Gutachten veröffentlicht: Tim K.: Ein Masochist mit Gewaltfantasien
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Gutachten veröffentlichtTim K.: Ein Masochist mit Gewaltfantasien

Fast sechs Monate nach dem Amoklauf von Winnenden, bei dem Tim K. 15 Menschen erschossen hatte, ist ein 211-seitiges Gutachten veröffentlicht worden. Es zeichnet das Bild eines Jugendlichen, der von Tötungsfantasien geplagt war – und der auf keinen Fall Zugang zu Waffen hätte haben dürfen. Ausserdem ist ein Abschiedsbrief aufgetaucht.

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Seit knapp einer Woche liegt der Staatsanwaltschaft Stuttgart das psychologische Gutachten über Tim K. vor. Der Leiter des Stuttgarter Olgahospitals, Professor Reimar du Bois, hat es aufgrund von polizeilichen Ermittlungsakten und Berichten des Klinikums am Weissenhof, in dem sich K. ein Jahr vor dem Amoklauf behandeln liess, zusammengestellt.

Professor du Bois beschreibt K. als einen Jugendlichen, «der von Hass und Gewaltfantasien besessen war». Der Gutachter schreibt in seinem Bericht, dass K. sich dessen völlig bewusst gewesen sei und dass er sich im Frühjahr 2008 quasi selber in Behandlung begeben hatte. Die Diagnose einer «bipolaren affektiven Störung» habe er sich sogar selber gestellt.

Therapeutin liess ihn gehen

Bereits bei seinem ersten Termin mit einer Psychologin am Klinikum am Weissenhof habe Tim K. von seinen Gedanken erzählt, «Menschen umzubringen». Die Welt sei schlecht und er denke ständig darüber nach, «Menschen zu erschiessen», schreibt das Onlineportal stern.de. Daraufhin schlug die Therapeutin vor, sich regelmässig zu einer Gesprächstherapie zu treffen.

Nach vier Sitzungen attestierte die Psychologin, der Patient sei weder eigen- noch fremdaggressiv. Dass K. Zugang zu Waffen hatte und von seinem Vater zum Schiessen ermuntert wurde, wusste die Therapeutin nicht. Das allgemeine Bild, das sie von K. machte, war das eines Jugendlichen, der mit der Welt nicht klarkam und sich langsam in die Scheinwelt seines Computers verabschiedete.

Gefesselte Männer und Sadomaso-Fantasien

Laut stern.de haben die Ermittler auf Tim K.s Festplatte 150 Bilder und Filme gefesselter und verschnürter Männer gefunden. Er habe eine «masochistische Persönlichkeitsstörung» gehabt, schliesst der Jugendpsychiater, habe es aber nicht geschafft, diese mit seiner Therapeutin zu verarbeiten.

Seine Eltern hätten sich Sorgen um ihren Sohn gemacht, dennoch schafften sie es nicht zu erkennen, dass er «eine Gefahr für sich und andere» darstellen könne. Gegen Vater Jörg K. wird wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung ermittelt – die Beretta, mit der sein Sohn 15 Mitschüler und Lehrer erschoss, lag ungesichert in seinem Schlafzimmer.

Es gibt einen Abschiedsbrief

Die Online-Ausgabe des Magazins «Stern» berichtet unter Berufung auf ein psychiatrisches Gutachten, im Tresor im Zimmer des 17-jährigen Tim K. habe ein Abschiedsbrief gelegen. Bisher war davon nichts bekannt. In Ermittlungskreisen wurde der Bericht weitgehend bestätigt, ohne auf Einzelheiten einzugehen.

In dem Brief heisst es dem Bericht zufolge: «Die Wahrheit ist, diejenigen haben es schon von Geburt an in sich, es kommt jedoch nur raus, wenn das Gemacht hinzukommt.» Die Staatsanwaltschaft Stuttgart wollte sich am Dienstag zu dem Bericht nicht äussern. Das Verfahren sei noch nicht abgeschlossen.

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