Aktualisiert 12.02.2015 21:57

Kindersoldaten

«Töten wurde normal, ich war stolz auf meine Taten»

Opfer und Täter: Jedes Jahr werden Zehntausende Kinder trotz eines weltweiten Verbots als Soldaten rekrutiert und zum Kämpfen gezwungen.

Ein Kind bei der Al-Shabaab-Miliz..

Ein Kind bei der Al-Shabaab-Miliz..

Sie leben im Busch weit weg von ihren Familien, werden von skrupellosen Rebellen unter Drogen gesetzt und tragen Waffen, die oftmals grösser sind als sie selbst: Kindersoldaten sind die unschuldigen Opfer und gleichzeitig auch brutale Täter in den zahlreichen Konflikten der Welt.

«Das schlimmste denkbare Szenario ist es, einem Kind zu befehlen, seinen Vater vor den Augen der Dorfbewohner zu töten. Es trennt das Kind für immer von der Familie ab und macht es so von den Rebellen abhängig», erklärt ein Sozialarbeiter im Konfliktland Südsudan.

«Ich kann nachts nicht schlafen»

Der 15-jährige Kalami, der im Kongo sechs Jahre lang als Kindersoldat diente, erzählte der Menschenrechtsorganisation Amnesty International: «Eines Tages wurden wir gezwungen, eine ganze Familie zu töten, ihre Körper aufzuschneiden und sie zu essen. Mein Leben ist vorbei. Ich kann nachts nicht schlafen und denke immer wieder an die schrecklichen Dinge, die ich gesehen und getan habe.»

Der elfjährige Sylvain, der im Alter von neun Jahren von der Oppositionsgruppe Union kongolesischer Patrioten (UPC) rekrutiert wurde, erinnert sich: «Als ich das erste Mal tötete, schoss mir das Blut in den Kopf, und ich hatte Angst. Danach wurde das Töten normal und ich war stolz auf meine Taten.»

Leicht zu beeinflussen

Ob die berüchtigte LRA («Widerstandsarmee des Herrn») aus Uganda, die Mai-Mai-Milizen im Ostkongo, die Islamistengruppe Al-Shabaab in Somalia oder Boko Haram in Nigeria - gerade in Afrika schrecken Rebellengruppen seit jeher nicht vor dem Einsatz von Jungen und Mädchen für ihren blutigen Kampf zurück.

«Kinder werden als Soldaten eingesetzt, weil sie leicht zu beeinflussen sind und einer Gehirnwäsche unterzogen werden können», erläutert die internationale Organisation «War Child» auf ihrer Webseite. «Sie essen nicht viel, sie kosten nicht viel, und sie haben einen noch nicht voll entwickelten Sinn für Gefahr, so dass sie ohne Probleme an die Front geschickt werden können.»

Nicht alle Kinder nehmen dabei aktiv an Kämpfen und Angriffen teil. Manche werden als Träger, Köche oder Spione eingesetzt, und Mädchen - die nach Schätzungen von «War Child» etwa 40 Prozent der in Konflikten eingesetzten Kinder ausmachen - werden häufig als Sexsklavinnen missbraucht. Viele werden von den Rebellen schwanger und können wegen dieser Schande mit ihren Babys nicht mehr in ihr Dorf zurückgehen.

Psychische Probleme

Die Kinder, die zurückkommen, fühlen sich ausgegrenzt und isoliert und können sich an ein Leben ausserhalb der Rebellenlager nur schwer gewöhnen.

«Sie ziehen sich zurück und haben Probleme, sich in der neuen Umgebung zurechtzufinden», erläutert Unicef-Expertin Sheema Sen Gupta, die in Somalia für die Abteilung Kinderschutz verantwortlich ist. «Natürlich gibt es noch andere posttraumatische Stress-Reaktionen, so wie etwa Alpträume oder Appetitlosigkeit.»

Andere hätten Probleme, sich normal auszudrücken, normale menschliche Bindungen einzugehen oder auch Konflikte friedlich zu lösen, betont Michael Copland vom UNICEF-Regionalbüro für das östliche und südliche Afrika (ESARO).

«Die meisten haben nie eine Schule besucht»

Aber ab und zu dringen auch gute Nachrichten aus dem Busch. So gelang es UNICEF erst vor wenigen Wochen, mit einer Miliz im Südsudan die Freilassung von rund 3000 Kindersoldaten auszuhandeln. Die Jugendlichen im Alter zwischen 11 und 19 Jahren hatten bis zu vier Jahre lang für die «South Sudan Democratic Army Cobra Faction» gekämpft.

«Viele dieser Kinder haben Dinge erlebt und Dinge getan, die selbst für ausgebildete erwachsene Soldaten traumatisch wären», sagt Doune Porter von Unicef im Südsudan. Jetzt erwarte sie endlich eine bessere Zukunft. «Die meisten haben nie eine Schule besucht und freuen sich sehr darauf, nun endlich Lesen und Schreiben zu lernen.» (sda)

IS missbraucht Kindersoldaten

Jedes Jahr werden Zehntausende Kinder trotz eines weltweiten Verbots als Soldaten rekrutiert und zum Kämpfen gezwungen. Auch die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) missbrauche Minderjährige in Syrien und Irak als Kindersoldaten - manche von ihnen seien erst acht Jahre alt, müssten Hinrichtungen mitansehen oder sie selbst vornehmen.

Das berichtete das UNO-Kinderhilfswerk (UNICEF) am Donnerstag in Köln zum Internationalen Tag gegen den Einsatz von Kindersoldaten. Zur Zahl der insgesamt betroffenen Buben und Mädchen gibt es unterschiedliche Schätzungen, einige gehen von rund 250'000 Kindern aus. Sie sind UNICEF zufolge in 18 Ländern im erzwungenen Einsatz - darunter in Afghanistan, Jemen, Somalia, Sudan, Syrien, Irak, Mali, Kolumbien oder in der Zentralafrikanischen Republik.

Milizen und Armee müssten den Missbrauch stoppen und alle Minderjährigen demobilisieren, fordert die UNO-Organisation. Die Verbrechen sollten systematisch dokumentiert, die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden.

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.