Aktualisiert 06.04.2010 17:24

Video von US-AngriffTödliche Verwechslung in Bagdad

Das verstörende Video eines tödlichen Helikopter-Angriffs 2007 in Bagdad lässt Rufe nach einer Untersuchung laut werden. Doch die US-Armee sieht keinen Beleg für ein Fehlverhalten.

von
pbl

Seit dem Helikopter-Angriff am 12. Juli 2007 in Bagdad hat die Nachrichtenagentur Reuters vergeblich versucht, genaue Informationen über den Tod ihrer beiden Mitarbeiter zu erhalten. Der 22-jährige Fotograf Namir Noor-Eldin und der 40-jährige Fahrer Saeed Chmagh waren bei der US-Militäraktion getötet worden. Das für den Irak zuständige Zentralkommando der US-Streitkräfte gab mehrere Dokumente in zensierter Form frei. Zwei wurden jedoch als «klassifiziert» eingestuft und zurückgehalten, darunter das Video des Angriffs.

Dessen Veröffentlichung auf der Website Wikileaks bringt das US-Militär nun in Zugzwang. Ein hochrangiger Vertreter bestätigte gegenüber der «New York Times» die Echtheit des Videos. Ein Armeesprecher teilte laut CNN mit, die Untersuchung des «tragischen Vorfalls» habe ergeben, dass die involvierten Streitkräfte sich der Anwesenheit der beiden Reporter nicht bewusst gewesen seien: «Alle verfügbaren Beweise stützen die Annahme der Soldaten, dass sie es mit bewaffneten Aufständischen zu tun hatten und nicht mit Zivilisten.»

Die Untersuchung hielt fest, dass die Soldaten die Kameras der Reporter mit Waffen verwechselt hatten. Laut dem am Montagabend vom Zentralkommando veröffentlichten Bericht hatten die Reuters-Mitarbeiter «keinen Versuch unternommen, ihren Status als Medienvertreter sichtbar zu machen». Durch «ihre Vertrautheit mit und Nähe zu den bewaffneten Aufständischen» sowie ihre Versuche, die Streitkräfte zu fotografieren, hätten die Besatzungen der Helikopter sie für «feindliche Kämpfer» gehalten.

Bei Rettungsversuch getötet

An jenem Tag war es im Osten Bagdads tatsächlich zu Kämpfen zwischen Aufständischen und dem US-Militär gekommen. Laut Reuters waren Noor-Eldin und Chmagh unterwegs zu einer Reportage über Gewichtheber, sie hätten sich jedoch entschieden, sich vor Ort über die Lage zu informieren. David Finkel, ein Journalist der «Washington Post», hat den Vorfall in seinem 2009 erschienenen Buch «The Good Soldiers» beschrieben. Demnach befanden sich die beiden in Begleitung von sieben Irakern, von denen zwei mit einem Gewehr und einem Granatwerfer bewaffnet waren, als sie von den Helikoptern beschossen wurden.

Namir Noor-Eldin versuchte, sich hinter einem Abfallhaufen zu verstecken, als er getötet wurde. Saeed Chmagh wurde beim Angriff verwundet. Die Helikopter-Crew schoss vorerst nicht weiter auf ihn, weil er unbewaffnet war. Doch als ein Lieferwagen auftauchte, der ihn wegbringen wollte, eröffneten die Soldaten erneut das Feuer. Sie töteten den Reuters-Fahrer und die beiden Männer, die ihn in Sicherheit bringen wollten. Zwei Kinder, die sich im Lieferwagen befanden, wurden verletzt. «Es ist ihr Fehler, wenn sie ihre Kinder in die Schlacht mitbringen», sagte ein Heli-Pilot.

«Umfassende Untersuchung notwendig»

«Das Video ist zutiefst verstörend und erinnert uns daran, was Journalisten in Kriegsgebieten alles auf sich nehmen», hielt Reuters-Chef Joel Simon in einer Mitteilung fest. Es bestätigte zudem die seit langem vorhandene Überzeugung, «dass eine umfassende und transparente Untersuchung dieses Vorfalls dringend notwendig ist». Auch ein irakischer Medienverband fordert eine Untersuchung. Die Aufnahmen seien ein Beweis für ein Verbrechen, sagte Gewerkschaftschef Muijad al Lami.

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