Aktualisiert 04.12.2011 12:27

«Time-out»

Tigers-Krise tangiert auch den SC Bern

Langnaus Trainer John Fust (39) hat schon ein Eishockeywunder vollbracht. Aber noch nie eine Krise gemeistert. Nun muss er auch noch ein heilloses Ausländerchaos entwirren.

von
Klaus Zaugg
Langnaus Keeper Robert Esche steht im Brennpunkt des Geschehens, seine Fangquote gibt Anlass zu Diskussionen.

Langnaus Keeper Robert Esche steht im Brennpunkt des Geschehens, seine Fangquote gibt Anlass zu Diskussionen.

John Fust hat letzte Saison ein Eishockey-Wunder vollbracht. Mit einer Mannschaft, die nominell nicht besser war als die aktuelle, hat er die Playoffs auf Rang sechs erreicht. In eine Krise ist er bisher in seiner Trainerkarriere weder bei seiner früheren Tätigkeit in Visp noch mit den SCL Tigers geraten.

Doch nun ist sie da, seine erste Krise. Findet er eine Lösung, dann ist John Fust ein grosser Trainer. Findet er keine Lösung, ist er ein gewöhnlicher Trainer. Die SCL Tigers und John Fust haben nun 20 Spiele Zeit, um sich auf die Playouts einzustellen. Wie schwierig das wird, illustriert die 3:5-Niederlage in Zug. Die sechste Pleite in Serie.

Jammern über fehlende Substanz

Nach dem 3:5 in Zug sind in Langnau die alten Zeiten wieder da, die eigentlich längst überwunden schienen: Es ist wieder so wie in den Jahren unter dem notorischen Verlierer Christian Weber (2006 bis 2010): Es hat immer noch Blätter in den Bäumen. Aber der Manager, der Trainer und die Spieler wissen schon, dass sie im Frühjahr die Playouts bestreiten müssen. Sie dürfen es nur nicht sagen. Auf einmal sind auch unter John Fust die Ausreden da, die eigentlich niemand mehr hören wollte. Das Jammern über fehlende Substanz im Kader, Verletzungspech und ungenügende Leistungen der Ausländer. Die Klage, dass ein abschlussstarker ausländischer Stürmer fehle. Man habe doch zehn Spiele mit nur einem Tor Unterschied verloren, die Treffer ins leere Gehäuse nicht eingerechnet. Wo man da stehen würde, wenn...

Es ist wieder da, dieses «Hätte», «Könnte» und «Sollte», das Verlierer kennzeichnet. Und nach dem 3:5 in Zug ist auch der Vater aller Selbstbetrügereien zurück: Das Bejubeln eines gewonnen letzten Drittels bei einem verlorenen Spiel. Die Langnauer haben in Zug gegen den Tabellenführer ja tatsächlich das letzte Drittel gewonnen (2:0). «Das ist etwas, worauf wir bauen können» sagt John Fust. Ein Trainer, der das sagen muss, steckt mit seiner Mannschaft in der Krise. Dieses letzte Drittel zu gewinnen war nämlich keine Heldentat: Die Zuger spielten nur noch Zirkus-Hockey ohne jede defensive Absicherung.

Doch eines ist schon jetzt klar: In dieser schwierigen Situation ist John Fust in seinem Wesen und Wirken souveräner, cooler und charismatischer als sein Vorgänger – und das wird sich auf die Mannschaft positiv auswirken. Christian Weber war in der gleichen Lage jeweils ein Häufchen Elend, und er verkroch sich nach den Spielen im Bauch des Stadions, um ja den Reportern nicht Red und Antwort stehen zu müssen.

Ausländer bringen zu wenig

Nun wird es neben dem Eis in Langnau interessanter als auf dem Eis: John Fust muss nämlich zusammen mit Manager Ruedi Zesiger auch noch ein babylonisches Ausländerchaos entwirren. Auch wenn Langnaus Trainer sagt, es gebe nicht einfach einen, sondern mehrere Gründe für die Krise: Die völlig ungenügenden Leistungen der ausländischen Arbeitnehmer sind der Hauptgrund für das Scheitern in dieser Saison.

Joël Perrault ist nach 23 Spielen (5 Tore, 6 Assists) nach Ambri abgeschoben und durch den Verteidiger Mark Popovic ersetzt worden. Pascal Pelletier hat sich im Spiel gegen Servette eine Knieverletzung zugezogen. Wie lange er ausfällt werden weitere ärztliche Tests am Montag zeigen. Aber so oder so sind die diesjährigen Leistungen des Captains ungenügend (27 Spiele/ 10 Tore/11 Assists) und er war in den letzten Partien völlig ausser Form. Torhüter Robert Esche hat eine Fangquote von 89 Prozent. Ein Team wie Langnau braucht einen Goalie, der mehr als 92 Prozent der Schüsse abwehrt. Das Experiment mit einem ausländischen Torhüter ist gescheitert. Nur Curtis McLean (29 Spiele/7 Tore/16 Assists) hat die Erwartungen halbwegs erfüllt.

Dringende Torhüterfrage

Was nun? Nach dem vierten Gegentreffer hat John Fust in Zug Robert Esche durch Urban Leimbacher ersetzt. Weil die Playoffs nicht mehr erreicht werden können, wird in den nächsten Partien ausprobiert, ob Urban Leimbacher vielleicht doch gut genug ist als Nummer 1. Dann könnte man Robert Esche «ausschaffen» und mit vier ausländischen Feldspielern antreten. Es ist nun durchaus denkbar, dass Robert Esche seine Wohnung in Langnau behalten und doch vorübergehend bei einem anderen Team spielen kann: Die Frage ist nämlich, wann SCB-General Marc Lüthi die Nerven verliert.

Der SC Bern hat inzwischen mit Ersatzgoalie Olivier Gigon in den zwei letzten Partien elf Treffer kassiert (5:6 gegen Zug, 2:5 in Kloten). Es ist nicht einmal polemisch zu behaupten, dass die Berner mit Marco Bührer mindestens eine der beiden Partien gewonnen hätten. Olivier Gigon ist ein tüchtiger Goalie. Aber ihm fehlen das Charisma, die Erfahrung, die Klasse und die Sicherheit einer Nummer 1. Er hat schon ein paar gute Partien für den SCB gespielt. Aber die Verantwortung der Nummer 1 musste er vorher nicht tragen. Es ist ein riesiger Unterschied, ob er mal spielen darf oder ob er mehrere Partien spielen muss.

Der SCB kann sich während einer längeren Zeitspanne einen Torhüter wie Olivier Gigon möglicherweise gar nicht leisten. Schon gar nicht jetzt, in den Zeiten des offensiven Tauwetters: Der neue Trainer Antti Törmänen probiert es mit einer offensiveren, unterhaltsameren und spektakuläreren Spielweise. Wenn Marco Bührer (Milzriss) bis im Januar ausfallen sollte, braucht der SCB einen neuen Torhüter. Die Partien gegen Fribourg (h), Davos (h), Biel (a), Lugano (h) und Ambri (a) stehen noch vor der Spengler Cup-Pause auf dem Programm. Mit Olivier Gigon riskiert der SCB bei diesem Programm den Anschluss an die Tabellenspitze zu verlieren.

Mögliche Win-Win-Situation

SCB-General Marc Lüthi hat Trainer Larry Huras wegen einer zu defensiven, zu langweiligen Spielweise gefeuert. Nun kann er nicht von Antti Törmänen ein Ende der Offensiven Perestroika und eine defensivere Taktik verlangen, bloss um die Schwächen der Torhüters zu kompensieren. Und Lüthi kann es auch nicht zulassen, dass der SCB auf Platz sechs oder sieben zurückfällt: Die Reserve auf Lugano (6.) beträgt bloss acht Punkte.

Die logische Lösung wäre deshalb: Der SCB übernimmt von den SCL Tigers bis zu Marco Bührers Genesung leihweise Robert Esche. Der Amerikaner wäre beim SCB hinter einer richtigen Verteidigung sicherlich konstanter und besser als in Langnau Einige der SCB-Ausländer sind ohnehin so schwach, dass es auf das Leistungsvermögen der Mannschaft null Einfluss hat, wenn wegen Esches Einsatz Joel Kwiatkowski, Jean-Pierre Dumont oder Jean-Pierre Vigier nicht spielen können.

Marc Lüthi mag solche Überlegungen öffentlich nicht kommentieren und sagt lediglich unwirsch: «Da müssen Sie unseren Sportchef fragen.» Das ist eine Irreführung der Öffentlichkeit: Wenn es Lüthi nicht mehr passt, entscheidet er auch in sportlichen Fragen über den Kopf seines Sportchefs hinweg.

Wenn es John Fust und Manager Ruedi Zesiger gelingen würde, Robert Esche in Bern zu deponieren, dann hätten sie das Budget frei, um einen oder gar zwei neue ausländische Stürmer zu engagieren. So oder so werden die Langnauer in den nächsten Tagen vorerst versuchen, in der Nationalliga für ein paar Spiele einen ausländischen Stürmer zu finden und leihweise zu übernehmen.

Der Psychologe soll helfen

Doch noch einmal zurück zum Spiel in Zug: Eine gewisse Frustration ist bei den Langnauern nicht zu übersehen. Genau das müsse jetzt wieder aus den Köpfen, sagt der Trainer. «Wir müssen dafür sorgen, dass aus Frustration Energie wird.» Hilfe erhoffen sich die Emmentaler von weit her: Vom berühmten Sportpsychologen Dr. Saul L. Miller. Der SC Bern kann es sich leisten, Dr. Miller immer wieder regelmässig einzufliegen und der Kanadier spielte beim Titelgewinn von 2010 eine wichtige Rolle.

Die Langnauer können sich Sitzungen mit dem Seelendoktor aus Amerika nicht leisten. Aber immerhin reicht die Kohle, für eine Art Telefon-Coaching: Sowohl Trainer John Fust als auch die Spieler haben die Möglichkeit, sich regelmässig per Internettelefon (Skype) vom grossen Magier inspirieren zu lassen. Statt in der Freizeit zu «gamen», sind die Langnauer dazu angehalten, vermehrt per Computer ein bisschen mehr mit Dr. Miller zu plaudern. Man kann den weltberühmten Sportpsychologen aber auch lesen. Er hat mehrere Lehrbücher verfasst. Ich empfehle als Vorbereitung auf die Playouts: «Performing under Pressure» und «Why teams win». Und für Marc Lüthi im Hinblick auf die Playoffs: «A little Relaxation».

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