Mobbing: Tim (24) gewinnt gegen Mobber vor Gericht

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VerurteiltTim (24) zeigt seinen Mobber an – dieser erhält 1000-Franken-Busse

In der Berufsschule wurde Tim (24) gemobbt. Alle Interventionen halfen nichts, Tim brach die Lehre ab und zeigte seinen Mobber an. Dieser wurde jetzt verurteilt. 

von
Anja Zingg

Tim ist hochbegabt und wurde gemobbt. Im Sommer erzählte er im 20-Minuten-Format «Mini Gschicht» von seinen Erfahrungen.

20min/Federico Zanini/Anja Zingg

Darum gehts

  • Tim wurde in der Schule gemobbt.

  • Keine Massnahme schien zu helfen, also zeigte Tim seinen Mobber an.

  • Dieser wurde nun verurteilt.

  • Eine Expertin ordnet ein.

Mehrfache Drohung, mehrfache Beschimpfung und üble Nachrede: Für diese Straftatbestände wurde ein ehemaliger Mitschüler von Tim kürzlich per Strafbefehl schuldig gesprochen. Für Tim ein kleiner Sieg auf einem langen Weg. 

«Ich war schon immer eher ein Einzelgänger», erzählt Tim. Der 24-Jährige ist hochbegabt, mit einem IQ von über 130. Ausserdem lebt er mit einer Autismus-Spektrum-Störung (siehe Box). «Mir fällt es manchmal schwer, in sozialen Situationen korrekt zu reagieren», sagt Tim. Lange sei weder seine Hochbegabung noch die Autismus-Störung jemandem aufgefallen. Erst während seiner ersten Lehre als Optiker wurde er von einem Kunden darauf angesprochen, wie Tim im Sommer gegenüber 20 Minuten erzählte (siehe Video oben).

Beleidigungen online

«Ich wurde schon immer etwas ausgegrenzt, aber nicht so, dass ich sagen kann, es sei Mobbing gewesen», erinnert sich Tim. Erst während seiner Zweitlehre sei das Mobbing richtig schlimm geworden. «Es gab immer wieder Vorfälle in der Berufsschule, ausgehend vor allem von einer Person. Aber andere haben mitgezogen. Und viele haben zugeschaut und nichts dagegen gemacht.» Doch auch ausserhalb der Schule wurde Tim angegangen: Auf diversen Social-Media-Plattformen bekam er Hassnachrichten. 

Box

Autismus-Spektrum-Störung

Bei der Autismus-Spektrum-Störung handelt es sich um eine Entwicklungsstörung, die sich unter anderem durch ein reduziertes Interesse an sozialen Kontakten sowie einem reduzierten Verständnis sozialer Situationen auszeichnet. Wie der Name sagt, handelt es sich um ein Spektrum: Betroffene können unterschiedliche Symptome, Ausprägungen und Schweregrade haben.

Dank Screenshots von Chats in Online-Messenger-Diensten konnte Tim gegenüber der Staatsanwaltschaft glaubhaft machen, dass er bedroht, beleidigt und beschimpft wurde. Tims Mobber wurde zu einer bedingten Geldstrafe von 90 Tagessätzen zu je 50 Franken und einer Busse von 1000 Franken verurteilt. Ausserdem wurden ihm die Verfahrenskosten auferlegt. Der Strafbefehl liegt 20 Minuten vor und ist noch nicht rechtskräftig. 

Lehrpersonen sind gefordert

«Der juristische Weg ist die allerletzte Möglichkeit, die bei Mobbing in Betracht gezogen werden sollte», sagt Melanie Wegel, ZHAW-Dozentin für Prävention von Gewalt und Mobbing an Schulen. «Mobbing entsteht da, wo Gruppen aufeinandertreffen. Es ist wichtig, dass Lehrpersonen von Beginn daran arbeiten, aus einer Klasse ein Team zu machen.» 

Das Problem sei oftmals, dass das Mobbing bereits zu weit fortgeschritten sei. «Dann einzugreifen, ist extrem schwierig. Betroffene sollen sich unbedingt frühzeitig an Lehrpersonen wenden.» 

Das hat Tim getan, doch in seinen Augen hat dies wenig genützt: «In der Schule haben wir Konfliktlösungsstrategien als Massnahme gegen Mobbing angeschaut.» Aber das habe das Mobbing noch verstärkt, «weil die Leute aus meiner Klasse das Gefühl hatten, dass wir nur wegen mir diese Lektion haben».

Beweisbarkeit ist schwierig

Generell sei es im Klassenzimmer schwierig, Sanktionen auszusprechen. «Mobbing kann oft subtil ablaufen. Die Beweisbarkeit ist schwierig», weiss Wegel. «Wird jemand gemobbt, hinterlässt das Spuren bei den Opfern.» Wegel appelliert an Lehrpersonen und Schulsozialarbeitende, dass es gar nicht so weit kommen sollte: «Diese Personen müssen vorleben, dass Mobbing nicht geduldet wird. Diese Haltung ist extrem wichtig.»

Hast du schon Mobbing erlebt?

Auch bei Tim hat diese Zeit Spuren hinterlassen: «Die Situation hat mich total überfordert. Ich hatte am Schluss fast täglich Bauchschmerzen.» Schlussendlich brach er die Lehre ab, doch online wurde er weiterhin beleidigt. Da entschied er sich, den Mobber anzuzeigen. Rund fünf Monate später wurde dieser verurteilt.

«Dieser Sieg bedeutet mir unglaublich viel», sagt Tim. «Ich will mit dem Urteil aufzeigen, dass sich Mobbing nicht lohnt.» Nun hofft Tim, dass er damit abschliessen kann. «Der Verurteilte hat sich zwar nie persönlich bei mir gemeldet, um sich zu entschuldigen. Aber ich will, dass er weiss: Ich habe ihm verziehen. Auch um meinetwillen.»  

Bist du oder ist jemand, den du kennst, von (Cyber-)Mobbing betroffen? 

Hier findest du Hilfe:

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Fachstelle Mobbing (kostenpflichtig)

Elternberatung, Tel. 058 261 61 61

Hilfe bei Mobbing, Fachstelle für Schulen und Eltern (kostenpflichtig)

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

Beratungsstellen der Opferhilfe Schweiz

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