Töff-Airbag rettet Leben
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Töff-Airbag rettet Leben

Der erste serienmässige Airbag für Motorräder hat sich in einem ADAC-Crash-Test als Lebensretter erwiesen.

Der Automobilclub bezeichnete die Entwicklung des japanischen Honda-Konzerns bei der Präsentation der Testergebnisse am Donnerstag als «Meilenstein in der Geschichte der Motorradsicherheit». In dem nach ADAC-Angaben weltweit ersten unabhängigen Crashversuch der Neuheit simulierten die Experten einen weit verbereiteten, in der Regel tödlich verlaufenden Seitenaufprall eines Motorrads mit einem Auto. Ergebnis: Abgesehen von mittelschweren Beinbrüchen hätte der Fahrer statt Genickbruch nicht einmal eine Gehirnerschütterung erlitten.

«Das ist für uns ein fast unfassbar faszinierendes Ergebnis, das wir in keiner Weise erwartet haben», lobte der Versuchsleiter Wilfried Klanner die japanische Neuentwicklung. Bei dem Vergleichstest mit einer Maschine ohne Airbag hätte der Motorradfahrer dagegen sowohl tödliche Gehirnverletzungen als auch ein gebrochenes Genick riskiert. Der ADAC sagte dem Motorrad-Airbag einen ähnlichen Siegeszug wie beim Automobil voraus.

Der Club wies jedoch zugleich auf die Grenzen der Neuerung hin: Der Airbag schützt in der Regel nur bei Zusammenstössen mit anderen Fahrzeugen. Diese machen rund 55 Prozent aller schweren und tödlichen Motorradunfälle aus, wie der ADAC aus einer internen Statistik seiner Luftretter ermittelte. Bei den rund 35 Prozent meist allein verschuldeten Unfällen ohne Fremdeinwirkung hilft der Airbag in aller Regel nicht. Denn meist löst sich das Luftkissen überhaupt nicht aus, wenn ein Motorradfahrer etwa aus der Kurve fliegt.

Auch entfaltet der Airbag seine beste Wirkung nur, wenn der Motoradfahrer relativ frontal geradeaus in ein Hindernis prallt. Wird er selbst von der Seite von einem Auto erfasst, hilft auch der Luftsack nicht. Vor allem aber eignet sich der Airbag vorerst nur für bestimmte schwere Maschinen. So ist das lebensrettende Extra erst in einem einzigen Modell erhältlich, dem teuren, in den USA produzierten Honda-Flaggschiff Goldwing. Auf den deutschen Markt kommt die Maschine mit Airbag erst im Herbst.

Der ADAC besorgte sich aus den USA jeweils eine Goldwing mit und ohne Airbag. Im Landsberger ADAC-Technikzentrum wählten die Tester ein Szenario, dass in der Realität «absolut tödlich ist», wie Versuchszentrumschef Klanner betont. «Wir haben bewusst den schlimmsten Fall angenommen», erklärt er. «Mit einem Van haben wir den gefährlichsten Unfallgegner ausgesucht.»

Millimetergenau steuerten die ADAC-Techniker das Motorrad zudem genau in die zwischen Vorder- und Hintertür liegende so genannte B-Säule des VW Sharan - die Seitenscheiben hätten den Aufprall gemindert. Als Geschwindigkeit wählten die Experten 72 Stundenkilometer, laut Klanner die Durchschnittsgeschwindigkeit bei tödlichen Motorradunfälle.

Die Bilder der Hochgeschwindigkeitskamera im Landsberger ADAC-Versuchszentrum zeigen, wie Sekundenbruchteile über Leben und Tod entscheiden: Der Airbag ist bei 40 Millisekunden voll entfaltet, der Fahrerdummie hebt sich leicht an und wird zurückgehalten. Bei 90 Millisekunden ist das Vorderrad als Motorradknautschzone aufgezehrt, der Dummie auf der Maschine ohne Airbag schlägt mit dem Kopf voll auf der Säule auf. Trotz Helm misst der Computer zu 95 Prozent tödliche Hirnverletzungen und einen Genickbruch.

Der Fahrer auf der Airbagmaschine bleibt dank des Luftkissens zwischen Auto und Körper an Kopf, Hals und Oberkörper unverletzt. Allerdings brechen auch bei ihm beide Schienbeine. Dabei handle es sich im Vergleich «aber letzten Endes nur um mässige Verletzungen», sagt Klanner. Das Crash-Test-Ergebnis sei «absolut spektakulär».

Bei mindestens 15 Prozent aller bislang schweren bis tödlichen Motorradunfälle könne der Airbag den Fahrer retten. «Der Clou ist, dass der Airbag keine Rampenwirkung erzeugt, sondern dass er den Motorradfahrer wirklich wie eine Barriere zurückhält», lobt der Ingenieur. Möglich mache dies eine Art Sicherheitsgurt, der nicht den Fahrer, sondern den Airbag in einer optimalen Position halte.

Hoffnungen auf schnellen Durchbruch gedämpft

Allerdings sei die Entwicklung speziell für die Goldwing konstruiert, dämpft Klanner Hoffnungen auf einen schnellen Durchbruch des Systems. Diese Maschine habe den Tank unter dem Fahrersitz und besitze angesichts ihres hohen Gewichts einen günstigen Schwerpunkt. Bis der Airbag weite Verbreitung finden werde, sei noch viel Entwicklungsarbeit nötig.

«Wir werden auf die Akzeptanz schauen und dann überlegen, wie wir weiter verfahren», sagt auch der Honda-Sicherheitsexperte Michael Thiem. Honda habe aber bereits eine Studie eines Motorradrollers mit Airbag gezeigt. Der Schwerpunkt liege derzeit bei der aktiven Sicherheit mit Systemen wie ABS dafür zu sorgen, dass er gar nicht zu Unfällen komme. Der Honda-Mann erwartet jedoch, dass der Airbag schnell Nachahmer findet: «Wir sehen uns in der Pflicht die Motorradsicherheit zu verbessern und das sehen sicher auch die anderen Hersteller so.» (dapd)

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