Aktualisiert 26.10.2010 11:35

Den Trainer beleidigt

Timo Helbling muss gehen

Eklat beim HC Lugano: Verteidigerhaudegen Timo Helbling (29) wurde suspendiert, weil er Trainer Philippe Bozon (44) beleidigt hat.

von
Klaus Zaugg
Timo Helbling spielt ab sofort nicht mehr mit dem HC Lugano. (Bild: Keystone)

Timo Helbling spielt ab sofort nicht mehr mit dem HC Lugano. (Bild: Keystone)

Lugano-Trainer Philippe Bozon hat nach dem 1:9 in Langnau drei Spieler «gesündenbockt»: Die Stürmer Raffaele Sannitz (27), Oliver Kamber (31) und Helbling. Das Trio ist nicht fürs Auswärtsspiel in Fribourg aufgeboten worden. Sannitz und Kamber gehören jedoch weiterhin zum Kader des HC Lugano und trainieren mit der Mannschaft. Helbling jedoch nicht mehr. Er wird voraussichtlich nicht mehr mit Lugano spielen oder trainieren und darf sich einen neuen Arbeitgeber suchen.

Was ist passiert? Luganos Sportchef Roland Habisreutinger sagt es gegenüber 20 Minuten Online so: «Wir haben Sannitz, Kamber und Helbling mitgeteilt, dass sie fürs Spiel in Fribourg nicht im Aufgebot stehen. Anschliessend ist es zu einem Vorfall gekommen der dazu geführt hat, dass wir Helbling ab sofort auch vom Training suspendiert haben. Er spielt und trainiert bis auf weiteres nicht mehr mit der Mannschaft.»

Es ist die hochdiplomatische und juristisch keimfreie Schilderung eines Rauswurfes. Oder noch deutlicher: Helbling muss gehen. Habisreutinger liefert keine Begründung für die Suspendierung und sagt lediglich: «Die weiteren Schritte werden wir mit dem Spieler und seinem Agenten besprechen.»

Heftige Auseinandersetzung

Gewährsleute melden aus Lugano, dass es zwischen Trainer Bozon und Helbling zu einer heftigen Auseinandersetzung gekommen sei. Frage an Sportchef Habisreutinger: Haben sich Helbling und Bozon sogar geprügelt? «Nein, es hat bei uns keine tätlichen Auseinandersetzungen gegeben.» Dafür leidenschaftliche, mit lateinischem Temperament geführte Gespräche? Habisreutinger: «So kann man es sagen.» Oder noch einfacher: Offensichtlich hat Helbling seinen Trainer beleidigt und nun wird er wohl gehen müssen. Zu wem wird Helbling transferiert? Habisreutinger: «Wie ich schon sagte: Das weitere Vorgehen werden wir mit dem Spieler und seinem Agenten besprechen.» Helblings Agent ist der ehemalige Kultgoalie Rolf Simmen (Zug, ZSC). Ein erfahrener, besonnener Diplomat und durchaus ein Spezialist für schwierige Fälle.

Damit hat Lugano neben dem Kanadier Randy Robitaille (verbringt schöne Tage in Kanada) und Timo Helbling bereits einen zweiten Spieler, der bezahlt wird, aber nicht mehr arbeiten muss bzw. darf. Wohin geht Helbling? Habisreutinger sagt (noch) nicht, dass er Helbling transferieren wird, räumt aber ein: «Es ist richtig, dass wir schon nach der letzten Saison für Helbling einen neuen Arbeitgeber gesucht haben.» Eigentlich ist es eine «Todsünde», einen Spieler erst auf dem Transfermarkt anzubieten und dann doch im Team zu behalten.

Ist Helbling ein Querulant? Nein. Der Solothurner ist vielmehr ein ehrlicher Haudegen. Nur Mark Streit hat im nordamerikanischen Profihockey mehr Erfahrung. Helbling hat sich zwischen 2000 und 2007 in Nordamerika in der NHL (11 Spiele/1 Skorerpunkt) und in den Junioren und Farmteamligen (381 Spiele/23 Tore/73 Assists) bewährt. Er hat also bis heute mehr Spiele in Nordamerika als in der NLA (327/9 Tore/28 Assists) bestritten. Das Wesen und Wirken des Verteidigers mit Schwinger-Postur (189 cm/94 kg) ist durch und durch nordamerikanisch geprägt und er ist «böse»: Seit seiner Rückkehr aus Nordamerika im Frühjahr 2007 hat er es nie unter 100 Strafminuten gemacht (127, 136 und 168 Strafminuten) und letzte Saison war er sogar Liga-Strafbankkönig.

Aber es ist wie beim Schwingen: «Böse» ist hier ein Qualitätsmerkmal: Unter Ralph Krueger und Sean Simpson hat sich der ehemalige Oltner-Junior auch an der WM 2006 und 2010 bewährt und war bei der WM in Deutschland im letzten Frühjahr mit einer Bilanz von +1 defensiv der zweitbeste Schweizer Verteidiger. Er beendete das Turnier standesgemäss in nordamerikanischer Manier: Seine Prügelei nach dem frustrierenden Ausscheiden im Viertelfinale gegen Deutschland (0:1) bleibt unvergessen.

Es sind nicht immer die schlechtesten Früchte, woran die Wespen nagen: Aber der Defensivverteidiger passt mit seinem Stil etwa so gut ins welsch geprägte Hockeyteam von Lugano wie ein SVP-Hardliner in die Frauenförderungsgruppe der SP. Helbling ist zur Zeit ganz einfach im falschen Team. Es spricht für und nicht gegen ihn, dass er sich jetzt in Zeiten der Krise aufgelehnt hat.

Transfer oder Zeit absitzen?

Wer könnte Helblings nächster Arbeitgeber sein? Logisch wäre eigentlich, wenn er den Verteidigungen in Biel oder Ambri oder in Lausanne (Aufstiegsaspirant) mehr Wasserverdrängung geben könnte - Ambri wäre geradezu perfekt, schon im Hinblick aufs nächste Derby. Aber Roland Habisreutinger ist in Lugano trotz allem kein Zirkusdirektor. Sondern Sportchef. Wenn er denn Helbling erlaubt, bei einem anderen Team zu rumpeln, dann wird der neue Arbeitgeber kaum Ambri heissen. Es ist nicht einmal ganz auszuschliessen, dass Helbling für den Rest der Saison bezahlt, aber nicht mehr eingesetzt und auch nicht transferiert wird.

Das Schlusswort widmen wir dem tapferen Trainer Phillippe Bozon: In der Krise werden zuerst Spieler suspendiert. Dann die Trainer.

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.