«Time-out» mit Klaus Zaugg: Todd Elik - der fünfte Beatle des Eishockeys
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«Time-out» mit Klaus ZauggTodd Elik - der fünfte Beatle des Eishockeys

Die SCL Tigers haben Todd Elik zurückgeholt, den Helden des Abstiegskampfes von 1999. 20-Minuten-Online-Kolumnist Klaus Zaugg fragt sich: Nostalgie oder Wahnsinn?

Die Antwort vorne weg: Es ist Beides. Kein anderer Spieler hat in den letzten zehn Jahren die Liga so aufgewühlt wie Todd Elik. Auf und neben dem Eis. Der sensible Rock'n'Roller mit dem fanatischen Gerechtigkeitsgefühl rastete aus, wenn er sich benachteiligt fühlte (von den Schiris) und konnte auf dem Eis mit seiner Genialität Spiele entscheiden. Er garantierte mehr als einen Skorerpunkt pro Spiel und mehr als 100 Strafminuten pro Saison.

Er hat zwischen 1997 und 2005 für Lugano, Langnau, Zug, Langenthal und Davos 324 Spiele bestritten (151 Tore, 335 Assists) und 1301 Strafminuten verbüsst. Mit 222 Strafminuten hält er noch immer einen Saison-NLA-Strafenrekord.

Der Volksheld vom Emmental

Im Frühjahr 1999 wurde er im Emmental zum Volkshelden, als er den Aufsteiger buchstäblich in letzter Minute vor dem sofortigen Abstieg rettete: Im 7. und letzten Spiel der Liga-Qualifikation gegen Chur war Langnau schon fast in der NLB: Die Churer führten 2:0. Dann tanzte Elik und buchte ein Tor und sechs Assists - Langnau gewann 7:2 und blieb oben. Wären die Emmentaler damals abgestiegen, wären sie heute ein Erstligaklub.

Aber das war vor neun Jahren. Am 15. April wird Elik 43 Jahre alt. So gesehen ist die Rückkehr Eliks reine Nostalgie.

Die Genialität des Todd Elik

Doch seine Rückkehr wird die Mannschaft befeuern und die Fans «eliktrisieren». Der Kanadier mit der Erfahrung aus 500 NHL-Spielen kann immer noch die Differenz machen. Auch in seinem biblischen Hockey-Alter. Weil er seine Wirkung nicht mit Wucht und Dynamik und Kraft erzielt. Sondern mit Intelligenz, ja Genialität. Eigenschaften, die nicht rosten.

Ich habe bis heute ausser Wayne Gretzky keinen Spieler mit dieser Genialität gesehen. Diese Fähigkeit, das Spiel zwei, drei Züge im Voraus zu lesen. Elik spielt lautlos und zielstrebig wie ein Raubvogel. Er hetzt dem Puck nicht nach, er will ihn nicht mit aller Kraft unter seine Kontrolle bringen. Er kann warten, er lässt dem Puck Zeit, zu ihm zu kommen. Wenn es dann soweit ist, und er den Puck bekommen hat, dann kann immer noch das Eis dominieren. Jeder weiss, dass gleich etwas passieren wird, der Gegner scheint wie gelähmt. Ein blitzgescheiter Pass zerlegt das gegnerische Abwehrkollektiv in seine Einzelteile, der Weg zum Tor ist frei. Faszinierend sind Eliks Pässe aus scheinbar aussichtloser Psoition, machmal scheinen seine Zuspiele Fehlpässe ins Niemandsland zu sein - doch dann erreicht der Puck doch den freien Mitspieler, den gar niemand sonst im Stadion gesehen hatte - ausser Elik.

Aber in dieser Rückkehr steckt auch Wahnsinn: Die SCL Tigers segeln auf Playoffskurs. Die Chemie in der Mannschaft stimmt. Es herrscht Ruhe im Umfeld.

Auflehnung gegen jede Ungerechtigkeit

Nun kommt der charismatischste Spieler, den die Langnauer je hatten, wieder zurück. Ein senbisler Rock'n'Roller, der sich gegen jede Ungerechtigkeit auflehnt und sich deshalb so oft mit den Schiedsrichtern angelegt hat. Ein Spieler, der das Leben liebt, im Grunde der fünfte Beatle des Hockeys.

Unvergesslich eine Episode aus seiner letzten Saison im Emmental. Headschiri Daniel Kurmann schickte Elik wegen Reklamierens wieder einmal unter die Dusche. Eine gute halbe Stunde nach dem Spiel sass ich bei Kurmann in der Schirigarderobe, um mich nach den Hintergründen zu erkundigen. Da klopfte es an die Tür und Elik sagte draussen mit unheimlicher Stimme, die an Jack Nicholson mahnte: «Dany, bist du daaa?» Als keine Antwort kam, brüllte er los: «Dany, ich weiss, du bist da und ich werde jetzt da draussen auf dich warten und dann rechnen wir ab.» Kurmann wurde ganz bleich und fragte, ob das wirklich Elik sei. Da polterte es wieder gegen die Türe und mit leiser Stimme sagte Elik: «Danylein, ich bin daaaa. Ich werde warten.» So ging es ungefähr eine halbe Stunde weiter bis es einem Mitspieler gelang, Elik von der Schirigarderobe wegzubringen. Eliks Kraftausdrücke habe ich jetzt bewusst weggelassen.

Die Gefahr des Ausrastens ist allerdings geringer geworden. Elik wird Gegenspieler auf sich ziehen. Aber es reicht nicht mehr, den Kanadier zu provozieren um das Spiel der Langnauer zu lähmen. Und je mehr sich der Gegner auf Elik konzentriert, desto besser für seine Mitspieler. Anders als in seinen wilden Jahren in Langnau ist die Mannschaft jetzt ausgeglichener.

Etwas fürs Herz und für die Unterhaltung

Im Emmental ist die erste NLA-Playoff-Qualifikation das Ziel, dem sich alle unterordnen. Wenn Elik doch wieder mal durch die Wirtshäuser und Bars rocken und rollen sollte, dann werden beide Augen zugedrückt. Und Heinz Schlatter wird jetzt, da er ja alle Werbeflächen verkauft hat, seine Zeit in die Betreuung von Elik investieren. Es waren ja noch nie die schlechtesten Früchte, woran die Wespen der Kritik nagten.

Selbst wenn die ganze «Operation Elik» in die Hosen gehen sollte - es hat sich gelohnt. Denn das Publikum lebt auch im Emmental nicht nur von Siegen allein. Es muss auch etwas fürs Herz und die Seele und die Unterhaltung sein. Und Elik garantiert diese Unterhaltung.

Klaus Zaugg, 20 Minuten Online

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