OECD-Ranking – Tiefe Kita-Quote – «Kinder können im Kindergarten kaum sprechen»
Publiziert

OECD-RankingTiefe Kita-Quote – «Kinder können im Kindergarten kaum sprechen»

Die Schweiz liegt gleich nach der Türkei am Ende des OECD-Rankings bei der Kleinkinderbildung. Ein besseres Betreuungsangebot könnte Kindern aus benachteiligten Verhältnissen helfen.

von
Fabian Pöschl
1 / 9
Die Schweiz hat nach der Türkei die tiefste Quote an Kindern von drei bis fünf Jahren, die in einer Bildungseinrichtung wie in einer Kita sind.

Die Schweiz hat nach der Türkei die tiefste Quote an Kindern von drei bis fünf Jahren, die in einer Bildungseinrichtung wie in einer Kita sind.

imago images/Michael Gstettenbauer
In  anderen Ländern wie Frankreich sind es fast 100 Prozent der Kinder, die in der Kita oder einer ähnlichen Einrichtung sind.

In anderen Ländern wie Frankreich sind es fast 100 Prozent der Kinder, die in der Kita oder einer ähnlichen Einrichtung sind.

imago images/Michael Gstettenbauer
Das zeigt das OECD-Ranking.

Das zeigt das OECD-Ranking.

OECD

Darum gehts

Die Schweiz bekommt gute Noten für ihr Corona-Krisenmanagement. Die Massnahmen des Bundes etwa mit Kurzarbeit bewahrten die Wirtschaft vor grossen negativen Auswirkungen, sagte die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) am Donnerstag bei ihrem Schweizer Länderbericht.

«Die Schweiz ist einer der Top-Performer bei der Produktivität», sagte OECD-Generalsekretär Mathias Cormann (siehe Box). Doch auch bei den Besten gebe es noch Möglichkeiten zur Verbesserung. So kritisierte er etwa, dass die Schweiz nach der Türkei die tiefste Quote bei der Kleinkinderbildung hat.

Wirtschaft auf Vorkrisenniveau

Schweiz fast am Ende des OECD-Rankings

Nur etwa 50 Prozent der Kinder von drei bis fünf Jahren in der Schweiz sind in Einrichtungen der frühkindlichen Bildung und Betreuung wie einer Kita eingeschrieben. In anderen Ländern wie Frankreich, Israel oder Grossbritannien liegt die Quote hingegen bei fast 100 Prozent.

Vor allem Kinder aus bessergestellten Familien gehen in die Kita. Das ist kaum verwunderlich angesichts der weltweit höchsten Kosten für die Betreuung der Kinder. Die OECD hält die tiefe Quote für bedenklich: Ein grösseres Kinderbetreuungsangebot und ein besserer Zugang zu frühkindlicher Bildung könnte Kindern aus benachteiligten Verhältnissen helfen, später im Leben bessere Chancen zu haben, heisst es im Bericht.

«Die Kinder kommen in den Windeln in den Kindergarten»

«Manche Kinder haben kein Sozialverhalten, weil sie den ganzen Tag vor dem PC oder Fernseher sind», sagt der SP-Nationalrat und frühere Lehrer Matthias Aebischer zu 20 Minuten. Die Folgen seien gravierend. «Diese Kinder können dann im Kindergarten kaum sprechen oder müssen noch Windeln tragen, das kann man nie mehr aufholen», so Aebischer.

Andere Länder wie Italien oder Frankreich seien schon viel weiter bei der frühkindlichen Betreuung. Dort gingen alle Kinder ab drei Jahren in die Spielgruppe oder in die Kita. «Wir haben das beste Bildungssystem der Welt, aber auf der Vorkindergartenstufe sind wir ein Entwicklungsland», sagt Aebischer.

Der SP-Politiker lancierte deshalb 2017 eine Motion im Parlament. Mit dieser will er erreichen, dass der Bund die Kantone besser unterstützt, damit alle Kinder eine Chance auf frühkindliche Betreuung haben.

Eltern sollen selbst entscheiden

Alt-SVP-Nationalrat Toni Bortoluzzi hingegen findet die Nähe zu den Eltern wichtiger als die Kita. Es gebe auch viele Grosseltern, die sich um die Kinder kümmern möchten. Diese Kinder hätten keine Nachteile gegenüber Kita-Kindern.

Von staatlichen Massnahmen wie einem Kita-Zwang hält Bortoluzzi nichts: «Wir sind nicht in der DDR, wo alle in die Kita mussten. Ich bin ein freiheitsliebender Mensch und es ist die Freiheit der Eltern, selber zu entscheiden, wie sie ihr Kind erziehen wollen.»

In der Kita die Welt entdecken

Der Pädagoge Dominik Büchel spricht sich aber für die Kita aus: «Kinder brauchen eine anregungsreiche Umgebung, verlässliche Begleitpersonen und Gleichaltrige, um die Welt entdecken zu können.» Büchel ist Geschäftsführer des Vereins Alliance Enfance, der sich für die Entwicklung von Kindern einsetzt.

Dabei gehe es nicht ums explizite Lernen eines Schulstoffs, sondern darum, «sich spielerisch Wissen und Sozialverhalten anzueignen, zu lernen, wie man richtig kommuniziert und sich in einer Gruppe verhalten kann», so Büchel.

Das sei für Kinder bis vier Jahre besonders wichtig. «In der frühen Kindheit werden schon viele Weichen gestellt, die biologische Entwicklung zum Beispiel des Gehirns ist schon nach der Geburt voll im Gang», so Büchel. Nachher gehe das nicht mehr. Wer solche Erfahrungen als Kind nicht mache, beginne die schulische Laufbahn mit einem Rückstand.

My 20 Minuten

Deine Meinung

640 Kommentare