Corona-Massnahmen: Thurgauer Firma schickt wegen Homeoffice-Pflicht 100 Mitarbeiter heim
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Corona-MassnahmenThurgauer Firma schickt wegen Homeoffice-Pflicht 100 Mitarbeiter heim

Als erster Kanton hat der Thurgau eine Homeoffice-Pflicht verordnet. Erste Firmen reagieren und verlegen mehr Leute ins Homeoffice. Der Gewerbeverband kritisiert die Kantonsregierung scharf.

von
Daniel Waldmeier
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Der Storenbauer Griesser reagiert auf die Homeoffice-Pflicht. 

Der Storenbauer Griesser reagiert auf die Homeoffice-Pflicht.

zvg
«Es ist schade, dass ich den betroffenen Mitarbeitern nicht schöne Weihnachten wünschen kann», sagt CEO Urs Neuhauser. 

«Es ist schade, dass ich den betroffenen Mitarbeitern nicht schöne Weihnachten wünschen kann», sagt CEO Urs Neuhauser.

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Stadler Rail in Bussnang prüft die Homeoffice-Regel. 

Stadler Rail in Bussnang prüft die Homeoffice-Regel.

Doris Fanconi/Tages-Anzeiger

Darum gehts

  • Im Thurgau gilt neu «so weit wie möglich» eine Homeoffice-Pflicht. Er ist damit der erste Kanton, der die Homeoffice-Empfehlung verschärft.

  • Firmen schicken mehr Mitarbeiter ins Homeoffice oder überprüfen ihre Regeln.

  • Das Gewerbe ist überrumpelt: «Tausende von Betrieben werden nun ab Mittwoch die neuen Massnahmen zu vollziehen haben.»

Die Thurgauer Regierungsrätin Monika Knill (SVP) sagte an der Medienkonferenz vom Montag, ab Mittwoch gelte im Kanton eine Homeoffice-Pflicht. Gemäss der Verordnung müssen Arbeitgeber neu dafür sorgen, dass die Mitarbeiter ihre Arbeitsverpflichtungen «so weit wie möglich» von zu Hause aus erfüllen können. Dafür sollen sie entsprechende technische und organisatorische Massnahmen treffen.

Damit führt der Thurgau als erster Kanton eine Homeoffice-Pflicht ein, wie sie Bundesrat Alain Berset ursprünglich schweizweit vorgeschlagen hatte. Der Bundesrat verzichtete am Freitag aber vorderhand auf die Massnahme.

Griesser schickt Leute ganz ins Homeoffice

Im Thurgau führt der Entscheid dazu, dass erste Firmen ihre Homeoffice-Praxis anpassen, etwa der Thurgauer Storenbauer Griesser mit 1200 Mitarbeitern. CEO Urs Neuhauser sagt zu 20 Minuten, dass das Unternehmen auf die neue Homeoffice-Pflicht des Kantons reagiere. «Unser Backoffice wird ab Mittwoch ins Homeoffice verlegt. Es sind etwa 100 Mitarbeiter.» Diese hätten teilweise bereits im Homeoffice gearbeitet, die meisten seien zwei bis drei Tage zu Hause geblieben. Der Entscheid des Kantons sei zu akzeptieren, sagt Neuhauser. «Natürlich fehlt der persönliche Austausch. Es ist schade, dass ich den betroffenen Mitarbeitern nicht schöne Weihnachten wünschen kann.» Zentral sei aber, dass die unternehmerische Freiheit bestehen bleibe und die Produktion weiterarbeiten könne.

Andere Unternehmen überprüfen derweil die Homeoffice-Regel. Bei der Thurgauer Kantonalbank heisst es, dass derzeit rund ein Drittel der Mitarbeitenden im Homeoffice sei. «Wir prüfen aufgrund der jüngsten Medienmitteilung des Kantons Thurgau, ob wir den Anteil noch erhöhen können. Es gibt bei uns aber auch zahlreiche Funktionen, bei denen Homeoffice nicht oder nicht vollumfänglich möglich ist», sagt Anita Schweizer, Leiterin Kommunikation der Bank.

Auch Fabian Vettori, Sprecher der Zugbauers Stadler Rail, sagt: «Seit der Bundesrat im Herbst die Homeoffice-Empfehlung erneuert hat, gilt bei uns wieder eine Homeoffice-Regelung, namentlich im Bürobereich.» Dennoch prüfe man nach dem Entscheid der Thurgauer Regierung, ob die Regelung Auswirkungen auf die Standorte im Kanton habe.

Gewerbeverband spricht von «Aktionismus»

Sauer reagiert das Gewerbe. Der Thurgauer Gewerbeverband kritisiert die Verschärfungen in einer Mitteilung scharf. «So ist die Pflicht zum Homeoffice im industriell-gewerblich geprägten Kanton nicht sehr plausibel. Die wenigen grossen Dienstleistungsbetriebe im Kanton setzen bereits auf das Homeoffice oder haben andere Massnahmen getroffen, um ihre Mitarbeitenden zu schützen. Die unzähligen kleinen und mittleren Betriebe können Homeoffice punktuell einsetzen, aber eine Pflicht ist unnötig.»

Die drei Schutzmassnahmen Masken, Distanz und Händewaschen seien in den gewerblich geprägten Unternehmen mit eher wenig Büroarbeitsplätzen ausreichend. Und: «Im ländlich geprägten Thurgau sind immer noch sehr viele Mitarbeitende mit dem eigenen Auto unterwegs zur Arbeit, sodass die Ansteckungsgefahr im öffentlichen Verkehr ebenfalls gering ist.» Eine Homeoffice-Pflicht möge in grossen Städten sinnvoll sein, im Thurgau sei sie wenig verständlich und «macht den Eindruck eines gewissen Aktionismus».

«Informationen sind interpretationsbedürftig»

Ganz besonders bedauert der Verband die kurze Vorlaufzeit. «Tausende von Betrieben werden nun ab Mittwoch die neuen Massnahmen zu vollziehen haben. Die vorliegenden Informationen des Kantons sind aber interpretationsbedürftig. Ein vorzeitiger Austausch mit den Sozialpartnern hätte es möglich gemacht, die jetzt vermutlich zahlreich eintreffenden Rückfragen und Unklarheiten aufzufangen und zu klären.»

Das Eidgenössische Departement des Innern plante eine schweizweite Verschärfung der Homeoffice-Pflicht. Diese stiess auf Widerstand, auch weil man befürchtete, aus der Bestimmung lasse sich ein Recht auf Homeoffice ableiten. Der Bundesrat forderte die Kantone jedoch auf, die Massnahmen zu verschärfen.

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