Gezielte Angriffe: Tödliche Nacht in Dallas – was wir darüber wissen
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Gezielte AngriffeTödliche Nacht in Dallas – was wir darüber wissen

Fünf tote Polizisten und Angreifer, die offenbar mit Scharfschützengewehren schossen. Alles zur Eskalation in Dallas und den Hintergründen, wie es dazu kam.

von
gux
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Ein Fotograf ging während der Schiesserei in Dallas hinter einem Auto in Deckung und musste mit einem Polizisten zwei Stunden lang ausharren.

Ein Fotograf ging während der Schiesserei in Dallas hinter einem Auto in Deckung und musste mit einem Polizisten zwei Stunden lang ausharren.

kein Anbieter/Robert Moore / Facebook
Das Polizeihauptquartier in Dallas ist am Samstag abgeriegelt worden. Grund ist eine anonyme Drohung gegen die Polizei, die nach einer Mitteilung «sehr ernst» genommen wird.

Das Polizeihauptquartier in Dallas ist am Samstag abgeriegelt worden. Grund ist eine anonyme Drohung gegen die Polizei, die nach einer Mitteilung «sehr ernst» genommen wird.

Keystone/AP Photo/Nomaan Merchant
US-Präsident Barack Obama hat an die Einheit der US-Bürger appelliert. «Amerika ist nicht so gespalten, wie manche es dargestellt haben», sagte er am Rande des Nato-Gipfeltreffens in Warschau.

US-Präsident Barack Obama hat an die Einheit der US-Bürger appelliert. «Amerika ist nicht so gespalten, wie manche es dargestellt haben», sagte er am Rande des Nato-Gipfeltreffens in Warschau.

Keystone/Pawel Supernak

In Dallas lief eine Demonstration gegen Polizeigewalt komplett aus dem Ruder. Was wir bis jetzt über die tödliche Nacht in der texanischen Grossststadt wissen:

(Quelle: Youtube/Michael Bautista)

• Fünf Polizisten wurden am Donnerstagabend gegen Ende eines Protestmarsches gegen Polizeigewalt in Dallas erschossen, sechs Beamte verletzt. Einer der getöteten Beamten ist Brent Thomson (43). Er ist der erste Polizist der DART-Einheit, der bei einem Einsatz ums Leben kam.

• Wie die Polizei mitteilte, wurde «von einer Anhöhe» auf die Beamten geschossen. Polizeichef David Brown teilte mit, dass vier Personen die gezielte Attacke auf die Beamten in enger Zusammenarbeit ausgeführt hätten. Sie hätten den Plan gehabt, «so viele Beamte wie möglich zu verletzen und zu töten» und sollen Scharfschützengewehre eingesetzt haben. Über mögliche Motive wollte er nicht spekulieren.

• Drei Personen, darunter eine Frau, wurden als Tatverdächtige festgenommen. Sie verhielten sich bei der Befragung nicht kooperativ, so Polizeichef Brown. «Wir warten ab, bis sie im Verhör zusammenbrechen.» Die Ermittler sind sich auch nach den drei Festnahmen nicht sicher, ob es noch weitere Tatbeteiligte gibt. Die Polizei durchkämmte die Innenstadt nach weiteren potentiellen Tätern.

• Ein vierter Mann verschanzte sich über Stunden in einem Parkhaus. Aufforderungen zur Aufgabe kam er nicht nach, stattdessen sagte er der Polizei, er wolle noch weitere Beamten verletzen und habe in der Stadt Sprengstoff platziert, sagte der Polizeichef. Später meldeten mehrere US-Medien, der Mann habe sich selbst getötet. Offiziell bestätigt wurde diese Information aber nicht. Sprengstoff wurde bislang nirgends gefunden.

• Eine Zivilistin wurde bei der Schiesserei in der Innenstadt verletzt. Der Bein-Durchschuss von Shetamia Taylor, die mit ihren beiden Söhnen am Protestmarsch teilnahm, ist nicht lebensgefährlich.

• Während der Schiesserei in der Innenstadt fahndete die Polizei nach einem Mann, der mit einem Gewehr an dem Protestmarsch mitgelaufen war. Sie vermutete zunächst, dass er einer der Schützen war, die auf die Polizisten schossen. Mark Hughes stellte sich wenig später und wurde wieder auf freien Fuss gesetzt. Er habe von seinem Recht Gebrauch gemacht, offen eine Waffe zu tragen, sagte er später. Er habe das Gewehr dann aber der Polizei abgegeben.

• Die Bluttat in der texanischen Stadt Dallas, bei der fünf Polizisten von Heckenschützen getötet wurden, ist laut US-Präsident Barack Obama ein gezielter Angriff auf Beamte gewesen. Obama sprach von einer «bösartigen, kalkulierten und verabscheuungswürdigen» Tat. Die Polizisten hätten Menschen beschützt, als sie angegriffen worden seien, äusserte sich Obama in einer ersten Reaktion. Obama, der derzeit am NATO-Gipfel in Warschau weilt, sagte den Behörden in der texanischen Stadt seine vollste Unterstützung zu.

Wie konnte es so weit kommen? Hintergrund sind die zwei tödlichen Vorfälle vom Dienstag und Mittwoch – einer im Süden des Landes, in Louisiana, einer im Norden, in Minnesota. Gemeinsam ist ihnen, dass die zwei Opfer Afroamerikaner waren, beide von Polizisten erschossen wurden und dass ihr Tod auf Videos festgehalten wurde, die schnell online gingen und von Millionen geschaut wurden.

Alton Sterling (37), der «CD-Mann»

Der fünffache Familienvater verkaufte CDs und DVDs vor einem Laden in Baton Rouge, Louisiana. «Er in in der Gegend sehr beliebt, denn er war sehr freundlich und friedfertig. Alle nannten ihn den ‹CD-Mann›», sagt Edmond Jordan, Anwalt von Sterlings Familie.

Am Dienstag hatte ein Obdachloser die Polizei alarmiert, weil er von einem Mann mit einer Waffe bedroht worden sei. Zeugen zufolge hatte er Sterling, der wie immer CDs vor dem «Triple S Food Mart» anbot, um Geld gebeten. Sterling wies ihn ab, doch der Obdachlose gab nicht auf – bis ihm Sterling seine Waffe zeigte und ihn erneut aufforderte, ihn in Ruhe zu lassen. Zwei Polizisten rückten an. Wenig später drückten sie Sterling zu Boden. Einer durchsuchte ihn und schrie: «Er hat eine Waffe!« Daraufhin erschoss er Sterling aus nächster Nähe.

Der Besitzer des Ladens, vor dem Sterling stand, filmte die Szene. Rund hundert Menschen, darunter Verwandte und Freunde des getöteten 37-Jährigen, demonstrierten am Abend vor dem Geschäft, einen Tag später wurden Andachten im ganzen Land abgehalten.

Philando Castile (32), Tod via Livestream

Der Schulkantinenkoch wurde in Falcon Heights, Minnesota, offenbar wegen eines kaputten Rücklichtes von der Polizei angehalten. Seine Verlobte Diamond Reynolds und deren vierjährige Tochter waren ebenfalls im Auto. Reynolds zufolge schoss ein Polizist mehrfach auf Castile, als dieser seine ID und Fahrzeugpapiere herausholen wollte.

Reynolds entschloss sich, diesen Moment für alle festzuhalten: Sie filmte, wie Castile blutüberstömt am Steuer seines Wagens zusammensackt, während der Polizist mit seiner Waffe ins Innere des Wagens zielt (20 Minuten zeigt das Video aufgrund seines verstörenden Inhaltes nicht). Die junge Frau bleibt ruhig, erklärt dem Polizisten, der hörbar unter Stress steht, dass ihr Freund nach der ID gesucht habe. «Sie haben gerade vier Kugeln auf ihn abgefeuert, Sir», sagte sie auffällig gefasst (laut Experten stand sie unter Schock und verfiel in einen dissoziativen Zustand: «Das Handy war ihre Rettungsleine, um das durchstehen zu können.») Castile verblutete neben ihr in seinem Wagen. Am Donnerstagmorgen hatten 2,5 Millionen Menschen Reynolds Video geschaut.

2016: 505 Personen durch Polizei getötet

Beide Videos lösten einen Proteststurm zunächst in den sozialen Medien aus. Unterstützer richteten eine Facebook-Seite namens «Gerechtigkeit für Philando Castile» ein. Dort heisst es: «Philando Castile wurde am 7. Juli 2016 von der Polizei ermordet.»

Am Donnerstag gingen Menschen dann in mehreren Städten auf die Strasse, um der beiden Opfer zu gedenken und gegen Polizeigewalt zu demonstrieren. Doch wo es in Baton Rouge, Ferguson und Philadelphia friedlich blieb, eskalierte die Lage in Dallas.

Dieses Jahr wurden in den USA gemäss CNN 505 Menschen von der US-Polizei getötet.

Laut der Bundespolizei FBI starben 2015 41 Polizisten im Dienst, wobei 38 Beamte erschossen worden waren.

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