«Time-out»: Törmänen braucht noch Zeit – doch hat er die?
Aktualisiert

«Time-out»Törmänen braucht noch Zeit – doch hat er die?

Noch selten waren die sportlichen Gegensätze zwischen dem SC Bern und den SCL Tigers grösser. Ein Plädoyer für Geduld mit dem SCB-Trainer.

von
Klaus Zaugg

Wo wäre der SC Bern mit der Arbeitseinstellung der SCL Tigers? An der Tabellenspitze. Wo wären die SCL Tigers mit dem Talent des SC Bern? An der Tabellenspitze.

Warum dieser Unterschied? Langnaus Trainer John Fust hat seine Spieler im Griff und ein funktionierendes Spielsystem eingeschult. So können die Tiger fehlendes Talent wenigstens teilweise wettmachen. Aber es reicht hinten und vorne nicht für einen Spitzenplatz.

Törmänens Suche nach dem System

SCB-Trainer Antti Törmänen hat seine Spieler nicht im Griff und er hat noch kein funktionierendes Spielsystem eingeschult. Deshalb kann der SCB Wagenladungen voller Talent nicht in Resultate umsetzen und es reicht hinten und vorne nicht für einen Spitzenplatz. Noch selten waren die sportlichen Gegensätze zwischen dem SC Bern und den SCL Tigers so gross.

Die SCL Tigers haben die grosse Chance, im Verlaufe dieser Woche in den drei Partien gegen Davos (h), Biel (a) und Gottéron (h) mit drei Siegen ins Playoff-Rennen zurückzukehren. SCB-Trainer Antti Törmänen braucht in den zwei Partien dieser Woche gegen die Lakers (a) und die Kloten Flyers (h) mindestens einen klaren Sieg, um den Job zu behalten.

Ist es so einfach? Nicht ganz. John Fust hat es in Langnau ein bisschen einfacher. Er hat nur einen Spieler (Simon Moser), der beim SCB einen sicheren Platz im ersten Block hätte. Es ist für einen Trainer einfacher, Spieler taktisch zu dressieren, die um ihre Limiten wissen und gar nicht in Versuchung kommen, als egoistische Schillerfalter dem Publikum etwas vorzuflattern. Kurtis McLean (9 Spiele/1 Tor/4 Assists) und Pascal Pelletier (8 Spiele/0 Tore/3 Assists) sind die schwächsten ausländischen Stürmer der Liga. Die SCL Tigers sind deshalb ein «coachables», ein pflegeleichtes Team.

Die Erwartungen sind im Emmental auch (noch) nicht himmelhoch. Die Langnauer haben zwar jetzt eine der besten Arenen der Schweiz und damit die kommerziellen Möglichkeiten, ein Team der oberen Tabellenhälfte zu werden. Aber bis sich diese Erkenntnis im Verwaltungsrat und im Management durchgesetzt hat, wird es noch eine Weile dauern. John Fust darf im neuen Tempel ohne Erfolgsdruck arbeiten. Die Erwartungen sind noch immer gleich bescheiden wie im alten Stadion. Selbst wenn er diese Woche dreimal verliert, wird er weiterhin gerühmt und seine Position nicht in Frage gestellt.

Noch schlechter als Huras

Antti Törmänen hat es in Bern schon ein bisschen schwerer. Es ist einfacher, einen Bären durch ein Nadelöhr zu zwängen, als die hochtalentierten SCB-Stars taktisch zu dressieren. Das «Trainer-Stützungsprogramm» mit den drei NHL-Stars Mark Streit, Roman Josi und John Tavares hilft dem Trainer nur bedingt. Die Stars sorgen zwar dafür, dass die Zuschauerzahlen trotz bescheidener Leistungen nicht zurückgehen. Törmänens Vorgänger Larry Huras hat ja seinen Job vor einem Jahr verloren, weil immer weniger Fans kamen – obwohl er zum gleichen Zeitpunkt sieben Punkte mehr hatte als jetzt Antti Törmänen.

Aber Mark Streit und John Tavares dürfen wir mit ein bisschen Bösartigkeit auch als als Danaergeschenk bezeichnen. Der Ausdruck stammt aus der griechischen Mythologie und bedeutet: Ein Geschenk, das sich für den Empfänger auch als unheilvoll erweisen kann.

Das mag ein wenig boshaft formuliert sein. Und doch hilft es uns beim Verständnis der Vorgänge im 50-Millionen-Unternehmen SC Bern.

Ein Trainer beim SC Bern, der Mark Streit (Captain der NY Islanders) und John Tavares (Topskorer der NY Islanders) im Team hat, steht noch mehr unter Erfolgsdruck. Aber er geht zu Recht davon aus, dass diese beiden NHL-Stars eine Leaderrolle auf und neben dem Eis übernehmen. Ihm sozusagen wie «Spielertrainer» helfen.

Das Verlierer-Image zweier NHL-Stars

Aber so einfach ist es eben nicht. Mark Streit und John Tavares kommen aus einer notorischen Verlierer-Mannschaft, die in den letzten vier Jahren nur 124 von 328 Partien gewonnen hat. Verlieren ist bei den New York Islanders längst zur lieben Gewohnheit geworden. Niemand regt sich darüber auf. Die Medien in New York kümmern sich nicht um die langweiligen Verlierer draussen auf Long Island. Die Zuschauer bleiben sowieso aus: Letzte Saison kamen im Schnitt pro Heimspiel gerade noch 13 101 Fans und oft waren nicht einmal 10 000 im Stadion.

Mark Streit und John Tavares sind grandiose Einzelspieler und Musterprofis ohne Fehl und Tadel. Wir verneigen uns. Aber auch sie bringen den Stallgeruch des Verlierens nicht einfach von einer Minute auf die andere aus den Kleidern. Beide sind ganz einfach eine Nummer kleiner als Luganos Patrice Bergeron und Zugs Henrik Zetterberg, die beide in «Hockeystädten» (Boston, Detroit) spielen und dort in jeder Partie unter maximalem Druck stehen. Ein bisschen Zeit – 15 oder gar 25 Spiele? - brauchen Tavares und Streit schon, um sich in einem Sportunternehmen einzuleben, hinter dem eine ganze Stadt steht, das im Schnitt 16 133 Fans anlockt und selbst in den nationalen Medien laufend Schlagzeilen produziert. Dazu noch ein Vergleich aus der Plus/Minus-Statistik der letzten NHL-Saison: John Tavares: -6. Mark Streit: -27. Patrice Bergeron: +36. Henrik Zetterberg: +14.

Mark Streit und John Tavares müssen sich erst wieder daran gewöhnen, was es bedeutet, in einem Team zu spielen, von dem die Fans in jedem Spiel einen Sieg oder wenigstens eine dramatische Niederlage erwarten. Dass es nicht genügt, viele Skorerpunkte zu buchen. Noch sind sie nicht die dominanten Alphatiere im grossen SCB-Umzug.

Die logische Trainerfrage

Antti Törmänen braucht also noch ein wenig Zeit. Weil er ein antiautoritärer Coach ist, sogar ein wenig mehr Zeit. Zu viel Zeit? Seinen besten Fürsprecher hatte er am frühen Sonntagabend im bernischen Oberaargau. Lausanne, der SCB der NLB, geht in Langenthal sang- und klanglos 1:4 unter. Eine Mannschaft, die eigentlich die NLB dominieren müsste, steht auf Platz 6, 12 Punkte hinter dem Leader (dem SCB fehlen auf Rang 6 in der NLA 12 Zähler für die Leaderposition).

Lausannes Trainer John van Boxmeer sieht sich hinterher kritischen Fragen besorgter welscher und einiger vorwitziger Deutschschweizer Chronisten ausgesetzt. Ein so talentiertes Team und nur Rang 6! Und das mit Cristobal Huet, einem ehemaligen Stanley-Cup-Sieger im Tor! Ob da nicht der Job des Trainers bald zur Diskussion stehe?

Da wird der gute John noch ein bisschen «grantliger» als er wegen der Niederlage ohnehin schon ist. Und hält ein leidenschaftliches Plädoyer für herbstliche Pleiten. Es sei einfach unsinnig, jetzt so kritisch zu sein. Es bringe doch seinem Team nichts, einfach so durch die Qualifikation zu rauschen. Die Spieler müssten jetzt lernen, sich aus einer Krise herauszuarbeiten. Nein, er habe nicht getobt. Er werde erst bei ähnlichen Resultaten im Januar ungnädig. Es sei doch auch normal, dass Cristobal Huet zurzeit nicht besser sei. Das sei Kopfsache. Jetzt, da es um nichts gehe, sei Huet höchstens zu 80 Prozent bei der Sache. Es könne doch niemand erwarten, dass er sich auf ein Spiel in der Schorenhalle gleich konzentriert vorbereite wie auf eine Partie mit Chicago.

Und dann sagt der Kanadier beschwörend, er habe weissgott schon bittere Erfahrungen gemacht mit guten Resultaten und Ruhm im Herbst. Zweimal hintereinander hat John van Boxmeer mit dem SC Bern die Qualifikation gewonnen und ist dann gleich in der ersten Playoffrunde schmählich gescheitert. Das hat ihn den Job gekostet. Im Herbst, sagt er mürrisch, sei noch nie eine Meisterschaft gewonnen worden.

Wo er recht hat, hat er recht. Es ist jetzt Herbst. Ein wunderschöner Herbst. Ja, das bunte Laub hängt sogar noch in den Bäumen. Schönes, tröstliches Herbstlaub auch für den SCB und dessen Trainer. Titel werden erst gewonnen, wenn neues Laub in den Bäumen gewachsen ist. Eigentlich ist es unsinnig, wenn ein Hockey-Trainer im Herbst schon den Job verliert, und die Chronisten sollten sich im Herbst mit Trainer- und sonstiger Kritik doch ein wenig zurückhalten. Oder?

Aber Fakt ist auch: Larry Huras ist beim SC Bern am 21. Oktober 2011 gefeuert worden.

Deine Meinung