Pferde im Central Park: Tierschützer wollen Kutschen ausrangieren
Aktualisiert

Pferde im Central ParkTierschützer wollen Kutschen ausrangieren

Tierschützer in New York kämpfen darum, die beliebten Pferdekutschen im Central Park zu verbieten. Grosse Immobilienbesitzer sind auch dafür – aus eigenen Gründen.

von
Martin Suter
Die Kutschen im Central Park sind bei Touristen sehr beliebt.

Die Kutschen im Central Park sind bei Touristen sehr beliebt.

Wer den New Yorker Central Park durch den Eingang beim Plaza Hotel betritt, den empfängt ein untypisch ländlicher Geruch. Auf der leicht gekurvten Strasse trottet ihm ein Pferd nach dem anderen entgegen, jeweils eine Kutsche hinter sich ziehend, in der verzückte Touristen sitzen. Und in der Mitte der Wagenspur duftet, was die Zugtiere unweigerlich absondern.

Mit der Pferderomantik, wie auch der olfaktorischen Note, ist womöglich bald Schluss. In den letzten Wochen haben Tierschutzorganisationen ihren seit Jahren andauernden Kampf gegen Ross und Wagen verschärft. Sie argumentieren, dass sich Pferde inmitten des Verkehrsgewühls von Manhattan nicht artgerecht halten lassen. «Pferde erschrecken leicht», sagte Edita Birnkrant von der Tierschutzorganisation Friends of Animals zur «New York Times». «Der Lärm von New York City, das Chaos – das alles ist für sie eine gefährliche Umgebung, und sie gehören nicht hierher.»

Sieben Zwischenfälle

Tierfreunde nutzen aktuelle Ereignisse, um ihr Anliegen in die Öffentlichkeit zu tragen. Eine Gelegenheit ergab sich im Oktober, als das 15-jährige Zugpferd Charlie mitten auf einer Strasse in Manhattan zusammenbrach und an einem Magengeschwür starb. Am 4. Dezember rutschte ein weiteres Pferd aus und stürzte; es konnte sich aber wieder aufrappeln. Dieses Jahr kam es zu sieben Zwischenfällen mit Zugpferden, darunter ein Zusammenstoss mit einem Taxi.

Jeden Zwischenfall nehmen die Tierschützer zum Anlass, auf die nach ihrer Ansicht qualvolle Existenz der Pferde hinzuweisen: Neun-Stunden-Arbeitstage, Ausfahrten bei jedem Wetter, kein Auslauf. Fuhrhalter und Kutscher wehren sich energisch gegen die Anfeindungen. «In unserer Branche glauben viele, dass wir nicht überleben werden; sie fragen: wie lange haltet ihr noch durch?» sagte der Kutscher und Stallmanager Conor McHugh zur «Times». «Aber wir werden weiterkämpfen.»

50 Dollar pro 20 Minuten Ausfahrt

Mit früheren Zeiten lässt sich die aktuelle Situation nicht vergleichen. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts lebten bis 200 000 Pferde in New York. Jedes produzierte täglich etwa zehn Kilo Mist und einen Liter Urin, womit die Strassenreinigung häufig nicht fertig wurde. Geschundene oder kranke Tiere verendeten auf der Strasse: Im Jahr 1880 mussten 15 000 tote Pferde entsorgt werden.

Heute gibt es nur noch vier Ställe, in denen insgesamt 216 lizenzierte Zugpferde übernachten. In Manhattan rollen 68 Kutschen und schwingen 282 Kutscher die Peitsche. Diese können 50 Dollar pro 20 Minuten Ausfahrt im Park verlangen und 20 weitere Dollar für alle zusätzlichen 10 Minuten. An einem guten Tag liegen 15 Ausfahrten drin, so dass die Kutscher im Jahr 40 000 bis 100 000 Dollar verdienen. Insgesamt setzt das Business jährlich 15 Millionen Dollar um.

Im Kleinkrieg zwischen Tierschützern und Pferdehaltern werden alle Mittel eingesetzt. So zitierte die Amerikanische Vereinigung zur Verhütung von Gewalt gegen Tiere (ASPCA) im Nachgang zu Charlies Tod seine Tierärztin mit den Worten: «Charlie war kein gesundes Tier und litt wahrscheinlich unter Schmerzen». Doch später zog sie diese Aussage zurück und behauptete, sie sei von der Vereinigung gedrängt worden, ihre Befunde zu verdrehen, um die öffentliche Meinung gegen die Kutschen aufzubringen. Die Magengeschwüre seien kein Beweis für schlechte Tierhaltung, sagte sie nun.

Oldtimer statt Pferde

Der Streit hat längst die Politik erreicht. Letztes Jahr verabschiedete der Stadtrat ein Gesetz, das die Preise für die Ausfahrten erhöhte und vorschrieb, dass die Pferde in ihren Stallungen Raum zum Liegen erhalten müssen. Ferner erhalten die Tiere jedes Jahr fünf Wochen Ferien in einer Koppel oder auf einer Weide. Tierschützer hatten auch ein Verbotsgesetz vorgeschlagen. Es sah vor, die Kutschen durch elektrisch betriebene Oldtimer-Autos zu ersetzen. Eine Lobby-Gruppierung gegen die Pferdekutschen liess vor drei Jahren das 60 Zentimeter lange Modell eines solchen Gefährts bauen. Dessen Kosten wurden auf rund 150 000 Dollar veranschlagt.

Aber das Verbotsgesetz hat bisher keine Mehrheit gefunden. Bürgermeister Michael Bloomberg ist ein Freund der Pferdekutschen. «Zugpferde gehören aus Tradition zu New York City», sagte er letzte Woche. «Die Touristen lieben sie, und wir verwenden seit Menschengedenken Tiere, um Dinge zu ziehen. Sie werden gut behandelt, und wir sorgen dafür, dass sie weiterhin gut behandelt werden.»

Wolkenkratzer statt Ställe

Dennoch wird der Druck wohl zunehmen. Eine grosse Rolle spielen, wie immer in New York, Immobilieninteressen. Von den Ställen befinden sich mindestens zwei in bester Lage im Westen des Stadtteils nahe beim Hudson-River. Zu den Kutschengegnern hat sich Stephen Nislick gesellt, der CEO von Edison Properties, einem Immobilienunternehmen. Obwohl er konkrete Absichten in Abrede stellt, liegt die Vermutung nahe, dass er oder andere Generalunternehmer gern die Ställe abreissen und durch lukrative Wolkenkratzer ersetzen würde.

Wenn es so weit kommt und die Kutschen verboten werden, wird es den Pferden aber nicht garantiert besser gehen. Laut «Times» glauben Tierärzte nicht, dass es ausreichend freie Plätze in Schutzgehegen gibt. Einmal abgehalftert, würden die Pferde wohl ins Schlachthaus wandern.

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