Basel: Tödlicher Unfall mit Dachfenster, Handwerker vor Gericht

Publiziert

BaselTod im Dachfenster – «Ich rief den Freund meiner Tochter an» 

Durch ein automatisch schliessendes Dachfenster wurde eine 28-Jährige im August 2019 mit dem Kopf eingeklemmt und verstarb. Am Mittwoch mussten sich die beschuldigten Handwerker vor Gericht verantworten.

von
Steve Last
Vanessa Travasci
1 / 4
Zwei Handwerkern wird von der Staatsanwaltschaft Basel-Stadt schludrige Arbeit vorgeworfen. Den beiden hätte beim Einbauen eines Regensensors am Dachfenster auffallen müssen, dass kein Quetsch-Schutz installiert wurde. 

Zwei Handwerkern wird von der Staatsanwaltschaft Basel-Stadt schludrige Arbeit vorgeworfen. Den beiden hätte beim Einbauen eines Regensensors am Dachfenster auffallen müssen, dass kein Quetsch-Schutz installiert wurde. 

20 Minuten
Am Gerichtstag äusserten sich die beiden Beschuldigten nicht zu den Vorwürfen. Bekundeten der trauernden Familie jedoch ihr Beileid zum Verlust der Tochter.

Am Gerichtstag äusserten sich die beiden Beschuldigten nicht zu den Vorwürfen. Bekundeten der trauernden Familie jedoch ihr Beileid zum Verlust der Tochter.

Getty Images/iStockphoto
Die Mutter gab im Gericht wieder, wie sie am Morgen nach dem Tod ihrer Tochter von zwei Polizeibeamten informiert wurde. Sie musste zur Identifikation Fotos zeigen. Auch seien ihr Speichelproben entnommen worden.

Die Mutter gab im Gericht wieder, wie sie am Morgen nach dem Tod ihrer Tochter von zwei Polizeibeamten informiert wurde. Sie musste zur Identifikation Fotos zeigen. Auch seien ihr Speichelproben entnommen worden.

20min/Steve Last

Darum gehts

  • Eine junge Frau kam ums Leben, nachdem ihr Hals in einem automatisch schliessenden Dachfenster eingeklemmt worden war.

  • Die wegen fahrlässiger Tötung angeklagten Handwerker müssen sich jetzt vor dem Basler Strafgericht verantworten.

  • Ebenfalls anwesend war die Mutter der Verstorbenen, die ihr Erlebtes mitteilte.

«Ich rief den Freund meiner Tochter an, um herauszufinden, ob es nicht alles ein Albtraum ist», so die sichtlich bewegte Mutter der verstorbenen 28-Jährigen am Mittwoch vor dem Basler Strafgericht. Im August 2019 war ihre Tochter bei einem tragischen Unfall ums Leben gekommen. Unter nicht genau bekannten Umständen wurde ihr Hals in einem automatisch schliessenden Dachfenster eingeklemmt. 

Ob hier ein Verschulden vorliegt und ob für dieses Unglück jemand die Verantwortung trägt, muss nun das Gericht klären. «Für uns ist einfach wichtig, dass so etwas nie wieder passiert», sagt die Mutter.

«Hätten es sofort ausser Betrieb genommen»

Die Staatsanwaltschaft sieht die Schuld beim Elektriker, der einen Regensensor am Fenster installiert hat, und bei seinem Vorgesetzten, der die Arbeit abnahm. Sie wirft ihnen fahrlässige Tötung vor – die vom Sensor ausgelöste automatische Schliessung sei zur Todesfalle geworden.

Die Anklage stützt sich auch auf ein Gutachten des Eidgenössischen Starkstrominspektorats (ESTI). Dieses sagt aus, dass man von einem ausgelernten Elektromonteur erwarten könne, die mechanische Gefahr der Anlage zu erkennen. «Es ist wie bei einer Lifttür, die sich schliesst, was man unterbrechen können muss», erklärte der Gutachter vor Gericht. «Eine Automation ohne Sicherheitsmechanik nehmen wir sofort ausser Betrieb.»

Die beiden beschuldigten Männer im Alter von 35 und 36 Jahren äusserten sich am Mittwoch nicht zu den Vorwürfen, bekundeten jedoch der trauernden Familie ihr Beileid. Mit fast erstickter Stimme sagte einer der Beschuldigten gegen Ende: «Es tut mir von ganzem Herzen leid, was passiert ist.»

128 Kilo ohne Klemmschutz

Die Verteidigenden setzten indes alles daran, die Vorwürfe auseinanderzunehmen. Im Kern sahen sie die Verantwortung für den tödlichen Vorfall nicht bei ihren Mandanten, sondern bei der Architektin. Sie habe alle Entscheidungen bezüglich des Einbaus des Dachfensters und der späteren Nachrüstung mit einem Regensensor getroffen. Zu keinem Zeitpunkt habe die Installation einen Klemmschutz oder einen manuellen Not-Stopp gehabt, obwohl die Architektin über die Notwendigkeit informiert worden sei. Wieso sie nicht vor Gericht landete, erschloss sich den beiden nicht.

Weil es sich bei dem automatischen Dachfenster um eine Maschine und nicht eine Elektroinstallation handle, hätten die Beschuldigten einen Klemmschutz gar nicht einbauen können. Zudem konnten sie nicht wissen, dass das Fenster «übermotorisiert» sei und mit 128 Kilogramm Druck schliesse, hiess es weiter. Auch könne nicht ausgeschlossen werden, dass das Opfer wegen medizinischer Probleme in die tödliche Lage geriet. Schon allein deshalb müssten im Zweifel Freisprüche erfolgen.

«Geld kann ein Menschenleben nicht aufwiegen»

«Meine Mandantin hat ihre Tochter verloren», hielt der Vertreter der Mutter fest, durch eine «tragische Verkettung unglücklicher Umstände». Er machte eine Genugtuung von 10’000 Franken geltend – ein kleiner Betrag für den Verlust eines Familienmitglieds. Geld könne ein Menschenleben ohnehin nicht aufwiegen. Es soll als Anerkennung des Leids zugestanden werden. «Im Trauerprozess ist es wichtig, ernst genommen zu werden und Antworten zu erhalten», so der Anwalt.

Dafür müsste Schuldspruch erfolgen. Das Gericht eröffnet sein Urteil am Donnerstag.  

Trauerst du oder trauert jemand, den du kennst?

Hier findest du Hilfe:

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

Seelsorge.net, Angebot der reformierten und katholischen Kirchen

Muslimische Seelsorge, Tel. 043 205 21 29

Jüdische Fürsorge, info@vsjf.ch

Lifewith.ch, für betroffene Geschwister

Verein Regenbogen Schweiz, Hilfe für trauernde Familien

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Pro Senectute, Beratung älterer Menschen in schwierigen Lebenssituationen

Deine Meinung