Jetzt oder nie: Tom Lüthi kann Weltmeister werden
Aktualisiert

Jetzt oder nieTom Lüthi kann Weltmeister werden

Töff-Idol Tom Lüthi (23) steht wieder dort, wo er im Frühjahr 2005 schon einmal war. Das ist gut. Denn jetzt hilft Intelligenz mehr als Verrücktheit.

von
Klaus Zaugg
Katar
Tom Lüthi kann mit der Nummer 12 und dem neuen Motorrad ganz vorne mitfahren.

Tom Lüthi kann mit der Nummer 12 und dem neuen Motorrad ganz vorne mitfahren.

Vor einen Jahr prägten Hektik und bisweilen Angst die Saisonvorbereitung Lüthis. Er steht im Frühjahr 2009 vor seiner letzten Saison bei den 250ern und weiss: Entweder schafft er jetzt den Durchbruch. Oder der Traum der Königsklasse «MotoGP» ist vorbei.

Bereits bei den letzten Vorsaisontests im März 2009 war zu spüren: Er wird scheitern. Dem Druck ist er nicht gewachsen. Der Emmentaler fühlt sich auch in der dritten Saison nicht wohl auf dem 250er-Bike. Es ist ein teuflisches Gerät. Schwierig abzustimmen. Die Aprilia rutscht ihm zu oft ohne Vorwarnung weg. Die Töfflegende Eddie Lawson prägte einst den Spruch, dass der Erfolg nur möglich sei, wenn der Fahrer das Bike mit zwei Fingern steuern könne. Lüthi muss immer mit zehn Fingern kräftig zupacken.

Das Missverständnis mit dem wichtigsten Mitarbeiter

Mit Cheftechniker Mauro Noccioli, der ihm durch das Aprilia-Werk aufgezwungen wird, versteht er sich nie. Noccioli spricht nur italienisch, eine Sprache, die Tom fremd bleibt. Gewohnt mit italienischen Stars wie Max Biaggi und Valentino Rossi zu arbeiten, respektierte der Italiener den Schweizer nie richtig. Zwischen Lüthi und seinem wichtigsten Mitarbeiter gibt es deshalb drei Jahre lang nie die enge Zusammenarbeit, die für den grossen Erfolg notwendig gewesen wäre. Am Ende der 250er-WM 2009 steht bloss ein 7. Schlussrang.

Ein Töffritter ohne Furcht und Tadel

Doch Lüthi hat Glück. Er kann nun seine Karriere in der Kategorie «Moto2» (sie ersetzt die 250er-WM) fortsetzen. In den letzten Tagen vor dem Saisonstart 2010 (am Wochenende beim GP von Katar) ist sein Wesen und Wirken (fast) wieder so wie damals, als er sich im Frühjahr 2005 anschickte, die Welt zu erobern: Lüthi ist ruhig, cool, fit, ausgeruht und selbstsicher. Ein Töffritter ohne Furcht und Tadel.

Zum ersten Mal seit gut fünf Jahren hat sich der Emmentaler im Winter erholen können. Gut fünf Monate lang ist er keinen Meter gefahren und hat abgewartet, bis die neuen Moto2-Bikes im März ausgeliefert worden sind. «Diese Pause habe ich ganz bewusst gemacht und sie hat mir gut getan.»

Neue Klasse nichts für Warmduscher

Die neue Rennklasse «Moto2» ist nichts für Warmduscher. Motorisiert sind alle Maschinen genau gleich: Honda liefert die 600er-Viertakt-Einheitsmotoren und Dunlop die Einheitsreifen. Es sind anständige Bikes mit gut 130 PS. Das sind zwar nicht so viel wie die rund 230 PS der Feuerstühle in der «Köngisklasse» MotoGP. Aber noch immer teuflisch viel: Von 0 bis 100 km/h braucht Lüthis neuer Wetzhobel nur 2,7 Sekunden und es werden Spitzengeschwindigkeiten bis zu 280 km/h gemessen.

Nicht der verrückteste, sondern der intelligenteste wird gewinnen

Aber diese Viertakter sind ganz anders zu fahren als die heiklen 250er-Zweitakter. «Ich spüre diese Maschine viel besser», freut sich Lüthi gegenüber 20 Minuten Online. Der sensible Techniker hat endlich das Gefühl, seine Maschine durch und durch zu beherrschen. Wie damals, als er 2005 Weltmeister wurde. Das Moto2-Feld der 40 Fahrer aus 18 Nationen ist so ausgeglichen, dass die WM nicht der schnellste und mutigste und verrückteste, sondern der intelligenteste Fahrer gewinnen wird: Entscheidend wird es beim wilden Spektakel sein, in jedem Rennen ins Ziel zu kommen bzw. die Anzahl Ausfälle und Stürze im Rahmen zu halten und möglichst reifenschonend zu fahren. Wer die beste Balance zwischen Angriffsgeist und Berechnung findet, wird am Ende triumphieren, durchaus möglich, dass einer Weltmeister wird, der bloss ein oder zwei oder gar kein Rennen gewinnt. Genau dies ist die Stärke Lüthis. So hat er 2005 die 125er-WM gegen den schnelleren, bissigeren Mika Kallio gewonnen (der Finne fährt jetzt in der Königsklasse MotoGP).

Keinen Traum mehr, dafür Selbstvertrauen

So wie 2005 die 125er-Krone, so kann Lüthi, mit Glück natürlich, den ersten Moto2-Titel holen oder zumindest im Titelkampf eine Rolle spielen. Auch deshalb, weil Lüthis Team nicht mehr eine summende und brummende Werbemaschine ist, mit Ablenkungen und Terminen und Erwartungen, die den Piloten letztlich stressen, Energie kosten und hemmen. Das Budget ist um mindestens die Hälfte auf unter zwei Millionen reduziert worden und das Team wirkt 2010 wieder wie eine kleine Familie. Wie zuletzt 2005, dem Jahr des wundersamen Weltmeistertitels.

Diese Rückkehr zu den Wurzeln ist noch aus einem anderen Grund von zentraler Bedeutung: Im grossen Team der letzten vier Jahre verunsicherte ein babylonisches Sprachengewirr in Englisch, Deutsch, Holländisch, Tschechisch und Italienisch den Piloten. Neu übernimmt der Bayer Alfred Willeke das Amt des Cheftechnikers, die wichtigste Position im Team. Damit wird erstmals seit 2006 wieder Deutsch gesprochen. Zur Erinnerung: 2005 holte Lüthi mit dem Bayern Sepp Schlögl als Cheftechniker den WM-Titel.

Lüthi hat den Traum verloren, einer wie Valentino Rossi zu werden. Dafür hat er sein Selbstvertrauen wieder gefunden. Und kann wieder ein Töffheld werden. Wie 2005.

Das ist die neue Moto2-WM

2010 ist eine völlig neue Töff-WM-Klasse geschaffen worden: Moto2. Als Ersatz für die 250er-WM. Die Besonderheit: Moto2 ist eine kostengünstige Viertakterserie mit Honda-Einheitsmotoren (600 ccm) und Einheitsreifen (Dunlop). Verschieden sind nur die Chassis. Im Grunde ist es die «Königsklasse des armen Mannes» mit einer Technik, die pro Saison, alles eingerechnet, nicht mehr als 600 000 Franken kostet. Dies führt zu einer «Kernschmelze»: Zu einer Kategorie, in der sich die besten Talente aus allen Ländern und Klasse sofort zu recht finden. Die wichtigsten Landesmeisterschaften werden weltweit mehr und mehr nur noch in Viertakterserien ausgefahren und der Einstieg in den GP-Zirkus ist für diese Talente extrem schwierig geworden: Sie mussten auf Zweitakter (125er- oder 250er-WM umsteigen und vor allem die Nordamerikaner waren im Nachteil weil nur noch in Europa Zweitakter-Landesmeisterschaften haben (125 ccm) ausgefahren werden.

Damit ist Moto2 eine spektakuläre Rennserie mit weltweiter Präsenz entstanden: Die 40 Fahrer kommen aus 18 verschiedenen Ländern, in den ersten elf der letzten Tests vor der Saison sind zehn verschiedene Nationalitäten vertreten. Erstmals gibt es eine Rennklasse mit Piloten aus allen Kulturkreisen und Kontinenten: Amerikaner, Thailänder, Russen, Südamerikaner, Araber und, natürlich, Europäer. Das hat es noch nie gegeben. Neben Tom Lüthi fährt mit Dominique Aegerter ein zweiter Schweizer um die Moto2-WM.

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