30 Jahre Frauenstimmrecht AI - Töchter brauchten Polizeischutz, weil Mutter für Frauenstimmrecht kämpfte
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30 Jahre Frauenstimmrecht AITöchter brauchten Polizeischutz, weil Mutter für Frauenstimmrecht kämpfte

Seit 30 Jahren dürfen Frauen in Appenzell Innerrhoden auf kantonaler Ebene abstimmen - dank Theresia Rohner (67). Dafür schlugen ihr Wut und Hass entgegen. Isabel Rohner (42) hat ihre Geschichte aufgeschrieben.

von
Anja Zingg
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In der innerrhodischen Landsgemeinde durften Frauen am 28. April 1991 das erste Mal abstimmen. 

In der innerrhodischen Landsgemeinde durften Frauen am 28. April 1991 das erste Mal abstimmen.

REUTERS SCHWEIZ/Daniel Ammann REUTERS
Isabel Rohner hat in ihrem Buch die Geschichte von Theresia Rohner recherchiert, die vor das Bundesgericht zog und so das Abstimmungsrecht für Frauen ermöglichte. 

Isabel Rohner hat in ihrem Buch die Geschichte von Theresia Rohner recherchiert, die vor das Bundesgericht zog und so das Abstimmungsrecht für Frauen ermöglichte.

zvg
«Den Interessen der Frauen wurde keine Beachtung geschenkt. Das spiegelt sich bis heute in bestimmten Gesetzen wider», sagt Isabel Rohner. 

«Den Interessen der Frauen wurde keine Beachtung geschenkt. Das spiegelt sich bis heute in bestimmten Gesetzen wider», sagt Isabel Rohner.

Gordon Welters

Darum gehts

  • Am 28. April 1991 durften die Frauen von Appenzell Innerrhoden das erste Mal abstimmen.

  • 20 Jahre nachdem das nationale Stimm- und Wahlrecht eingeführt wurde.

  • In ihrem Buch erzählt Isabel Rohner die Geschichte von Theresia Rohner.

  • Dank ihres Einsatzes bekamen die Innerrhoderinnen ihr Wahlrecht.

Verwandt seien sie nicht, aber Theresia Rohner sei eine Schwester im Geiste, sagt Isabel Rohner. Sie hat in ihrem Buch (siehe Box) die Geschichte von Theresia Rohner recherchiert und erzählt im Interview, wieso die Späte des Frauenwahlrechts bis heute Einfluss auf unsere Gesellschaft hat und warum sie eine Entschuldigung von der innerrhodischen Regierung fordert.

Frau Rohner, Sie haben den Kampf von Theresia Rohner in Ihrem Buch beschrieben, wieso?

Die Geschichte ist wichtig und es muss an sie erinnert werden. Theresia Rohner war verheiratet, zweifache Mutter und hatte ein kleines Töpfergeschäft. Sie empfand es als Ungerechtigkeit, dass sie, obwohl sie Steuern bezahlte, auf kantonaler Ebene keine politischen Rechte hatte. Bis auf Appenzell AR und AI hatten die Frauen in den anderen Kantonen das kantonale Stimmrecht bereits seit rund 20 Jahren. 1989 klagte Rohner beim Kantonsgericht, wurde dort jedoch abgewiesen. Rohner erhoffte sich, dass sich weitere Frauen für ihr Anliegen stark machten. Aber dem war nicht so. Im Gegenteil: Viele Bekannte und Freund*innen wandten sich von Rohner ab. In Appenzell wurde sie für ihren Mut heftig kritisiert. Bei vielen galt sie als Querulantin.

Wie ging es weiter?

Rohner zog vors Bundesgericht. Dort wollte man 1990 im Sinne des Föderalismus Innerrhoden aber erst einmal die Chance geben, nochmals darüber abzustimmen.

Zur Person

Isabel Rohner

Gordon Welters

Isabel Rohner ist Kulturwissenschaftlerin, Expertin für Frauenbewegungen und Autorin zahlreicher Bücher. In ihrem Podcast «Die Podcastin - der feministische Wochenrückblick» setzten sich Rohner und Regula Stämpfli wöchentlich mit Sexismus-Kritik und der Geschichte der Frauen unserer Gesellschaft auseinander.

Also die Männer aus Innerrhoden?

Genau. Für uns klingt das heute absurd, dass nur Männer über die Rechte von Frauen abstimmen konnten. Abe so war es - und im April 1990 haben die Appenzeller Männer auf der Landesgemeinde dann zum dritten Mal explizit gegen das Frauenstimmrecht gestimmt. Erst da gab es eine Bewegung in Innerrhoden von Frauen und Männern, die Rohner bei ihrem Kampf unterstützt haben. Rund 100 Personen reichten zwei Sammelklagen am Bundesgericht ein. Da ging es plötzlich schnell: Das Bundesgericht entschied, dass das schweizweite Stimm- und Wahlrecht über dem Kantonsrecht steht und damit natürlich auch in Innerrhoden gelten muss.

Kehrte dann Ruhe ein für Rohner?

Nein. Für sie war das eine schwierige Zeit. Die innerrhodische Bevölkerung betrachtete sie als Unruhestifterin. Sie erhielt Drohungen, Vandalen warfen Steine durch die Fenster und ihre Töchter erhielten für den Schulweg Polizeischutz.

Rohner selbst gibt ja keine Interviews mehr. Wieso ist es Ihnen so wichtig, die Geschichte zu erzählen?

Theresia Rohner ist eine Heldin der Schweizer Geschichte. Und solche Heldinnen braucht es. Ausserdem muss immer wieder darauf hingewiesen werden, welche Auswirkungen das fehlende Stimmrecht auf die Schweiz bis heute hat. Bis 1971 wurden Gesetze von Männern für Männer gemacht. Den Interessen der Frauen wurde keine Beachtung geschenkt. Das spiegelt sich bis heute in bestimmten Gesetzen und Rahmenbedingungen wider, zum Beispiel in der fehlenden Individualbesteuerung.

Sie kritisieren auch den Kanton Appenzell Innerrhoden in seinem Umgang mit der Geschichte.

Auch in Innerrhoden ist die Heldinnengeschichte von Theresia Rohner kein Thema. Ich finde das inakzeptabel. Es ist eine Schande für den Kanton, dass die politische Gleichberechtigung erst vor dem Bundesgericht erstritten werden musste. Ich fordere, dass sich die jetzige Kantonsregierung mit der Geschichte auseinandersetzt und sich bei den Frauen für dieses Unrecht offiziell entschuldigt.

Wo stehen wir heute in der Schweiz?

Da gibt es auf allen Ebenen – politisch, wirtschaftlich, sozial, individuell – noch viel zu tun bis zu einer gleichberechtigten Gesellschaft. Gerade ist viel im Gang, was mich sehr freut: Durch „Helvetia ruft!“ konnte der Frauenanteil in National- und Ständerat deutlich erhöht werden, auch wenn hier auf kantonaler Ebene noch Luft nach oben ist. In der Wirtschaft verändert sich die Führungskultur, der Vorteil diverser Teams wird erkannt. Dann zu den Medien: Aktuell sind mehrere Fälle von strukturellem Sexismus in Medienkonzernen publik geworden. Das ist auch eine Chance für wirkliche Veränderungen, ob in der Führung oder auch bei der Berichterstattung, wo eine Perspektive auf Frauen immer noch die Ausnahme ist. Aber auch individuell können wir jeden Tag etwas für die Gleichberechtigung tun, ob in Meetings oder beim Einkaufen. Hier ist Jede und Jeder gefragt!

Eine letzte Frage: Sie tragen den gleichen Nachnamen wie Theresia Rohner, sind Sie verwandt?

Nein, wir sind nicht verwandt, nur «Schwestern im Geiste» (lacht). Ich stamme ursprünglich aus St. Gallen. Als 10-jähriges Mädchen habe ich erlebt, wie frauenfeindlich die Berichterstattung über den Einsatz von Theresia Rohner war. Dies war sicher ein Schlüsselerlebnis, weshalb ich mich für feministische Anliegen einsetze. Theresia Rohner ist für mich ein grosses Vorbild.

Zum Buch

50 Jahre Frauenstimmrecht

25 Frauen über Demokratie, Macht und Gleichberechtigung. Anlässlich des 50-Jahre-Jubiläums zum Frauenstimmrecht haben Isabel Rohner und Irène Schäppi der Geschichte, Gegenwart und Zukunft der Frauen in der Schweiz ein Buch gewidmet. Das Buch ist am 26. November 2020 im Zürcher Limmat Verlag erschienen.

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