Afghanistan: Tödlicher Fehlschlag im «Herz der Finsternis»

Aktualisiert

AfghanistanTödlicher Fehlschlag im «Herz der Finsternis»

Am zweiten Tag ihrer bislang grössten Offensive in Afghanistan haben NATO-Truppen aus Versehen 12 Zivilisten getötet - zwei Raketen hatten ihr Ziel verfehlt. Der Nato-Oberkommandierende entschuldigte sich bei der Regierung. US-Aussenministerin Hillary Clinton hat dem Land derweil langfristige Unterstützung zugesagt.

Bei der Grossoffensive der NATO im Süden Afghanistans sind versehentlich zwölf Zivilpersonen getötet worden. Zwei gegen Aufständische gerichtete Raketen hätten ihr Ziel verfehlt und ein Wohnhaus getroffen, teilte der NATO-Oberkommandierende in Afghanistan, General Stanley McChrystal, am Sonntag mit. Die grösste Militäroffensive in dem Land seit dem Sturz der Taliban 2001 begann einen Tag zuvor mit einem relativ schnellen Vorstoss von NATO-Truppen und afghanischen Soldaten auf die Stadt Mardschah.

Trotz der neuerlichen Opfer unter der Zivilbevölkerung rechtfertigte McChrystal die Offensive als notwendigen Beitrag zur Wiedererlangung von Sicherheit und Stabilität im Süden des Landes. Wegen des bedauerlichen Zwischenfalls habe man sich bei Präsident Hamid Karsai entschuldigt. Karsai erklärte, bei dem Angriff seien zehn Mitglieder derselben afghanischen Familie getötet worden.

Die von den alliierten Streitkräften gestürmte Stadt Mardschah in der Provinz Helmand galt bislang als Hochburg der Taliban. Es wurden dort bis zu 1000 Aufständische vermutet. Bis die Truppen die 80 000-Einwohner-Stadt völlig unter Kontrolle haben, kann es allerdings noch einige Wochen dauern, wie Brigadegeneral Larry Nicholson von der US-Marineinfanterie erklärte. Grössere Gefechte erwarte er aber nicht.

Zwei NATO-Soldaten und mindestens 27 Aufständische getötet

US-Marineinfanteristen und afghanische Soldaten gingen am Sonntag in Mardschah von Haus zu Haus und räumten Sprengfallen. Vereinzelt kam es wie erwartet zu Schusswechseln mit militanten Islamisten, die sich weiter in der Stadt verschanzt haben. Die Soldaten stellten in Mardschah mehrere Sprengstofflager sicher und stiessen auf Stellungen von Heckenschützen, die offenbar erst vor kurzer Zeit geräumt wurden. «Das wird ein sehr langsamer und sorgsamer Prozess», sagte US-Hauptmann Joshua Winfrey zum Vorgehen der Truppen in der Stadt.

Mardschah war die grösste Stadt in der Hand der Taliban und damit das erste Ziel der am Samstag gestarteten Offensive in der Provinz Helmand. Die NATO will dort nach eigenen Angaben eine Stadtregierung einsetzen und so schnell wie möglich den zivilen Aufbau unterstützen.

Taliban haben sich zurückgezogen

Bei dem Angriff wurden nach Angaben der afghanischen Behörden mindestens 27 Aufständische getötet. Ausserdem kamen ein amerikanischer und ein britischer Soldat ums Leben. Offenbar zogen sich die meisten Taliban-Kämpfer vor Ankunft der NATO-Soldaten zurück, um sich neu zu formieren. Der britische Generalmajor Gordon Messenger sagte jedoch in London, es habe nur sporadischen Widerstand gegeben.

Die Truppen trafen mit mehr als 30 Transporthubschraubern vor dem Morgengrauen in Mardschah ein. Gleichzeitig stiessen amerikanische, britische und afghanische Einheiten in den nördlich von Mardschah gelegenen Bezirk Nad Ali vor. An der Offensive mit der Bezeichnung «Moschtarak» (Gemeinsam) nehmen insgesamt 15 000 Soldaten teil.

Matt Bazeley, Kommandant einer britischen Pioniereinheit, sprach gegenüber seinen Soldaten Klartext: «Es ist verdammt gefährlich dort draussen. Wir gehen in das Herz der Finsternis.»

Vor dem Hintergrund der Grossoffensive hat US-Aussenministerin Hillary Clinton dem Land am Hindukusch langfristige Unterstützung zugesagt. «Die USA werden Afghanistan nicht im Stich lassen», sagte Clinton am Sonntag beim «US-Islamic World Forum» in Doha. Auch nach dem Abzug der US-Truppen werde Washington mit einer «zivilen Präsenz» eine «langfristige Partnerschaft» mit Kabul sichern. Zugleich machte Clinton deutlich, dass die USA kein Interesse daran hätten, Afghanistan zu «besetzen». (dapd)

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