denen ich gerne etwas riechen würde: Ich wollte meiner Frau einmal ein Parfum kaufen, was sich logischerweise ziemlich schwierig gestaltete. In solchen Momenten muss ich mich auf den*die Verkäufer*in verlassen. Was mir ebenfalls schwer fällt, ist zu erkennen, ob ein Lebensmittel noch geniessbar ist. Hierfür habe ich nur meinen Sehsinn. Meine Frau ist mir in solchen Fällen eine enorme Hilfe. Die Ärzt*innen rieten mir eindringlich nie in eine Wohnung mit Gasherd zu ziehen, da ich ein Leck an der Gasleitung nicht bemerken würde.

Auf der anderen Seite gibt es aber auch Situationen, in denen ich froh bin, nichts zu riechen: Beispielsweise, wenn ich in einer Kläranlage eine Arbeit zu erledigen habe oder wenn die Bauern die Gülle auf die Felder bringen. Bei meiner Arbeit als Elektriker bin ich zum Glück kaum eingeschränkt. Ärgerlich ist aber, dass ich mich nicht im Stande sah unseren Familienbetrieb, eine Schnapsbrennerei, zu übernehmen. Das wurmt mich schon etwas, aber ich musste pragmatisch entscheiden.

Insgesamt stört mich die Anosmie kaum. Ich habe mich, seit mir in meiner Jugend das Attest ausgestellt wurde, nicht mehr mit dem aktuellen Stand der Forschung auseinandergesetzt. Ich weiss nicht, ob man mich jetzt heilen könnte. Ehrlich gesagt, ist mir das auch nicht wichtig, der fehlende Geruchsinn ist ganz normal für mich, ich kenne es nicht anders. Es wäre sicher etwas anderes, wenn mein Geruchssinn erst im 20. Lebensjahr schlagartig verschwunden wäre.

Wie reagieren deine Mitmenschen auf die Anosmie?

Ich habe in einem Internetforum gelesen, dass Menschen mit Anosmie oft Angst davor haben, einen für Mitmenschen unangenehmen Geruch zu verbreiten. Das war bei mir in der Pubertät auch so: Manchmal sagte jemand, ich solle doch bitte etwas Deo oder Parfum benutzen, ich rieche etwas streng. Das ist schon sehr unangenehm. Um solche Situationen zu vermeiden, habe ich mich dann zu stark parfümiert, worauf ich wiederum hörte, ich solle etwas weniger Deo verwenden. Durch die verschiedenen Feedbacks konnte ich allmählich lernen, wie ich parfümierte Pflegeprodukte dosieren muss.

Auch sonst führen Situationen im Alltag immer wieder dazu, dass ich von meiner Anosmie erzählen muss. Oft höre ich dann dieselben zehn Fragen. Es nervt manchmal schon, immer das Gleiche zu beantworten. Meistens sagen die Leute, dass sie damit nicht leben könnten und dass es das Schlimmste für sie wäre. Andere sind ungläubig und reagieren plump: Sie halten mir irgendwas unter die Nase und fragen: „Riechst du das nicht?“

Das verletzt mich sehr, denn so etwas würde man mit einem Blinden zum Beispiel ja auch nicht machen. Im Grunde bin ich aber gerne bereit, alle möglichen Fragen zu beantworten – wenn diese aus Interesse und mit Respekt gestellt werden.

Entsprichst du nicht den klassischen Schönheitsidealen, hast du viele Tattoos oder auch Body-Modifications? Hast du eine Krankheit, mit der du zu leben gelernt hast, oder hattest du einen Unfall und seither ist alles anders, aber nicht unbedingt schlechter? Dann erzähle uns davon! Für unser Format «Lovely Me» suchen wir Männer und Frauen, die nicht den klassischen Schönheitsidealen unserer Zeit entsprechen und sich trotzdem – oder gerade deswegen – wohlfühlen. Zeig dich, erzähle uns hier von deinen Erfahrungen mit Selbstliebe und Body-Positivity:

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