Tote Taucher im Bodensee: Todesfalle «Jura» für Experten ein Rätsel
Aktualisiert

Tote Taucher im BodenseeTodesfalle «Jura» für Experten ein Rätsel

1864 wurde die «Jura» im Bodensee versenkt. Seit Jahren lockt das Wrack Taucher an – schon vier von ihnen starben. Für Fachleute ist dies ein Rätsel.

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taw

Gegen 12 Uhr entdeckten Polizeitaucher am Sonntag den leblosen Mann nur einige Meter vom Schiffswrack entfernt. Obwohl der Deutsche (47) ein erfahrener Taucher war, endete der Tauchgang zur «Jura» für ihn tödlich.

Seit Jahren zieht das Wrack des Schaufelraddampfers «Jura» vor Bottighofen im Bodensee Taucher aus ganz Europa magisch an. In der Tiefe locken eine geheimnisvolle Welt mit verborgenen Schätzen und ein Blick in eine längst vergangene Epoche. «Rund 3000 Tauchgänge pro Jahr werden zur ‹Jura› gemacht», sagt Beatrice Kalberer, Mediensprecherin der Fachstelle für Tauchunfallverhütung.

Bereits vier Menschen kostete die Neugier das Leben, wie Kalberer auf Anfrage bestätigt. Am 1. Juni 2008 tauchte ein 34-jähriger Schweizer aus dem Aargau mit drei Kollegen zum Wrack und kehrte nicht wieder zurück. Taucher der Seepolizei der Kantonspolizei Thurgau fanden ihn später leblos auf dem Seegrund neben dem Schiffswrack. Auch 2005 starben kurz nacheinander zwei Männer direkt beim Schiff.

Experten vor einem Rätsel

Doch: warum kommt es wiederholt zu tödlichen Unfällen? Ist der Tauchgang zur «Jura» so gefährlich? Nein, sagt Erich Neuhauser, der seit 2013 regelmässig Jurafahrten anbietet. «Natürlich sind 40 Meter Tiefe nicht ohne, aber für einen erfahrenen Taucher kein Problem.»

Das einzig Besondere beim Tauchgang zur «Jura» ist gemäss Hans Gerber, Tauchexperte und Wiederentdecker der «Jura», der freie Abstieg. «Beim Abgang zur ‹Jura› geht man entlang einer Ankerleine. Sonst steigt man beim Tauchen oft vom Ufer oder einer Schräglage langsam in die Tiefe», so Gerber.

Seit 1864 auf dem Grund des Bodensees

Gebaut wurde die «Jura» 1854 von der Maschinenfabrik Escher-Wyss in Zürich. Das Schiff hatte eine Länge von 46,3 Metern und mass an der breitesten Stelle 10,25 Meter. Angetrieben wurde sie von einer Dampfmaschine mit 45 PS, was ihr eine Höchstgeschwindigkeit von 18,5 km/h ermöglichte. Erst wurde sie auf dem Neuenburgersee eingesetzt, ab 1861 kam sie auf den Bodensee als Ersatz für das nach einer Kollision gesunkene Dampfschiff «Ludwig».

Nur gerade zwei Jahre danach ging sie unter. Im dichten Nebel wurde die «Jura» am 12. Februar 1864 von der «Stadt Zürich» – von den Bayern auch «Teufelsschiff» genannt – gerammt und sank innert vier Minuten. Drei Menschen starben. Das «Teufelsschiff» machte seinem Namen alle Ehre. Zuvor hatte die «Stadt Zürich» nämlich bereits die «Ludwig» versenkt.

1953 zufällig entdeckt

Danach war es lange ruhig um die «Jura». 1953 wurde das Wrack bei der Suche nach abgestürzten Weltkriegsflugzeugen zufällig in rund 38 Metern Tiefe entdeckt. Danach geriet sie wieder in Vergessenheit, bis sie 1976 von Hans Gerber wiederentdeckt wurde. Allerdings war die «Jura» da bereits stark geplündert worden.

Die 2002 gegründete Stiftung Historische Schifffahrt Bodensee (SHSB) hatte deshalb die Absicht, das Schiff zu bergen und zu restaurieren. «Das Wrack wurde so stark geplündert, dem musste man Einhalt gebieten», sagt Otto Egloff, Präsident der Stiftung. Allerdings hätten Bergung und Restaurierung rund vier Millionen Franken gekostet. «Wir wussten, dass das nicht realistisch war, aber wir haben die Leute sensibilisiert», so Egloff. Am 7. Dezember 2014 stellte der Kanton Thurgau das Wrack schliesslich als Unterwasser-Industriedenkmal unter Schutz. Seither haben die Plünderungen aufgehört.

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