Ukrainekrieg und Corona: Tiktoker weist auf Fake News hin, verbreitet aber auch selbst welche

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Ukrainekrieg und CoronaTiktoker weist auf Fake News hin, verbreitet aber auch selbst welche

Auf Tiktok kursiert ein Video, in dem ein Tiktok-User einen anderen Nutzer der Lüge bezichtigt. Damit liegt er zwar richtig, allerdings stellt auch er selbst eine zweifelhafte Behauptung auf.

von
Fee Anabelle Riebeling
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In einem sogenannten Tiktok-Stitch – also einem Video, in das Szenen eines anderen Tiktok-Clips integriert wurden – kommentiert User @benschharmin2 den Beitrag von User @germany_lovee. 

In einem sogenannten Tiktok-Stitch – also einem Video, in das Szenen eines anderen Tiktok-Clips integriert wurden – kommentiert User @benschharmin2 den Beitrag von User @germany_lovee. 

Screenshot Tiktok/benschharmin2
Dieser hatte nämlich in seinem bisher einzigen auf der Plattform hochgeladenen Video behauptet, es zeige einen Angriff der ukrainische Armee auf ein russisches Munitionsdepot. Aufgrund des Zeitpunkts des Uploads im August 2022 entsteht der Eindruck, es handle sich um aktuelle Aufnahmen.

Dieser hatte nämlich in seinem bisher einzigen auf der Plattform hochgeladenen Video behauptet, es zeige einen Angriff der ukrainische Armee auf ein russisches Munitionsdepot. Aufgrund des Zeitpunkts des Uploads im August 2022 entsteht der Eindruck, es handle sich um aktuelle Aufnahmen.

Screenshot Tiktok/germany_lovee
Dem ist jedoch nicht so, wie @benschharmin2 korrekt anmerkt. Er habe die Szene in einem Youtube-Video aus dem Jahr 2017 entdeckt.

Dem ist jedoch nicht so, wie @benschharmin2 korrekt anmerkt. Er habe die Szene in einem Youtube-Video aus dem Jahr 2017 entdeckt.

Screenshot Tiktok/benschharmin2

Darum gehts

  • Auf Tiktok kritisiert ein User den Beitrag eines anderen und bezichtigt ihn des Lügens. 

  • Er weist nach, dass das aktuell gepostete Video schon fünf Jahre alt ist. 

  • Doch auch er selbst ist nicht über alle Zweifel erhaben. 

«Nur ein kleines bisschen Recherche. Das hat nicht mal eine Minute gedauert» – mit diesen Worten beginnt das Tiktok-Video, in dem User @benschharmin2 behauptet, «Propaganda» auf die Schliche gekommen zu sein. «Alles Lüge. Mal wieder», kommentiert er den Clip eines Users namens @germany_lovee. Dieser hatte in seinem bisher einzigen auf der Plattform hochgeladenen Video nämlich behauptet, bei den darin zu sehenden Explosionen handele es sich um einen Angriff der ukrainischen Armee auf ein russisches Munitionsdepot.

Zwar nennt @germany_lovee kein Datum, an dem sich der Vorfall ereignet haben soll. Aber aufgrund des derzeitigen Kriegs in der Ukraine und dem Upload-Datum entsteht der Eindruck, es handle sich um aktuelle Aufnahmen. Dem ist jedoch nicht so, wie @benschharmin2 richtig sagt: «Das Video gibt es seit 2017 und ja, es ist in der Ukraine passiert.» Zum Beweis nennt er den Link zur fünf Jahre alten Originalaufnahme.

Der Abgleich der Bilder durch 20 Minuten bestätigt das: Die auf Social Media kursierende Sequenz ist in dem knapp vierminütigen Originalvideo eindeutig – wenn auch spiegelverkehrt – auszumachen. Auch am Ort der Aufnahme – der ukrainischen Stadt Balakleja – gibt es keine Zweifel (siehe Bildstrecke). Mit den Explosionen auf der russischen Luftwaffenbasis auf der 2014 annektierten Halbinsel Krim am 9. August 2022 haben die auf Tiktok verbreiteten und kommentierten Aufnahmen nichts zu tun.

Was geschah 2017 in Balakleja?

Am 23. März 2017 ereigneten sich in einem Waffenlager in Balakleja in der Region Charkiw mehrere Explosionen. Zu dem Zeitpunkt sollen sich in dem Depot nach Angaben des NATO Munitions Safety Information Analyses Center (Pdf) rund 128 Millionen Kilogramm Munition befunden haben. Eine Person kam ums Leben, fünf weitere wurden verletzt. Die Explosionen schleuderten Trümmer bis in die Wohngebiete der Stadt. Rund 20´000 Menschen wurden evakuiert. Um weitere Schäden und Todesopfer zu verhindern, wurde die Strom-, Gas- und Wasserversorgung der Stadt unterbrochen. Unklar ist, was zu den Explosionen geführt hat. Es war von Sabotageakten, aber auch von bereits seit längerem bestehenden Sicherheitsproblemen die Rede.

Sequenz nicht zum ersten Mal aus dem Zusammenhang gerissen

Ausschnitte des Originalvideos aus dem Jahr 2017 wurden bereits zu Beginn des Angriffskrieges auf die Ukraine fälschlicherweise als aktuell ausgegeben, wie die indische Faktencheck-Plattform Newsmobile.in bereits im Februar 2022 aufgedeckt hat. Damals wurde der Clip mit dem Kommentar «Der Moment, in dem eine Explosion in einem ukrainischen Waffendepot russische Raketen über die Stadt Kalyniwka in der ukrainischen Region Winnyzja fliegen liess» gepostet. Die Angaben waren falsch.

Informationen auf Social Media nicht ungeprüft glauben

Tiktoker @benschharmin2 ordnet mit seinem Video richtig ein und verdeutlicht damit, wie wichtig es ist, Informationen auf ihren Wahrheitsgehalt zu checken und sie nicht ungeprüft zu verbreiten – insbesondere dann, wenn sie in den sozialen Medien verbreitet werden und die Urheberin oder der Urheber unbekannt ist oder anonym beziehungsweise unter einem Pseudonym auftritt. Ansonsten läuft man Gefahr, Fake News zu verbreiten.

Wenn man sich das Profil und die anderen Videos von @benschharmin2 genauer anschaut, wird allerdings deutlich, dass er dies selbst nicht immer macht. Denn auch er verbreitet in einigen seiner Videos Falschinformationen, etwa zu den Corona-Massnahmen oder den Covid-19-Impfungen. Er gibt damit nicht dem wissenschaftlichen Stand entsprechende Informationen weiter, sondern solche, die auf seiner privaten Haltung diesen gegenüber beruhen. In einem greift er zum Beispiel das Gerücht auf, dass Masken nicht vor Viren schützen. «Das steht sogar auf der Verpackung drauf, dass das nicht hilft», so sein Kommentar. Dabei wurde diese Behauptung mittlerweile mehrfach als falsch entlarvt – auch von 20 Minuten (siehe Box). Damit zeigt @benschharmin2, dass man auch bei ihm Vorsicht walten lassen muss.

Darum sind Masken bei Viren nicht nutzlos

Die Behauptung, Masken würden nicht vor einer Übertragung mit dem Coronavirus schützen, ist so alt wie die Pandemie selbst. Maskenverweigererinnen und -verweigerer verweisen dabei gerne auf Fotos von FFP2-Gebrauchsanweisungen, die in den sozialen Medien geteilt werden. Laut diesen schützen die Masken nicht vor Viren. Dass sie das gar nicht müssen, sondern vor allem die Übertragung von Aerosolen unterbunden werden muss, ignorieren sie, was zu der falschen Annahme führt. Belegt ist dagegen, dass die Viren nicht einzeln durch die Luft fliegen, sondern beim Verlassen des Körpers zusätzlich in eine Flüssigkeitshülle eingebettet sind, so das deutsche Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte. Damit sind die umher fliegenden Partikel so gross, dass sie von der Maske gefiltert werden können (siehe Corona-Faktencheck vom 18. Dezember 2021).

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