Zürich: Tochter jahrelang misshandelt – Eltern zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt

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ZürichTochter jahrelang misshandelt – Eltern zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt

Der Vater und die Stiefmutter, welche die Tochter über Jahre hinweg gequält und misshandelt haben, sind wegen schwerer Körperverletzung zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt worden. 

von
Stefan Hohler
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Vor dem Bezirksgericht Zürich stand ein Elternpaar wegen schwerer Kindesmisshandlung. 

Vor dem Bezirksgericht Zürich stand ein Elternpaar wegen schwerer Kindesmisshandlung. 

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 «Ich weiss nun, was ich falsch gemacht habe, und habe aus den Fehlern gelernt», sagte der Vater vor Gericht.

«Ich weiss nun, was ich falsch gemacht habe, und habe aus den Fehlern gelernt», sagte der Vater vor Gericht.

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Auch die Stiefmutter war vor Gericht geständig.

Auch die Stiefmutter war vor Gericht geständig.

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Darum gehts

Die 17-seitige Anklageschrift liest sich wie ein Horrorroman: Ein deutscher Familienvater soll zusammen mit der Schweizer Stiefmutter die Tochter zwischen dem sechsten und 14. Lebensjahr körperlich und seelisch schwerst misshandelt haben. Der Prozess hat bereits anfangs September stattgefunden, heute hat das Bezirksgericht Zürich das Urteil gefällt. 

Der 42-jährige Vater aus Deutschland muss wegen schweren Körperverletzungen für fünf Jahre ins Gefängnis und für zehn Jahre das Land verlassen. Seine 41-jährige Schweizer Ehefrau und Stiefmutter des Mädchens muss ebenfalls für fünf Jahre ins Gefängnis. Zudem müssen die Beschuldigten der Tochter eine Genugtuung von 50’000 Franken bezahlen. Die Strafe wird vollzogen. 

Für das Gericht sind die beiden grundsätzlich geständig, sie hätten aber eine starke Tendenz zum Bagatellisieren. «Die Aussagen des Mädchens sind glaubhaft», sagt der vorsitzende Richter. Die Aussagen würden mit denen von Lehrpersonen und Rechtsmedizinern übereinstimmen. «Das jahrelange Martyrium war eine schwere Körperverletzung», so der Richter. Es sei ein sadistisches Erziehungssystem gewesen. Das Mädchen leide heute noch an einer posttraumatischen Belastungsstörung.

«Es war keine Kurzschlussreaktion aus Überforderung, das Ganze hatte System», sagte der Richter. Es sei einer Zürcher Lehrerin zu verdanken, dass der Fall aufgeflogen ist. Beim Vater liegt für das Gericht kein Härtefall vor. Er muss also für zehn Jahre die Schweiz verlassen, weil die Tat eine zwingende Landesverweisung vorsieht.  

«Ich war völlig überfordert»

An der Verhandlung hat der Vater gesagt, dass er mit der Erziehung seiner Tochter völlig überfordert gewesen  sei. Er und die Stiefmutter haben die Tochter zwischen dem sechsten und 14. Lebensjahr geohrfeigt und verprügelt. Das Mädchen wurde laut Anklage lange mit kaltem und heissem Wasser abgeduscht, mit Klebeband gefesselt und in den Keller eingesperrt. 

Der gravierendste Vorfall ereignete sich 2019, als der Vater das Mädchen ins Badezimmer zerrte, es mit den Kleidern heiss abduschte, dann alkoholhaltigen Kalkentferner aus dem Putzschrank nahm und ihn über ihren Kopf schüttete. Die Flüssigkeit ätzte ihr die Hautschicht auf der rechten Gesichtsseite weg. Diese Tortur wiederholte der Mann später noch etliche Male.

Neben  körperlichen Misshandlung beleidigten die Eltern das Mädchen immer wieder, der Vater nannte es eine «M***geburt» oder ein «behindertes Kind» und fragte es mehrmals, warum es sich nicht umbringe.

Die Tortur fing an, als der Mann sich Ende 2010 scheiden liess und das alleinige Sorgerecht für das Mädchen erhielt. Er heiratete erneut und zusammen mit der Stiefmutter, begann ein «unmenschliches, grausam-sadistisches und erniedrigendes Erziehungs- und Strafsystem», wie in der Anklageschrift steht.

Schule machte Anzeige und KESB schritt ein

Der Fall war aufgeflogen, als die Schule in Zürich eine Anzeige erstattete und die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörden (KESB) einschritt. Das Mädchen wurde nach der Verhaftung der Eltern im Oktober 2019 fremdplatziert und hat jetzt die Schule abgeschlossen.

Die Staatsanwältin hat für die Ehefrau eine Freiheitsstrafe von fünf Jahren, für den Ehemann eine Strafe von sechs Jahren gefordert. Der Deutsche soll zudem für zehn Jahre des Landes verwiesen werden. Die Verteidigung der Eltern verlangten wegen einfacher Körperverletzung und Verletzung der Erziehungspflicht bedingte Freiheitsstrafen.  

Bist du oder ist jemand, den du kennst, von sexualisierter, häuslicher, psychischer oder anderer Gewalt betroffen?

Hier findest du Hilfe:

Polizei nach Kanton

Beratungsstellen der Opferhilfe Schweiz

Lilli.ch, Onlineberatung für Jugendliche

Frauenhäuser in der Schweiz und Liechtenstein

Zwüschehalt, Schutzhäuser für Männer

LGBT+ Helpline, Tel. 0800 133 133

Alter ohne Gewalt, Tel. 0848 00 13 13

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Beratungsstellen für gewaltausübende Personen

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