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Tierschützer prangern Wald- und Wiesen-Sheriffs an

Jedes Jahr «rächen» sich Jäger für ihr Jagdpech an angeblich «wildernden» Katzen und knallen sie ab: Der Präsident des Tierschutzvereins St. Gallen und Umgebung (TSV), Erich Feineis, protestiert gegen diese Praxis.

Tierquälerische Praktiken bei der Jagd auf Wildtiere, wie die Bejagung von sogenannten «Schädlingen» während der Jungenaufzucht, die laute Treibjagd und die völlig unnötige Baujagd blieben weiterhin erlaubt, schreibt Erich Feineis in seinem Editorial in den neusten Tierschutznachrichten.

Das gelte auch für die Jagd mit Schrot: Häufig würden Tiere nur verletzt und verendeten dann langsam, weil ein sogenannter Weidmann den für die Nachjagd nötigen Schweisshund nicht dabei habe oder weil er aus zu grosser Distanz auf ein flüchtendes Tier geschossen habe.

Frustbewältigung

Ein spezielles Kapitel seien die angeblich wildernden Hunde und Katzen, die von grüngewandeten Gewehrträgern zur Frustbewältigung abgeschossen würden, wenn ihnen das gewünschte Wild nicht vor den Lauf gekommen sei, schreibt Feineis weiter. Zahlen aus Deutschland belegten, dass dies häufiger geschehe als leichtgläubige Nichtjäger es für möglich hielten.

Häufig erregten freilaufende Hunde weidmännischen Unmut, auch wenn sie gar nicht gewildert hätten. Oft würden ignorante Hundehalter ihren «besten Freund» einfach nicht gut genug erziehen oder zu wenig beaufsichtigen.

Eine Million abgeknallte Katzen in Deutschland

Das Abknallen von freilaufenden Hauskatzen aber lasse sich in den allermeisten Fällen nicht mit «Wildern» rechtfertigen. Erhebungen aus Deutschland hätten in anonymen Umfragen sechs- bis siebenstellige Abschusszahlen von Katzen ergeben, schreibt Feineis.

Das bedeutet, dass in Deutschland pro Jahr rund eine Million Katzen von Jägern erlegt werden. In Deutschland ist der massenhafte Abschuss von Katzen - und Hunden - durch Jäger seit Jahren ein Thema und Gegenstand von heftigen Protesten von Tierschützern und Tierärzten.

In der Schweiz gibt es keine offiziellen Zahlen. Aber, dass Jäger jeweils zum Jagdende öfter mal auch einen «Katzenschmaus» veranstalten, ist keine Seltenheit.

Jedenfalls - so Feineis - müsse es manches «Hausbüsi» büssen, wenn dem Flintenmann mal kein Jagdglück beschieden gewesen sei und er auf dem Heimweg einfach seinen Frust loswerden wolle. Es gebe nur ganz vereinzelt solche selbst ernannten Wald- und Wiesen- Sheriffs, die die Verantwortung für das gehäufte Verschwinden von Hauskatzen trügen.

Komplizen

Beschämend sei allerdings, dass dieses Verhalten von deren Weidgenossen nicht nur akzeptiert, sondern auch gedeckt werde, indem der Mantel des Schweigens darüber gebreitet würde, schreibt Erich Feineis. Noch beschämender sei, dass der Gesetzgeber dieses Verhalten toleriere und sich damit zum Komplizen einer mitunter nicht über jeden Zweifel erhabenen Jägerschaft mache.

Katzen hätten als Vogelfängerinnen einfach einen schlechten Ruf. Sie stünden quasi unter Generalverdacht und könnten sich nicht auf die Unschuldsvermutung berufen. Die Ausrede, Katzen «wilderten» sei eines reine Schutzbehauptung, folgert Feineis.

Kastrieren statt abknallen

Reviere mit unkontrollierten, frei lebenden Katzenpopulationen sollten nicht einfach «leergeschossen» werden. Vielmehr sollte der Tierschutzverein informiert werden, rät Feineis. Die Katzen werden eingefangen und kastriert. Jungtiere werden sozialisiert und vermittelt.

Es sei sinnvoller, einen stabilen Bestand kastrierter Katzen zu erhalten, die durch eine Vertrauensperson beaufsichtigt und kontrolliert werden könnten und die ihr Revier auch gegen unerwünschte Zuzüger verteidigten. In «leergeschossene» Reviere wanderten nämlich immer neue Tiere ein, schreibt der Tierschützer.

Ausserrhoder Jäger dürfen keine Katzen schiessen

In Appenzell Ausserrhoden sind die Jägerinnen und Jäger ausdrücklich nicht berechtigt, Katzen abzuschiessen. Die Jägerschaft sei schriftlich darauf hingewiesen worden, sagt der Ausserrhoder Jagdverwalter Willi Moesch.

Es komme immer wieder vor, dass Sennen in den Alphütten Katzen zurückliessen, die dann verwilderten. Jäger hätten diese Tiere manchmal erlegt. Vor einem Jahr habe die Ausserrhoder Jagdverwaltung die Jäger schriftlich darauf aufmerksam gemacht, dass sie keine Katzen abschiessen dürften, sagt Moesch.

Falls verwilderte Katzen einmal zum Problem werden sollten, sei das Sache von Wilhüter und Jagdaufseher. Wenn überhaupt, würden Katzen nur sehr zurückhaltend geschossen. Immerhin streiften eben auch Hauskatzen manchmal in Waldesnähe umher.

«Praktisch nicht relevant»

Er habe keine Kenntnis von Katzenabschüssen, sagte der Leiter des St. Galler Amts für Jagd und Fischerei, Guido Ackermann auf Anfrage. Die Zahlen von Katzenabschüssen seien «praktisch nicht relevant». Es handle sich höchstens um «ein paar Dutzend», die «abseits der Siedlungen» geschossen würden.

Dabei handle es sich um «absolute Einzelfälle», sagt Ackermann. Genaue Zahlen liegen nicht vor. Aber die vollamtlichen Wildhüter hätten einen sehr guten Überblick und wüssten, was in ihren Jagdgebieten laufe. Sie würden solche Praktiken bemerken. Die Jäger suchten «solche Probleme» nicht. Extremfälle seien indes nicht auszuschliessen. (sda)

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