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Tödlicher FehlerTierpflegerin hatte Tiger Altai wohl übersehen

Die Wärterin im Kölner Zoo, die von Amurtiger Altai angefallen und getötet wurde, hat wohl einen entscheidenden Fehler gemacht - nicht zum ersten Mal.

von
meg

Zwei Jahre lang schaute Tierpflegerin Ruth K. im Kölner Zoo zu Tiger Altai. Am vergangenen Samstag wird sie von dem Amurtiger angegriffen und tödlich verletzt. Die Pflegerin mit «jahrzehntelanger Erfahrung» machte einen tödlichen Fehler – sie hatte Altai wohl einfach übersehen.

Kurz vor 12 Uhr will Ruth K. das Innengehege säubern. Dieses besteht gemäss Informationen von Bild.de aus fünf kleineren Käfigen. Je eine Gitterluke führt aus den Zellen ins Aussengehege. Auch an diesem Samstag sollten die fünf Tiger durch die Luke nach draussen gehen, damit Ruth K. die Gehege säubern kann. Doch Altai bleibt aus ungeklärten Gründen in seiner Zelle. Als Ruth K. vom sogenannten Wirtschaftsbereich in die Tigerkäfige geht, übersieht sie vermutlich das 300-Kilo-Tier. Sie geht ins Innengehege, öffnet die Türen, die die einzelnen Zellen untereinander verbindet. Dann beisst Altai zu.

Tiger? Löwen? Töwen!

Nicht ihr erster Fehler

Wie der «General Anzeiger» berichtet, unterlief der erfahrenen Ruth K. schon einmal ein ähnlicher Fehler. Im Jahr 2002 betrat sie ein Leoparden-Gehege, ohne das Tier vorher einzusperren. Nur mit viel Glück entging sie einem Angriff des Tiers: Ein Lehrling, der zufällig in der Nähe stand, konnte die Raubkatze mit gezielten Wasserspritzern vertreiben. Ruth K. blieb damals unverletzt. Diesmal kommt es zur Tragödie.

Als Altai zubeisst, macht Zoo-Direktor Theo Pagel gerade einen Spaziergang mit seinem Hund. Dann schrillt sein Mobiltelefon. Pagel wohnt direkt neben dem Zoo. Sofort holt er ein grosskalibriges Gewehr aus einem Schrank und geht zum Tigergehege. Die beiden tödlichen Schüsse, die er durch eine Dachluke auf Altai abfeuert, kommen für Ruth K. allerdings zu spät. «Der Tiger hat die Pflegerin umgeworfen und mit einem einzigen Biss von hinten in den Hals verletzt,» erklärt Zoo-Vorstand Christopher Landsberg.

Den finalen Schuss gibt der Kölner Zoo-Direktor ab, weil die Polizei mit den üblichen Dienstpistolen nicht viel hätte anrichten können. Deshalb stehen im Zoo stets grosskalibrige Waffen bereit, die auch Elefanten töten könnten. Neun Mitarbeiter haben im Kölner Zoo gemäss Bild.de Schiesserlaubnis, regelmässig werde geübt. Zudem stehe immer ein Mitarbeiter mit Schiesserlaubnis im Einsatz.

Die Tierschutzorganisation Endzoo hat nach der tödlichen Attacke eine Überprüfung der Sicherheitsstandards in deutschen Tierparks gefordert. Es gebe mittlerweile Systeme, die ein gefahrloses Öffnen und Schliessen von Schleusen und Gehegen garantierten, teilte Endzoo am Montag mit. Offenbar sei das System in Köln nicht installiert gewesen oder hatte Mängel.

Die Tierschutzorganisation kritisierte weiter, es sei fahrlässig, dass sich die verunglückte Pflegerin ganz offensichtlich alleine bei den Tigern befand. «Wir meinen, dass der Tod der Mitarbeiterin und des Tigers hätten verhindert werden können.» Deshalb müsse es nun bundesweite Sofortkontrollen und eine Überarbeitung aller Zoo-Sicherheitsstandards geben.

Zoo Frankfurt geht über die Bücher

Der Frankfurter Zoo hat bereits reagiert und seine Sicherheitsvorkehrungen überprüft. Das sagte Zoodirektor Manfred Niekisch am Montag im Hörfunksender HR-Info. «Wir können uns nicht vorstellen, dass so etwas bei uns passiert», fügte er hinzu. Zugleich verteidigte er den Kölner Zoodirektor gegen Kritik an der Erschiessung des Tigers nach der Attacke.

«Man musste nach dem Angriff davon ausgehen, dass die Pflegerin noch lebte», sagte Niekisch. Eine Betäubung des Tigers aber hätte etwa 15 Minuten gedauert. «Der Kölner Kollege hatte keine andere Wahl», fügte der Frankfurter Zoodirektor hinzu. Der Kölner Zoo wollte sich am Montag nicht dazu äussern, ob aus dem Unfall Konsequenzen bei den Sicherheitssystemen gezogen werden.

Ein Sprecher der Tierschutzorganisation WWF kritisierte die Tierhaltung in Zoos. Tiger in Zoos seien allesamt verhaltensgestört, «Ausbrüche und tödliche Unfälle sind daher programmiert», sagte Jörn Ehlers. Auch die Tierrechtsorganisation Peta pflichtete bei und kritisierte, das Unglück habe sich angebahnt. «Durch die artwidrige Haltung in viel zu kleinen Gehegen nutzen die Raubkatzen jede sich bietende Möglichkeit, ihrem Gefängnis zu entkommen», warnte Peta.

Manfred Niekisch, Direktor des Frankfurter Zoos, widersprach den Vorwürfen: «Dass Altai die Pflegerin von hinten attackiert hat, spricht eher dafür, dass seine Raubtierinstinkte völlig intakt waren. Tiger greifen nun einmal an, wenn man zu ihnen in den Käfig geht.»

Die Staatsanwaltschaft untersucht derweil die genauen Umstände des tödlichen Unfalls. «Die Ermittlungen dauern an», sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft. Es werde nun geprüft, was letztendlich in dem Gehege passiert sei. Es werde in alle Richtungen ermittelt, beispielsweise auch, ob die Sicherheitsvorkehrungen des Zoos ausreichend waren. Derzeit geht die Staatsanwaltschaft von einem Betriebsunfall aus. (meg/dapd)

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