Tod und Chaos im italienischen Calcio
Aktualisiert

Tod und Chaos im italienischen Calcio

Entsetzen in Italien: Schon zum zweiten Mal in diesem Jahr musste ein Fussballfan sein Leben lassen - diesmal offenbar nach einem «tragischen Irrtum» eines Polizisten. Damit nicht genug: Ein weiteres Spiel in der Serie A musste wegen Ausschreitungen abgebrochen werden.

Ein italienischer Polizist ist an einer Autobahnraststätte zwischen zwei rivalisierende Gruppen von Fussballfans geraten und hat dabei einen Anhänger des Klubs Lazio Rom erschossen. Während die Polizei von einem «tragischen Irrtum» und einem Versehen sprach, warf der Bruder des Getöteten dem Beamten Mord vor. Zwei für Sonntag angesetzte Ligabegegnungen wurden abgesagt, ein weiteres kurz nach Spielbeginn abgebrochen. Es war bereits das zweite Mal in diesem Jahr, dass es in Italien im Umfeld eines Fussballspiels einen tödlichen Zwischenfall gab.

Laut Polizei hatten zwei Streifenwagen an einer Raststätte nahe Arezzo in der Toskana Fahrzeuge kontrolliert. Die Beamten hörten Schreie und sahen, wie die Insassen von drei Fahrzeugen miteinander kämpften. Auf das Einschalten der Sirene hätten die Fans nicht reagiert. «Einer der Beamten entschloss sich, zwei Warnschüsse in die Luft abzugeben, um die Leute einzuschüchtern», erklärte die Polizei.

In diesem Moment sei eines der Autos losgefahren, und einer der Schüsse haben den 26-Jährigen in den Hals getroffen. Der Fahrer sei noch ein paar Kilometer weit gefahren, um Hilfe zu holen, doch eine Ambulanz habe den tödlich Getroffenen nicht wiederbeleben können, teilte die Polizei mit. Bei dem Toten handelt es sich um einen 26 Jahre alten Disc-Jockey aus Rom.

Der italienische Fussballverband sagte das Spiel zwischen Inter Mailand und Lazio Rom sowie eine für den Abend geplante Begegnung zwischen AS Rom und Cagliari ab.

Nach der Nachricht von dem tödlichen Zwischenfall kam es in Bergamo zu Zusammenstössen zwischen «Ultra»-Fans des AC Milan und der Polizei. Das Spiel zwischen Milan und Atalanta wurde nach sieben Minuten abgebrochen, nachdem Fans von Bergamo versucht hatten, eine Absperrung zu durchbrechen und aufs Feld zu stürmen. Mannschaftskapitän Cristiano Doni versuchte vergeblich, die Anhänger zu beruhigen.

Der italienische Ministerpräsident Romano Prodi bezeichnete den Vorfall als «sehr beunruhigend». Prügeleien zwischen Fussballfans an Rastplätzen sind in Italien nichts Ungewöhnliches.

Anfang Februar hatten Auseinandersetzungen rivalisierender Fussballfans auf Sizilien einen Polizisten das Leben gekostet. Zu den Ausschreitungen kam es während des Spiels zwischen Catania und Palermo, als Anhänger beider Vereine sich vor dem Stadion eine regelrechte Strassenschlacht lieferten. Als Reaktion auf die Krawalle beschloss die Regierung drastische Massnahmen gegen die Gewalt in Fussballstadien. Mehrere Spiele mussten ohne Zuschauer ausgetragen werden, weil die Stadien als unsicher eingestuft wurden.

Gewaltbereit und rassistisch

Lazio Rom war gemeinsam mit anderen Vereinen im vergangen Jahr in den Manipulationsskandal der italienischen Liga verwickelt, blieb aber von einem Zwangsabstieg verschont. Die Anhänger des Vereins gelten als gewaltbereit und rassistisch. So kam es wiederholt vor, dass sie bei Heimspielen im Olympiastadion Hakenkreuzfahnen zeigten. Doch nicht nur auf den Rängen, sondern auch auf dem Spielfeld gab es Skandale: So wurde der frühere Lazio-Stürmer Paolo Di Canio bestraft, weil er zwei Mal Fans mit ausgestrecktem rechten Arm in faschistischer Manier gegrüsst haben soll.

Punktverluste der Verfolger

Durch den gewaltsamen Tod eines Lazio-Fans wurde der Fussball in der 12. Runde der Serie A zur Nebensache. Die Partie der Römer gegen Leader Inter Mailand wurde abgesagt. Zwei der Verfolger von Inter gaben Punkte ab: Fiorentina verlor gegen Udinese 1:2, Juventus Turin holte in Parma nur ein 2:2.

Neben dem Spiel Inter - Lazio wurde auch die Partie AS Roma - Cagliari verschoben. Die Polizei befürchtete rund um das Olimpico schwere Ausschreitungen. Schon nach acht Minuten abgebrochen wurde die Begegnung Atalanta Bergamo - Milan, nachdem es im Sektor der Atalanta-Tifosi zu Randalen gekommen war. Das Sportliche in Kürze: die Fiorentina lernte als 19. Team der Serie A die Niederlage kennen. Nach dem 1:2 der Viola im Heimspiel gegen Udinese ist nur noch Leader Inter ungeschlagen. Das Siegestor für Udinese schoss der Internationale Antonio Di Natale in der 67. Minute. Der Stürmer bezwang Fiorentinas Keeper Sébastien Frey nach einer Flanke des Schweizers Gökhan Inler aus wenigen Metern.

Ohnehin stand das Scoreboard im Artemio Franchi im Zeichen der Zukunft der Squadra Azzurra: Udineses 1:0 schoss Fabio Quagliarella, der im Frühling der Shootingstar in der «Nazionale» war. Den zwischenzeitlichen Ausgleich für die Fiorentina markierte Gianpaolo Pazzini, der frühere Stürmer der U21, dem in Florenz und in der Nationalmannschaft eine grosse Zukunft als «neuer Luca Toni» voraussagt wird.

Kurztelegramme:

Am Sonntag:

Fiorentina - Udinese 1:2 (1:1)

Artemio Franchi. - 28 382 Zuschauer. - Tore: 23. Quagliarella 0:1. 28. Pazzini 1:1. 63. Di Natale 1:2. - Bemerkung: Udinese mit Inler. 82. Rote Karte für Pasqual (Fiorentina, Notbremse).

Parma - Juventus Turin 2:2 (1:0)

Ennio Tardini. - 22 278 Zuschauer. - Tore: 43. Gasbarroni (Foulpenalty) 1:0. 57. Pisanu 2:0. 75. Legrottaglie 2:1. 81. Iaquinta 2:2. - Bemerkungen: Rote Karten gegen 78. Chielini (Juventus, Foul) und 78. Morfeo (Parma, Revanchefoul), 92. Coly (Parma, Foul).

Reggina - Genoa 2:0 (1:0)

Oreste Granillo. - 9000 Zuschauer. - Tore: 31. Amoruso 1:0. 80. Joelson 2:0.

Siena - Livorno 2:3 (1:3)

Artemio Franchi. - 8000 Zuschauer. - Tore: 16. Tavano 0:1. 18. Macarone 1:1. 30. Bergvold 1:2. 41. Knezevic 1:3. 92. Loria 2:3.

Torino - Catania 1:1 (1:0)

Olimpico. - 19 000 Zuschauer. - Tore: 15. Malonga 1:0. 63. Martinez 1:1. - Bemerkung: 25. Rote Karte gegen Vargas (Torino, Unsportlichkeit).

Inter - Lazio abgesagt

Atalanta - Milan nach 7 Minuten abgebrochen.

Inter - Lazio abgesagt

Roma - Cagliari abgesagt

Am Samstag:

Sampdoria Genua - Empoli 3:0 (2:0)

Luigi Ferraris. - 20 258 Zuschauer. - Tore: 5. Giacomazzi (Eigentor) 1:0. 40. Montella 2:0. 90. Sammarco 3:0. - Bemerkung: Sampdoria Genua mit Reto Ziegler.

Palermo - Napoli 2:1 (0:0)

Renzo Barbera. - 25 138 Zuschauer. - Tore: 54. Bogliacino 0:1. 57. Tedesco 1:1. 67. Tedesco 2:1. (dapd)

Immer wieder Todesfälle in Italiens Fussball

Italiens Fussball wird immer wieder von Todesfällen überschattet. Der am Sonntag auf dem Weg zum Meisterschaftsspiel bei Inter Mailand erschossene 26-jährige Lazio Rom-Fan ist ein weiteres Fussball-Opfer in den vergangenen 15 Jahren:

30. Januar 1994: Messina-Fans verfolgen den Ragusa-Anhänger Salvatore Moschella in einem Zug. Bei der Prügelei stürzt sich der 22-Jährige in Panik aus dem fahrenden Zug und stirbt.

29. Januar 1995: Vor der Partie Genua gegen AC Milan wird der Milan-Fan Vincenzo Spagnolo erstochen.

1. Februar 1998: Nach dem Spiel Treviso gegen Cagliari stirbt der Treviso-Anhänger Fabio Di Maio (32) bei einer Fan-Randale an Herzversagen.

24. Mai 1999: Nach dem Spiel zwischen Piacenza und Salerno brennt der Zug mit den Piacenza-Fans in einem Tunnel aus. Vier Fans kommen ums Leben. Die Fans hatten das Feuer selbst gelegt.

17. Juni 2001: Vor dem Sizilien-Derby zwischen Messina und Catania stirbt der 24-jährige Antonino Currò. Er war von einem Sprengsatz getroffen worden.

20. September 2003: Beim Derby zwischen Avellino und Napoli stirbt der Napoli-Fan Sergio Ercolano, als er während der Ausschreitungen von einer Mauer stürzt.

27. Januar 2007: Der Manager des Drittligisten Sammartinese, Ermanno Licursi, stirbt an den Folgen eines Schlages an den Kopf. Er hatte versucht, eine Prügelei zwischen den Spieler seiner Mannschaft und denen von Liga-Konkurrenten Canellese auf dem Platz zu schlichten.

2. Februar 2007: Bei Ausschreitungen am Rande des sizilianischen Erstliga-Derbys zwischen Catania und Palermo wird der Polizist Filippo Raciti erschlagen.

11. November 2007: Gabriele Sandri, ein Anhänger von Lazio Rom, wird vor dem Auswärtsspiel bei Inter Mailand auf einem Autobahn- Parkplatz in der Nähe von Arezzo von einem Polizisten erschossen.

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