USA: Töten ist teurer als leben lassen
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USATöten ist teurer als leben lassen

Moral, Religion und Ethik haben die US-Justiz nicht zum Umdenken bei der Todesstrafe bewegen können. Jetzt aber bringen die hohen Kosten von Todesurteilen mitten in der Wirtschaftskrise Bewegung in die Debatte.

«Es ist zehn Mal teurer, sie zu töten, als sie am Leben zu halten», sagt der ehemalige kalifornische Jurist Donald McCartin, der während seiner 15-jährigen Amtszeit als Richter neun Männer in den Todestrakt geschickt hat und deswegen den Beinamen «the Hanging Judge of Orange County» erhalten hat. Ein Verzicht auf die Todesstrafe würde für die Behörden ein Sparpotenzial von mehreren zehn Millionen Dollar bedeuten, wie neue Untersuchungen in den USA ergeben haben. Weil die Wirtschaft am Boden liegt und die Haushaltsdefizite steigen, wächst unter konservativen Politikern die Bereitschaft, aus finanziellen Gründen auf die Todesstrafe zu verzichten.

Wegen der langen Widerspruchsfrist sind von den neun unter der Regie von McCartin verurteilten Mördern noch acht am Leben. Ein Straftäter ist nach einem Herzinfarkt gestorben. Fast 20 Jahre vergehen im Schnitt, bis in Kalifornien ein Todesurteil tatsächlich vollstreckt wird. «Es ist Zeit- und Geldverschwendung», sagt der 82 Jahre alte Republikaner heute.

«Das erste Mal, dass die Kosten eine Rolle spielen»

Bereits vor zwei Jahren schaffte New Jersey wegen der immensen Kosten als erster US-Staat die Todesstrafe ab, die 1976 vom Obersten Gerichtshof wieder zugelassen worden war. Jede Todesstrafe in New Jersey war mit durchschnittlichen Kosten von 4,2 Millionen Dollar verbunden. Hinrichtungen gab es dort schon seit 1963 nicht mehr. Als zweiter US-Staat hat New Mexico im März die Todesstrafe abgeschafft.

Von den 35 übrigen US-Staaten, in denen es die Todesstrafe noch gibt, erwägen mindestens sieben eine Abschaffung noch in diesem Jahr - Maryland, Nebraska, Colorado, Montana, New Hampshire, Washington und Kansas. «Es ist das erste Mal, dass die Kosten eine dominierende Rolle in der Diskussion über die Todesstrafe spielen», sagt der Leiter des kritischen Informationszentrums Todesstrafe (Death Penalty Information Center), Richard Dieter. Bislang drehte sich die Debatte vor allem um die steigende Zahl von Verurteilten, die dank neuer DNA-Analysen nach teils jahrzehntelanger Haft freigesprochen wurden.

Im Jahr 2000 setzte der damalige Gouverneur George H. Ryan alle Vollstreckungen in Illinois aus, nachdem 13 Häftlinge vom Todesurteil freigesprochen worden waren - unter anderem wegen neuer DNA-Tests und widerrufener Zeugenaussagen. Ryan bezeichnete damals das ganze System als fehlerbehaftet und wandelte die Urteile aller 167 Häftlinge im Todestrakt in lebenslängliche Gefängnisstrafen um. Landesweit wurden in den USA bislang mehr als 130 Todesurteile wieder aufgehoben. Tausende Berufungsverfahren stehen noch aus.

DNA-Analysen treiben Ausgaben in die Höhe

Die Kosten für Todesurteile sind hoch, weil nur besonders qualifizierte Anwälte diese Prozesse führen dürfen. Die oft schwierige Suche nach einem Verteidiger für die Angeklagten zieht die Verfahren in die Länge. Auch die Kosten für die Sicherheitsvorkehrungen und die Auswertung von DNA-Spuren liegen deutlich höher als üblich.

Ist das Todesurteil gesprochen, werden die Insassen getrennt von den anderen Häftlingen in Einzelzellen untergebracht und müssen separat bewacht und versorgt werden. In Kalifornien, dem US-Staat mit den meisten zum Tod verurteilten Häftlingen, liegen deren Kosten um 90 000 Dollar höher als bei normalen Insassen. Pro Jahr müssen deshalb mindestens 63,3 Millionen Dollar mehr ausgegeben werden, wie eine Studie der kalifornischen Kommission für Gerechtigkeit in der Justizverwaltung ergab.

«Wenn du jemanden wirklich töten willst, gib ihm Lebenslänglich»

Unterdessen ist die Zahl der Todesurteile in den USA in den vergangenen zehn Jahren von 284 auf 111 gesunken. Die Zahl der Exekutionen ging im gleichen Zeitraum von 98 auf 37 zurück. Während Fürsprecher der Todesstrafe den Grund in der sinkenden Kriminalitätsrate sowie der abschreckenden Wirkung sehen und schnellere Verfahren fordern, um die Prozesskosten zu senken, begründen Gegner den Rückgang mit einer wachsenden Zurückhaltung unter Richtern und Juroren bei Todesurteilen. Zu gross sind demnach die Bedenken, dass Jahre später mit neuen wissenschaftlichen Methoden die Unschuld eines Verurteilten nachgewiesen werden könnte.

Hinzu kommt, dass die lebenslange Haft von einigen Betroffenen als härtere Strafe empfunden wird als das jahrzehntelange Warten im Todestrakt. «Wenn du jemanden wirklich töten willst, gib ihm Lebenslänglich ohne Bewährung», sagt etwa Gordon Steidl, der wegen Mordes an einem jungen Paar 1986 in Illinois zum Tod verurteilt wurde. Nach zwölf Jahren Einzelhaft wurde die Strafe in Lebenslänglich umgewandelt, weil die zwei Hauptbelastungszeugen ihre Aussagen zurückzogen.

Die ständige Gefahr, vergewaltigt oder erstochen zu werden, mache die Gruppenhaft schrecklicher als all die Jahre im Todestrakt, sagt der 52-Jährige. «Es ist schlimmer als zu sterben.» 2004 wurde er nach fast 18 Jahren Haft entlassen. (dapd)

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