Aktualisiert 13.05.2014 10:25

H.R. Giger ist tot«Tod und Verfall sind Teil des Lebens»

Seine Alien-Figur machte ihn weltberühmt. Und nicht nur Normalsterbliche zählten zu seinen Fans: Für Künstler weltweit war H.R. Giger Inspiration und Vorbild zugleich.

von
Fee Riebeling

Mit einem Totenschädel fing alles an. Diesen hatte Hansruedi Gigers Vater, ein Apotheker, vom Chemieunternehmen Ciba-Geigy bekommen. Hatte der kleine Bub zuvor noch von Eisenbahnen und Burgen geträumt, war mit einem Mal der Schädel sein bester Freund. Fortan zog er diesen an einer Leine durch die Strassen seiner Heimatstadt Chur.

Seine Vorliebe für den Verfall erhielt sich Giger bis zu seinem Tod. Zwar studierte er nach dem Schulabschluss zunächst etwas Solides — Architektur und Industriedesign an der Hochschule für Angewandte Kunst in Zürich (heute ZHdK) —, doch bereits während des Studiums fertigte er erste düstere Tuschzeichnungen an. Veröffentlicht wurden seine «Atomkinder» in Untergrundzeitungen.

Die erste Karriere

Einen Namen machte sich Giger, als er nach der Beendigung seines Studiums 1966 als Designer und Innenarchitekt bei der Firma Knoll-International anheuerte. «Dort habe ich gelernt zu zeichnen und Pläne zu machen», sagte Giger in einem seiner letzten Interviews, das im Herbst in dem Buch «Zürcher Pioniergeist» erscheinen wird. Das sei das Einzige gewesen, wofür man ihn hätte brauchen können.

Auch neben seiner Anstellung blieb Giger weiterhin künstlerisch aktiv – obwohl sein Vater stets predigte, dass Kunst sinnlos sei. «Doch ich habe ihm bewiesen, dass das nicht so war», so Giger. Bereits 1968 hatte er seinen Job bei Knoll-International an den Nagel gehängt und war ausschliesslich als Künstler tätig: Zu den Zeichnungen gesellten sich Gemälde und Skulpturen wie die «Gebärmaschine» und «Koffer-Baby» — allesamt mit dem für Giger so typischen düsteren Touch.

Ungewöhnliche Bewerbungsunterlagen

Auch Plattencover gehörten zu seinem Repertoire. Das wohl wichtigste war jenes für das Album «Brain Salad Surgery» (1973) von Emerson, Lake and Palmer. Denn auf dieses wurde der britische Filmregisseur Ridley Scott aufmerksam. «Das hatte er gesehen und weil es ihm so gut gefallen hatte, hat er mich für seinen Film engagiert», erzählt Giger im Interview. «Das Cover war quasi meine Bewerbung für ‹Alien›.»

Die Zusammenarbeit machte den gebürtigen Churer mit einem Schlag weltweit berühmt. Für sein «Alien» — ein schleimiges Mischwesen aus Maschine, Eidechse und Piranha — bekam er 1980 den Oscar in der Kategorie «Beste visuelle Effekte» verliehen. Es folgten Filmprojekte wie «Poltergeist II»(1986) und «Alien III» (1992). Für «Species» (1995) entwarf Giger eine ausserirdische Schöne. Seine Kreaturen bezeichnete der Galerist Bruno Bischoffsberger als «Biomechanoiden», eine Kombination von Mensch, Maschine und Technik. Ein Begriff, der heute nicht mehr aus der Kunstwelt wegzudenken ist.

Giger, der zu Anfang seiner Karriere von vielen als pervers bezeichnet worden war, war dank «Alien» mit einem Mal Kult. Um ihm zu huldigen, wurde 1988 in Tokio die erste Giger-Bar eröffnet, die mittlerweile geschlossen ist. 1992 folgte in Chur eine zweite. In dem New Yorker Club The Limelight existierte von 1998 bis zur Schliessung der Diskothek 2002 ein H.R. Giger Room. 1998 eröffnete der Künstler selbst in Schloss St. Germain in Gruyères FR ein Museum, das neben eigenen Werken auch eine Sammlung fantastischer Kunst beherbergt.

Komponenten des Lebens

Dass sich seine Werke immer um die Themen Sexualität, Tod und Vergänglichkeit drehen, daran fand Giger nichts Besonderes: Es seien einfach die Komponenten des Lebens. «Auch eigene Erfahrungen und Erlebnisse fliessen da mit rein», sagte er. So prägte beispielsweise der Selbstmord von Li Tobler — seiner ersten grossen Liebe, die sich 1975 in seinem Haus in Zürich-Oerlikon erhängte — viele seiner Bilder. Ein Abguss ihres Kopfes ist dort bis heute präsent.

Inspiration fand Giger in der Literatur. Besonders fantastische Romane und Science Fiction hatten es ihm angetan. Auch ebensolche TV-Formate. Sie bestimmten seinen Tagesablauf, nachdem er sich 1992 zur Ruhe gesetzt hatte. Doch ganz ruhen lassen konnte er sein Werkzeug doch nicht: So schuf er im Jahr 2000 auf Wunsch von Jonathan Davies, Sänger der Metalband Korn, einen Mikrofonständer, der zugleich «biomechanisch und erotisch» sein sollte.

«Technik stinkt mir»

Auch 2012 kehrte Giger noch einmal ins Showgeschäft zurück und entwarf das Raumschiff für den Sci-Fi-Streifen «Prometheus». Wieder war es Ridley Scott, der ihn überredete. «Er war ein alter Freund, da musste ich schon aus Gründen der Höflichkeit zusagen», so der Meister des Leinwandhorrors.

Die Zeichnungen für diesen letzten Grossauftrag fertigte er per Bleistift an. Denn: «Von Technischem wie dem Internet habe ich keine Ahnung», gab Giger seinerzeit zu. «Das stinkt mir einfach.» Deshalb musste seine zweite Ehefrau Carmen Scheifele-Giger das Versenden der Entwürfe übernehmen.

Seither war es ruhig um den Vertreter des Fantastischen Realismus geworden, der in den letzten Jahren zurückgezogen lebte. Am 12. Mai erlag der 74-Jährige im Spital Verletzungen, die er sich bei einem Sturz zugezogen hatte.

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