Wehrloser Mann erschossen: Todesvideo schockiert Pakistan

Aktualisiert

Wehrloser Mann erschossenTodesvideo schockiert Pakistan

In Karachi haben Sicherheitskräfte vor laufender Kamera einen unbewaffneten 22-Jährigen erschossen. Die Öffentlichkeit ist derart in Rage, dass sich sogar der Premierminister einschaltet.

von
kri

Über die Vorgeschichte gibt es nur bruchstückhafte Informationen: Ein angeblicher Diebstahl mit einer Spielzeugpistole. Doch am Ende wird ein junger Pakistaner vor laufender Kamera und am helllichten Tag von einem Soldaten erschossen. Das Land ist in Aufruhr, die höchsten Regierungsstellen unter Druck. Was war geschehen?

Am 8. Juni 2011 wird der 22-jährige Sarfaraz Shah von einem privaten Sicherheitsmann im Shahid-Benazir-Butto-Park in Karachi aufgegriffen und unter dem Vorwurf des Diebstahls einer Gruppe von Rangers übergeben. Ein besonders aggressives Mitglied dieser paramilitärischen Einheit, die in den Städten patrouilliert, hält Sarfaraz umgehend sein Gewehr an den Kopf. Der junge Mann gerät in Panik, beteuert seine Unschuld und greift plötzlich nach dem Gewehrlauf, worauf besagter Ranger ihn mit zwei Schüssen niederstreckt. Einer ins Bein, einer in die Hand. Weil er und seine Kollegen Sarfaraz einfach liegenlassen, anstatt ihn ins Krankenhaus zu bringen, verblutet dieser schliesslich und stirbt.

«Pakistan befindet sich im Krieg»

Angeklagten droht Todesstrafe

Dieser ungeheuerliche Vorgang wurde bis ins letzte Detail auf Video aufgenommen, weil sich zufällig ein Filmteam eines Fernsehsenders vor Ort befand. Die schockierenden Aufnahmen, die wiederholt im Lokalfernsehen gezeigt und auch ins Internet gestellt wurden, haben in der pakistanischen Öffentlichkeit grosse Empörung ausgelöst. Menschenrechtsaktivisten verweisen angesichts der Bilder auf weitverbreitete Gewalt in den Streitkräften und ihre Kultur der Straflosigkeit. Tatsächlich machten die Rangers keinerlei Anstalten, besagten Kameramann an der Aufnahme zu hindern – ein Hinweis, dass sie sich keine Sorgen machten, für ihre Tat zur Verantwortung gezogen zu werden.

Doch diesmal sind sie offenbar zu weit gegangen. Der Zorn in der Bevölkerung ist derart gross, dass Premierminister Yousuf Raza Gilani versprochen hat, die Schuldigen vor Gericht zu bringen. Laut einem Bericht der pakistanischen Tageszeitung «The News International» ist inzwischen gegen sechs Rangers und den privaten Sicherheitsmann Anklage wegen vorsätzlicher Tötung erhoben worden. Staatsanwälte erklärten, unter den Anti-Terror-Gesetzen drohen den Angeklagten die Todesstrafe, lebenslange Haft oder andere drakonische Strafen, sollten sich die Anschuldigungen bewahrheiten. Der Kameramann ist inzwischen untergetaucht, nachdem er Drohungen gegen sein Leben erhalten hatte.

Pakistans Verrohung geht weiter

Der tragische Vorfall ist eine weitere Episode in einer langen Reihe von Gewalttaten, die Polizei, Armee, Geheimdienstm, aber auch Zivilisten angelastet werden. Ende Mai wurde der investigative Journalist Salim Shazad tot aufgefunden, sein Körper zeigte Spuren von Folter. In der Provinz Belutschistan sollen Paramilitärs fünf unbewaffnete Tschetschenen ermordet haben. Die Behauptung der Armee, es habe sich um Selbstmordattentäter gehandelt, liess sich nicht erhärten. Vor einem Jahr wurden zwei Teenager von einem Mob zu Tode geprügelt und anschliessend zur Schau aufgehängt. Laut Angaben der pakistanischen Menschenrechtskommission wurden im vergangenen Jahr 338 unschuldige Menschen von Sicherheitskräften erschossen.

Der Ort des Verbrechens, der Benazir-Bhutto-Park in Karachi:

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