Aktualisiert 14.11.2011 11:27

Fatale VerwechslungTödliche Spielerei - Mann stirbt durch Armeewaffe

In Boudry NE hat eine Frau einen Freund getötet. Sie verwechselte offenbar eine Airsoftgun mit einer Armeepistole und schoss dem 23-Jährigen mitten in die Brust.

Ein 23-jähriger Mann ist in der Nacht auf Sonntag in Boudry bei Neuenburg durch eine Armeepistole getötet worden. Es handle sich wahrscheinlich um einen Unfall, teilte die Neuenburger Kantonspolizei mit.

Das Opfer und eine junge Frau waren bei einem Freund zu Besuch. Dort spielten sie mit einer ungefährlichen Softair-Waffe. Dann nahm der Freund seine Armeepistole und Munition hervor. Er lud und entlud die Pistole mehrere Male.

Tödlicher Irrtum

Nach ersten Erkenntnissen nahm die junge Frau anschliessend die Armeewaffe an sich und drückte ab - vermutlich in der Annahme, die Waffe sei nicht geladen oder es handle sich ebenfalls um eine Softair-Waffe. Der Schuss traf den 23-jährigen Mann mitten in die Brust.

Der junge Mann, der aus Italien stammt und in der Region wohnt, starb kurz darauf. Die Polizei hat Ermittlungen eingeleitet.

Diebstahl von Armee-Munition?

Unklar ist, warum der Besitzer der Militärwaffe auch Munition besass. Armee-Sprecher Daniel Reist wies auf Anfrage der Nachrichtenagentur sda darauf hin, dass zurzeit nicht bewiesen sei, dass es sich um Armee-Munition handle.

Sei dies aber der Fall, dann habe der Mann die Munition bei der Armee gestohlen. Munition könnte der Mann jedoch auch via einen Schützenverein beschafft oder aber in einem Geschäft gekauft haben, sagte Reist.

Mit Sturmgewehr erschossen

Es ist das zweite Mal innert weniger Tage, dass ein junger Mensch durch eine Armeewaffe das Leben verliert. Am Freitag, 4. November, erschoss in St-Léonard VS ein 23-jähriger Walliser seine 21-jährige Freundin mit einem Sturmgewehr 90.

Der Mann war polizeilich bekannt. Er war unter anderem im Jahr 2008 wegen Drohung und Sachbeschädigung zu einer bedingten Freiheitsstrafe verurteilt worden.

Debatte neu lanciert

Nach dem tragischen Ereignis in St-Léonard kündigten die Kantone und die Armee an, eine Arbeitsgruppe einzuberufen. Diese soll Wege finden, um den Informationsaustausch zwischen der Armee und der Polizei zu «optimieren», wie Karin Keller-Sutter, Präsidentin der Kantonalen Justiz- und Polizeidirektorenkonferenz (KKJPD), sagte.

Kantone und Armee würden aber über den Informationssfluss nicht alleine entscheiden können, sagte Armee-Sprecher Reist. Denn es gehe auch um Fragen des Datenschutzes. Diese Fragen müssten politisch geklärt werden. (sda)

Chronologie

Immer wieder sorgen Tötungen mit Armeewaffen für Schlagzeilen. Eine Liste von Gewaltverbrechen und tödlichen Unfällen, die sich in der Schweiz in den vergangenen Jahren mit Armeewaffen ereigneten:

St-Léonard VS erschiesst ein 23-jähriger im Streit seine 21-jährige Freundin mit seinem Armee-Sturmgewehr. Der Walliser hatte der Polizei schon früher Probleme bereitet, seine Armeewaffe wurde aber nicht eingezogen.

Schafhausen BE erschiesst bei der Zwangsräumung einer Wohnung der 35-jährige Wohnungsmieter einen 39-jährigen Polizisten mit seiner Armeepistole und verletzt einen weiteren Polizisten am Oberarm. Der Täter war aus medizinischen Gründen aus der Armee entlassen worden, ordentlich abgerüstet wurde er aber nicht.

Bernhardzell SG wird der St. Galler Rapper «Shame» erschossen. Beim Sturmgewehr eines 28-Jährigen, der zuvor das Obligatorische geschossen hatte, hatte sich versehentlich ein Schuss gelöst.

La Chaux-de-Fonds seine Ex-Frau mit seiner ehemaligen Armeewaffe.

Zürich-Höngg mit seinem Armee-Sturmgewehr eine ihm unbekannte 16-Jährige. Nach seiner Festnahme erklärt er, das Opfer rein zufällig ausgewählt zu haben. Der Täter wird zu 17 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt.

Montmollin NE erschiesst ein 67- jähriger Mann seine 52-jährige Ehefrau und dann sich selbst mit einer Militärpistole.

Baden schiesst ein Mann mit seinem Armee-Sturmgewehr um sich und tötet dabei einen Mann. Drei weitere Personen werden verletzt. Der Täter kann festgenommen werden.

Chur erschiesst ein 29-jähriger Schweizer mit dem Armee-Sturmgewehr seine Freundin, die sich von ihm trennen wollte. Er wird wegen vorsätzlicher Tötung zu 11 Jahren Gefängnis verurteilt.

Les Crosets VS vom getrennt lebenden Ehemann mit dessen Dienstpistole erschossen. Anschliessend begeht der Täter Selbstmord.

Politische Diskussion

Unfälle und Verbrechen mit Armeewaffen haben schon vor Jahren den Ruf nach strengeren Kontrollen verstärkt. 2007 beschloss das Parlament, dass Soldaten ihre Taschenmunition nicht mehr nach Hause nehmen dürfen. Seit Anfang 2010 können Armeeangehörige, die ihre Armeewaffe nicht mehr zu Hause aufbewahren wollen, diese in einem Zeughaus deponieren. Per Anfang 2011 traten zudem schärfere Rekrutierungsbestimmungen in Kraft.

Keinen Erfolg hatte dagegen die Volksinitiative «Für den Schutz vor Waffengewalt», die die Ordonnanzwaffen ins Zeughaus verbannen wollte. Sie wurde 13. Februar 2011 mit über 56 Prozent Nein an der Urne verworfen.

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