«Tischlein deck dich»
Aktualisiert

«Tischlein deck dich»

Rund 250 000 Tonnen Nahrungsmittel werden jedes Jahr in der Schweiz weggeworfen, noch bevor sie verkauft sind. Gleichzeitig leben zehn Prozent der Bevölkerung in Armut. Der Verein «Tischlein deck dich» baut nun ein nationales Verteilnetz auf.

In Sachen Verteilung von unverkauften und unverkäuflichen Nahrungsmitteln hinkt die Deutschschweiz der Welschschweiz hintendrein: Dort sind bereits mehrere lokale Organisationen auf diesem Gebiet tätig. Seit allerdings 1999 der Verein «Tischlein deck dich» gegründet worden ist, wird aufgeholt.

Finanziert wird die Organisation von Beat Curti, Hauptaktionär der Bon appétit Gruppe, und Schritt für Schritt arbeitet sie professioneller. Heute gibt es in der Deutschschweiz elf Verteilstellen, die einmal pro Woche geöffnet haben. Anfang 2004 sollen drei weitere dazukommen, in Aarau, Bern und Winterthur.

Die rasche Entwicklung verdankt «Tischlein deck dich» seinem Geschäftsführer Samuel Sägesser. Einst Manager in der Nahrungsmittelindustrie ist er auf Sozialhilfe umgeschwenkt. Wegen mangelhafter Organisation verderben etwa 25 Prozent der Welt- Getreideernte noch bevor sie bei den Konsumenten angelangt sind, kritisiert er.

Er wolle nicht die Probleme der Welt lösen, sagt Sägesser, sondern sich auf die Schweiz konzentrieren, wo Jahr für Jahr 250 000 Tonnen geniessbare Nahrungsmittel im Abfallkübel landen. Und das in einem Land, wo 750 000 Menschen unter der Armutsgrenze leben und Mühe haben, genügend Essen zu kaufen.

«Lebensmittelhilfe für die Schweiz»

Die Tätigkeit der Organisation entspricht ihrem provokativen Slogan «Lebensmittelhilfe für die Schweiz». Das Prinzip ist einfach, aber wirkungsvoll: Sie sammelt Produkte von rund 30 Partnerunternehmen - von Barilla über Coop und Migros bis Valser - und trägt sie in einer Halle in Dietikon ZH zusammen.

Arbeitslose sortieren die Nahrungsmittel: Beinahe abgelaufenes Verfalldatum, beschädigte Verpackung, Überschuss. Auf Paletten verteilt, werden sie zu den Verteilstellen geschickt. Wie jede Organisation, die mit Nahrungsmitteln zu tun hat, ist auch bei «Tischlein deck dich» die Logistik von zentraler Wichtigkeit.

Ein Vorteil für die Organisation ist, dass sie Lastwagen von Bon appétit benutzen kann, die ohnehin ständig quer durch die Schweiz unterwegs sind. So nimmt die Menge der gelieferten Ware stetig zu: Wurden im Jahr 2002 noch 175 Tonnen an 30 000 Personen verteilt, so waren es in den ersten elf Monaten 2003 schon 241 Tonnen und 49 000 Empfängerinnen und Empfänger.

Nur Menschen, denen eine Sozialorganisation eine Bestätigung ausgestellt hat, sind zum Gratis-Bezug der Waren berechtigt. Dabei geht es laut Sägesser um eine Ergänzung der Ernährung von Familien, die unter dem Existenzminimum leben, nicht darum, völlig für ihr Essen aufzukommen. Die Leute seien im allgemeinen sehr dankbar, auch wenn sie sich mit dem beschränkten Sortiment der Organisation zufriedengeben müssen.

Sägesser will seine zahlreichen Kontakte nutzen, um ein nationales Netz aufzubauen: «Unser Ziel sind 25 Verteilzentren bis Ende 2004.» Auch in der Welschschweiz möchte er mit seinem Know-how aktiv werden. Seit einem Jahr arbeitet er mit der Genfer Organisation «Colis du coeur» zusammen. Verhandlungen um eine Zusammenarbeit laufen mit Gruppen in Biel, Neuenburg und Lausanne.

Bevor an eine Erweiterung zu denken ist, muss «Tischlein deck dich» allerding neue Sponsoren finden. Bon appétit möchte die Finanzierung auf Mitte kommenden Jahres aufgeben und nur noch die Infrastruktur zur Verfügung stellen. Dass die Deutsche «Rewe» die Gruppe übernommen habe, ändere daran nichts, sagte ihr Pressesprecher René Kalt gegenüber der sda.

(sda)

Deine Meinung