Aktualisiert 18.06.2016 15:20

Anschlag auf Brexit-Gegnerin

«Tod den Verrätern»

Beim Anschlag auf die Brexit-Gegnerin Jo Cox wird ein politisches Motiv immer wahrscheinlicher. US-Präsident Obama telefonierte mit dem Ehemann der Verstorbenen.

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gux/kle

Ultrarechte Parolen: Der mutmassliche Mörder von Jo Cox wird einem Gericht in London vorgeführt. (Quelle: Reuters)

Nach dem Attentat auf die Abgeordnete Jo Cox wird gegen ihren mutmasslichen Mörder ein Strafverfahren eingeleitet. Neben Mord wird dem 52-Jährigen demnach schwere Körperverletzung, der Besitz einer Waffe mit der Absicht der Begehung einer Straftat sowie Besitz einer Angriffswaffe zur Last gelegt.

Der Mann war festgenommen worden, nachdem die Labour-Politikerin Cox am Donnerstag bei einem Treffen mit Bürgern in der Stadt Birstall niedergestochen und niedergeschossen worden war.

«Freiheit für Grossbritannien» vor Gericht

Ein Augenzeuge sagte, der Angreifer habe mehrmals «Britain First» (deutsch: Grossbritannien zuerst!) gerufen. Der Verdächtige soll Verbindungen zur US-Neonazi-Organisation National Alliance unterhalten und die ultrarechte Publikation «SA Patriot» abonniert haben.

Vor Gericht hat der Tatverdächtige seine ultrarechten Parolen wiederholt: «Tod den Verrätern, Freiheit für Grossbritannien», sagte er laut der Nachrichtenagentur PA heute bei seiner ersten Gerichtsanhörung in London. Eigentlich war er vor dem Westminster Magistrates Court nur gebeten worden, seinen Namen zu nennen.

Tat könnte politischen Hintergrund haben

Immer stärker zeichnete sich inzwischen ab, dass das Attentat auf die Brexit-Gegnerin und Befürworterin einer offenen Flüchtlingspolitik politisch motiviert gewesen sein könnte. Neben den angeblichen rechtsextremen Tendenzen des Tatverdächtigen stehe aber auch seine Psyche im Fokus der Ermittler, teilte die Polizei am Freitagabend mit.

Brüder des mutmasslichen Attentäters äusserten Zweifel an einer politischen Motivation hinter dem Verbrechen. «Mein Bruder ist nicht gewalttätig, und er ist nicht besonders politisch.» Er sei psychisch krank, aber in Behandlung gewesen, sagte ein Bruder dem «Daily Telegraph».

Obama bekundete sein Beileid

US-Präsident Barack Obama hat das tödliche Attentat auf die britische Labour-Abgeordnete Jo Cox als «abscheuliches Verbrechen» verurteilt. Von der Air Force One aus telefonierte Obama mit Cox' Ehemann und sprach diesem und den beiden kleinen Kindern sein Beileid aus.

Die Welt sei «ein besserer Ort wegen ihres selbstlosen Dienstes» für die Allgemeinheit und es könne «keine Rechtfertigung für dieses abscheuliche Verbrechen geben», hiess es in einer Erklärung des Weissen Haus am Freitag zum Anruf.

Brexit-Kampagnen ruhen weiter

Cox war am Donnerstag in der nordenglischen Grafschaft Yorkshire auf offener Strasse niedergestochen und niedergeschossen worden. Sie starb Stunden später im Spital.

Britische Medien berichteten unter Berufung auf Augenzeugen, der Täter habe «Britain first» gerufen – das ist der Slogan der Brexit-Befürworter und auch der Name einer rechtsradikalen Partei. Cox war vehement für den Verbleib Grossbritanniens in der EU eingetreten.

Drohungen erhalten

Wie die Polizei mitteilte, hatte die Labour-Politikerin bereits vor Monaten gegen sie gerichtete Drohungen erhalten. Demnach beschwerte sie sich über «bösartige Mitteilungen», woraufhin ein Mann festgenommen und verwarnt wurde. Dabei habe es sich aber nicht um den mutmasslichen Angreifer vom Donnerstag gehandelt. Laut «Times» hatte Cox über drei Monate hinweg feindselige Nachrichten erhalten.

Sowohl die Verfechter des EU-Austritts als auch das Lager derer, die in der EU verbleiben wollen, setzten nach der Tat ihre Kampagnen aus. Diese sollten eigentlich am Wochenende wieder aufgenommen werden. Am Freitagnachmittag wurde aber entschieden, auch alle für Samstag geplanten Veranstaltungen abzusagen.

Sondersitzung des Parlaments

Premierminister David Cameron bezeichnete den Mord als Tragödie. Er legte am Freitag zusammen mit Labour-Oppositionschef Jeremy Corbyn Blumen in Birstall nieder. Corbyn nannte das Verbrechen einen «Anschlag auf die Demokratie».

Am kommenden Montag werde das Parlament zu einer Sondersitzung zusammenkommen, um der Toten zu gedenken, sagte Corbyn. Eigentlich weilten die Abgeordneten wegen der anstehenden Abstimmung in einer Pause.

Angriff auf «unsere Gesellschaft und Werte»

Im ganzen Land wurden Fahnen auf halbmast gesetzt. Vor dem Parlamentsgebäude in London wurden Blumen für Cox niedergelegt und Kerzen aufgestellt. Viele Passanten weinten dabei. Andere legten Blumen auf dem Hausboot auf der Themse ab, in dem Cox mit ihrem Mann und ihren kleinen Kindern wohnte. Hunderte Menschen beteiligten sich an einer Mahnwache in einer Kirche in Birstall.

Auch Nationalratspräsidentin Christa Markwalder und Ständeratspräsident Raphaël Comte drückten ihr Beileid aus. Die brutale Tötung sei ein Angriff auf «unsere Gesellschaft und deren Werte», sagte Markwalder. (gux/kle/sda)

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