Aktualisiert 04.01.2013 11:53

Veterinärmedizin

Tiere mit menschlichen Leiden

Hierzulande lassen sich Tierbesitzer die Gesundheit ihrer Lieblinge jedes Jahr Millionen kosten. Kein Wunder, erlauben doch die Fortschritte in der Tiermedizin immer bessere Behandlungen.

In der Schweiz herrscht ein regelrechter Haustierwahn. In jedem dritten Haushalt lebt mindestens ein Haustier. Katzen und Hunde stehen dabei auf der Beliebtheitsskala ganz oben.

Die Gesundheit der pelzigen, gefiederten oder geschuppten Familienmitglieder lassen sich deren Besitzer einiges kosten: Millionen von Franken werden jährlich für den Tierarzt ausgegeben. So boomt auch die Tiermedizin, die immer bessere Behandlungsmethoden entwickelt.

«Blut abnehmen ist bei einem Tapir riskant»

Elefant, Brillenbär oder Kolibri: Jean-Michel Hatt, Tierarzt im Zoo Zürich, weiss, wie man exotische Patienten richtig anfasst.

Herr Hatt, was fasziniert Sie an exotischen Tieren?

Jean-Michel Hatt: Die grosse Vielfalt. Allein im Zoo Zürich gibt es etwa 400 verschiedene Arten aus der ganzen Welt. Oft betrete ich Neuland, wenn ich ein bestimmtes Tier zum ersten Mal behandle. Das macht die Arbeit sehr abwechslungsreich.

Woher wissen Sie, wie Sie Exoten behandeln müssen?

Meist hilft der Vergleich mit besser erforschten Tierarten. Häufig ziehe ich auch Spezialisten zurate, manchmal sogar Humanmediziner. Zum Beispiel, als ein Orang-Utan-Weibchen im Zoo Zürich einen Tumor an der Gebärmutter hatte und dieser entfernt werden musste. Dabei hat uns eine Gynäkologin vom Unispital Zürich geholfen.

Gibt es besonders schwierige Patienten?

Jedes Tier ist anders. Ich versuche jeweils die charakteristischen Verhaltensweisen für die Therapie zu nutzen. Zum Beispiel bringt man Frösche dazu, ein Medikament zu nehmen, indem man es auf kleine Fliegen aufträgt. Diese verschlingen sie dann freiwillig.

Welche Tricks wenden Sie bei grossen Tieren an?

Beispielsweise lassen sich Tapire fürs Leben gern kraulen. Dabei verfallen sie in eine Art Trance und halten still, sodass man ihnen sogar Blut abnehmen kann. Trotzdem darf man sie nicht unterschätzen. Ein Angriff kann wegen ihrer kräftigen Zähne sehr gefährlich sein.

Wurden Sie schon einmal verletzt?

Einmal hat mich ein Hausschwein ins Knie gebissen, als ich zu dicht an seinem Futtertrog stand. Wahrscheinlich dachte es, ich wolle ihm sein Essen streitig machen. So etwas passiert, wenn man nicht genügend auf der Hut ist, weil man ein vermeintlich harmloses Tier vor sich hat. Bei einem Tiger wäre mir das nicht passiert.

(Claudia Hoffmann)

Diabetes-Medikament für die Katze

Nicht nur Menschen, auch Haustiere leiden an Zivilisationskrankheiten. Häufige Ursachen: zu viel Futter und zu wenig Bewegung. «Wog eine Katze vor einigen Jahren noch durchschnittlich 3,5 Kilogramm, sind es heute rund 5,5 Kilogramm», sagt Claudia Reusch, Leiterin der Klinik für Kleintiermedizin der Uni Zürich. Das ist problematisch, denn mit der Gewichtszunahme steige für die Katze auch das Risiko, an Diabetes zu erkranken. Weil die Krankheit ähnliche Ursachen und Folgen hat wie beim Menschen, spannt die Tierexpertin für ihre Forschung auch mit Humanmedizinern zusammen. In einer aktuellen Studie setzt sie ein Diabetes-Medikament ein, das ursprünglich für menschliche Patienten entwickelt worden ist. Nun will die Forscherin untersuchen, wie gut es bei Katzen mit Diabetes wirkt. Dafür werden noch tierische Probanden gesucht, bei denen erst vor kurzem Diabetes diagnostiziert wurde. (Teilnahme: ipadrutt@vetclinics.uzh.ch)

Damit Haustiere gar nicht erst Diabetes oder andere Zivilisationskrankheiten bekommen, sollten Halter für eine ausgewogene Ernährung sorgen. Was das heisst, verraten Experten um Annette Liesegang vom Institut für Tierernährung der Uni Zürich.

(fee)

Auch Papageien werden depressiv

Der Hund, der sich nach Herrchens Tod zu Tode hungert. Der Papagei, der sich nach dem Verlust seines Partners die Federn rupft. Rührende Geschichten gibt es viele. Doch empfinden Tiere wirklich Trauer, oder ist das die Interpretation des Menschen? «Was Tiere genau empfinden, wissen wir nicht», sagt Wolfgang Zenker, Fachtierarzt für Zootiere in Uster. «Sie können es uns ja nicht sagen. Aber es ist offensichtlich, dass sie starke Emotionen haben.»

Beispielweise sammeln sich bei wildlebenden Elefanten ganze Herden um ein sterbendes Tier, das häufig mit Erde und Zweigen bedeckt wird. Bei Menschenaffen tragen Mütter ihr totes Baby noch tagelang mit sich herum. Aus solchem seelischen Schmerz kann wie bei Menschen eine Depression entstehen. Besonders oft ist das bei privat gehaltenen Papageien der Fall, weiss Tierarzt Zenker. «Deshalb behandle ich sie mit Antidepressiva», sagt er.

Dass eine Depression ein Tier bis in den Selbstmord treiben kann, glaubt Zenker nicht. «Suizid würde bedingen, dass zum Beispiel ein Hund, der die Nahrung verweigert, die Konsequenz seines Verhaltens kennt. Was er nicht tut.» Zenker spricht lieber von «selbstzerstörerischem Verhalten». Allerdings seien lang anhaltende psychische Störungen nur bei Haustieren zu finden, sagt der Spezialist. Denn in der freien Wildbahn würde ein depressives Individuum auf Dauer nicht überleben.

(Beat Glogger)

Künstliche Hoden für kastrierte Hunde

Fettabsaugen, Lifting, Implantate: Schönheitsoperationen gibt es nicht nur für Frauchen und Herrchen, sondern auch für den Hund – vor allem in den USA. Dort lassen Besitzer ihren kastrierten Vierbeinern beispielsweise gern Hodenimplantate einsetzen. Auch hierzulande führen Tierärzte diese Operation gelegentlich durch. «Allerdings ist das nur erlaubt, wenn das Implantat direkt nach der Kastration eingesetzt wird», sagt Julika Fitzi, Präsidentin der Gesellschaft Schweizer Tierärzte.

Verboten ist es hingegen, den Hund extra dafür aufzuschneiden. Denn Operationen an Tieren zu rein ästhetischen Zwecken sind in der Schweiz illegal. Erlaubt sind jedoch Hautstraffungen bei faltigen Hunderassen – aus medizinischen Gründen. Denn diese leiden aufgrund der tiefen Falten oft an chronischen Hautentzündungen.

(ho)

Schwein gehabt!

«Meine Wohnung teile ich mit vier Meerschweinchen – weil ich einfach nicht nein sagen kann. Immer wieder «adoptiere» ich Tiere, die von ihren Besitzern abgeschoben oder falsch gehalten wurden. Diese kaufen die Meerschweinchen oftmals als Kuscheltiere. Und bedenken dabei nicht, dass diese ach so putzigen Tiere nicht die gleichen Bedürfnisse haben wie wir Menschen. Zum Knuddeln sind sie beispielsweise vollkommen ungeeignet. Streicheleinheiten und hochgehoben werden empfinden sie als Stress.

Was sie stattdessen brauchen, sind Artgenossen, ein grosses Gehege und jede Menge Verstecke. Für mich als Meerschweinchen- Mami heisst es dann vor allem: Kot wegputzen! Und das für eine sehr lange Zeit. Denn die kleinen Nager können bis zu acht Jahre alt werden.

Manchmal raufe ich mir deswegen die Haare. Vor der Anschaffung von Haustieren sollte man sich also gut überlegen, worauf man sich einlässt. Denn es hört nie auf, gerade bei Meerschweinchen: Diese dürfen nämlich nicht allein gehalten werden. Lebt nur noch eins, braucht dieses wieder einen neuen Partner. Einmal Meerschwein heisst also: immer Meerschwein!»

Eva WaiblingerDie Zoologin Eva Waiblinger ist Leiterin der Fachstelle Heimtiere beim Schweizer Tierschutz STS.

Eva WaiblingerDie Zoologin Eva Waiblinger ist Leiterin der Fachstelle Heimtiere beim Schweizer Tierschutz STS.

Eva WaiblingerDie Zoologin Eva Waiblinger ist Leiterin der Fachstelle Heimtiere beim Schweizer Tierschutz STS.

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in 20 Minuten wird unterstützt durch die GEBERT RÜF STIFTUNG und die Stiftung Mercator Schweiz.

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