Aktualisiert 23.02.2013 15:06

Hinrichtungen in Indien

Todesstrafe ohne Ankündigung

Acht Jahre lang wurde in Indien kein Todesurteil vollstreckt, nun binnen weniger Monate gleich zwei. Selbst die Familien der Todeskandidaten erfuhren vorab nichts. Ist Indiens Demokratie in Gefahr?

von
kub

Elf Jahre warteten die Angehörigen von Mohammed Afzal Guru und rätselten über sein Schicksal. Dann erhielten sie unvermittelt Nachricht - übers Fernsehen: Der als Terrorist zum Tode verurteilte Mann war ohne Ankündigung in Neu Delhi hingerichtet worden. «Es war wie ein Blitz aus heiterem Himmel», sagt Yasin Guru, ein Cousin des Toten.

Die Hinrichtung, die Anfang Februar Unruhen in Kaschmir ausgelöst hatte, war bereits die zweite in Indien binnen kurzer Zeit - nach acht Jahren Pause. Vor drei Monaten war schon der einzige überlebende Schütze des verheerenden Terroranschlags von Mumbai 2008, Mohammad Ajmal Kasab, exekutiert worden, ebenfalls im Geheimen. Nun sorgen sich Menschenrechtsaktivisten, dass dies Präzedenzfälle für die 476 weiteren Todeskandidaten in indischen Gefängnissen sein könnten. «Die neue Praxis, Hinrichtungen heimlich ohne vorherige Information für die Angehörigen auszuführen, ist sehr besorgniserregend», sagt G. Ananthapadmanabhan, Chef der indischen Sektion von Amnesty International. Experten warnen, dass die indische Demokratie Schaden nehmen könnte.

Guru griff Parlament an

In Gurus Fall wird vermutet, dass die Regierung mit der Verheimlichung der Hinrichtung am 9. Februar gewalttätige Proteste in Kaschmir vermeiden wollte. Die Furcht davor war nicht unbegründet, wie die nach der Exekution ausgebrochenen Unruhen zeigten. Guru stammte aus Kaschmir. Er war wegen des Angriffs eines Terrorkommandos auf das indische Parlament 2001 verurteilt worden, bei dem 14 Menschen gestorben waren.

Doch die politischen Beweggründe der indischen Regierung für die heimliche Hinrichtung zählen für die Familie kaum. Früher wurde Angehörigen immer ein letztes Treffen mit Todeskandidaten ermöglicht. «Die grösste Demokratie der Welt hatte noch nicht einmal den Anstand, uns zu informieren», sagt der Cousin Yasin Guru.

Brief zu spät abgeschickt

Die Regierung betont, dass sie mit einem vom 6. Februar datierten Brief an Gurus Familie die Exekution angekündigt habe. Doch wurde der Brief erst am 8. Februar abgeschickt und erreichte die Familie in Kaschmir erst am 11. Februar - zwei Tage nach der Hinrichtung. Der frühere Generalstaatsanwalt T.R. Andhyarujina sprach danach von einem «inhumanen Akt». Auch der mit Indien verbündete kaschmirische Regierungschef Omar Abdullah kritisierte, dass die Familie nicht Abschied nehmen durfte.

(IBNTV/YouTube)

In Indien gibt es die Todesstrafe seit 1860. Doch spielte sie zuletzt kaum noch eine Rolle. 1982 hatte das oberste Gericht vorgegeben, dass sie nur in absoluten Ausnahmefällen verhängt werden sollte. Viele der zuletzt noch 476 Todeskandidaten hoffen auf Begnadigung.

Hindus applaudieren

Allerdings hatte Präsident Pranab Mukherjee erst vergangene Woche die Gnadengesuche von vier Männern abgelehnt, die 1993 wegen der Explosion einer Landmine mit 22 Toten verurteilt worden waren. Sie sitzen seither im südindischen Staat Tamil Nadu in der Todeszelle. Ihre Gnadengesuche waren neun Jahre alt. Am Mittwoch gab ihnen das Oberste Gericht nun noch einmal sechs Wochen Zeit für einen letzten Anlauf.

Experten verweisen darauf, dass auch Gurus Hinrichtung nur wenige Tage nach der Entscheidung des Präsidenten kam, sein Gnadengesuch abzulehnen. Sie vermuten, dass die für kommendes Jahr erwarteten Wahlen eine Rolle spielen könnten. Mit schnellen Exekutionen im Stillen kann die Regierung striktes Vorgehen gegen den Terrorismus belegen, ohne ihre Wähler zu verprellen. Vielmehr darf sie auf Lob der Hindus hoffen, die die Mehrheit stellen. (kub/sda)

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