Kanton St. Gallen: Toni Brunner fehlt als Zugpferd auf der SVP-Liste
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Kanton St. GallenToni Brunner fehlt als Zugpferd auf der SVP-Liste

Im Kanton St. Gallen sind Verschiebungen bei den Nationalratssitzen zu erwarten. Profitieren könnten Kandidierende von Grünen oder Grünliberalen.

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Markus Ritter dürfte der CVP des Kantons St. Gallen als Präsident des Schweizer Bauernverbandes als Trumpf dienen.

Markus Ritter dürfte der CVP des Kantons St. Gallen als Präsident des Schweizer Bauernverbandes als Trumpf dienen.

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Ebenfalls ungefährdet scheint der zweite Sitz von Nicolo Paganini. Er profitiert von seinem Bekanntheitsgrad als Olma-Direktor.

Ebenfalls ungefährdet scheint der zweite Sitz von Nicolo Paganini. Er profitiert von seinem Bekanntheitsgrad als Olma-Direktor.

Keystone/Anthony Anex
Schwerer dürfte es der dritte St. Galler CVP-Nationalrat Thomas Ammann haben.

Schwerer dürfte es der dritte St. Galler CVP-Nationalrat Thomas Ammann haben.

Bei den letzten Nationalratswahlen gab es im Kanton St. Gallen einen veritablen Rechtsrutsch: Sowohl die Grünliberalen als auch die Grünen verloren je einen Sitz. FDP und SVP profitierten. Seither verteilen sich die zwölf St.Galler Sitze folgendermassen: Fünf Mandate für die SVP, drei für die CVP und je zwei für FDP und SP.

Vier Monate später setzte sich der Trend fort: FDP und SVP eroberten mit mehreren Sitzgewinnen auch die absolute Mehrheit im St. Galler Kantonsrat.

Seither gibt es verschiedene Entwicklungen, die sich auf das Ergebnis im Oktober 2019 auswirken könnten. Dazu gehört der nationale Trend, der in Richtung Grüne oder GLP weist. Und: Wie in der übrigen Schweiz verliert auch die St. Galler CVP seit Jahren stetig an Stimmen.

SVP mit Handicap

Daneben gibt es St. Galler Besonderheiten: 2015 erreichte die SVP mit einem Wähleranteil von 35,8 Prozent einen Höhepunkt. Nun muss die Partei unter geänderten Vorzeichen einen fünften Sitz verteidigen, der vor vier Jahren – trotz Rechtstrend – nur wegen Restmandaten zustande kam. Zu verdanken war der Erfolg auch der ungeschickten Strategie der Grünliberalen, die nur mit der Piraten Partei eine Listenverbindung eingegangen waren.

Es gibt ein weiteres Handicap: Nach seinem Rücktritt fehlt der populäre Toni Brunner als Zugpferd auf der SVP-Liste. Er verkörperte den rasanten Aufstieg der St. Galler SVP, die schon länger die dominierende Partei geworden ist.

Fasst man all diese Entwicklungen zusammen, könnte die SVP einen Sitz entweder an die Grünliberalen oder an die Grünen verlieren. Entscheidend dürften die Stimmen aus den städtischen Agglomerationen sein. Ob die CVP ihre drei Mandate halten kann, ist hingegen schwieriger einzuschätzen. Mit der GLP wurde eine Listenverbindung eingegangen, die sich auszahlen könnte.

Bauern für die CVP

Es gibt weitere Trümpfe: Der bisherige Nationalrat Markus Ritter, umtriebiger Präsident des Schweizer

Bauernverbandes, wird zahlreiche Stimmen von Landwirten holen, die auch die SVP wählen würden – nur sind auf deren Listen die Bauernvertreter weniger stark vertreten als auch schon. Ebenfalls ungefährdet scheint der zweite Sitz von Nicolo Paganini. Er profitiert von seinem Bekanntheitsgrad als Olma-Direktor.

Schwerer dürfte es der dritte St. Galler CVP-Nationalrat Thomas Ammann haben. Wenn es für seine Partei schlecht läuft, könnte dieser Sitz innerhalb des Listenbündnisses zur GLP wechseln. Aussichtsreichster Kandidat ist dort der Arzt und HIV-Spezialist Pietro Vernazza.

Grüne mit Chancen

Eine weitere Listenverbindung gibt es zwischen SP und Grünen. Die beiden bisherigen SP-Nationalrätinnen Claudia Friedl und Barbara Gysi dürften wiedergewählt werden. Falls die SVP einen Sitz verliert, könnte ihn Franziska Ryser, Kandidatin der Jungen Grünen aus der Stadt St. Gallen, erobern.

Wie die SP-Sitze sind auch die beiden Mandate der FDP eher ungefährdet. Der Unternehmer aus Rapperswil-Jona, Marcel Dobler, tritt nach seinem Überraschungserfolg von 2015 nochmals an. Die Anwältin Susanne Vincenz-Stauffacher könnte Walter Müller ersetzen, der nach 15 Jahren nicht mehr kandidiert.

Würth und Rechsteiner

Sieben Kandidierende bewerben sich für die beiden St. Galler Sitze im Ständerat. Bei der Ersatzwahl nach dem Wechsel von Karin Keller-Sutter in den Bundesrat ist im Mai bereits Benedikt Würth (CVP) gewählt worden. Der zweite Bisherige ist Paul Rechsteiner von der SP. Vor allem ihn greifen die beiden Nationalräte Marcel Dobler (FDP) und Roland Rino Büchel (SVP) an. Im Rennen sind weitere Bewerber, die hauptsächlich ihre Nationalratskandidatur fördern wollen oder klare Aussenseiter sind.

Erwartet wird ein zweiter Wahlgang. Würth muss sich dabei eher wenig Sorgen machen. Rechsteiner hat Erfahrungen mit solchen Ausmarchungen. Bereits zweimal gewann er in der zweiten Runde gegen Kandidaten von CVP und SVP. Er setzte vor allem auf die Sozialpolitik - «gute Löhne, sichere Renten» - und holte damit Stimmen weit über das linke Lager hinaus.

Und im Thurgau?

Der Thurgau hat sechs Nationalratssitze. Die Hälfte besetzt die SVP, die anderen drei sind bei der FDP, CVP und SP. Markus Hausammann von der SVP tritt zurück. Ob es die mit 39,9 Prozent Wähleranteil stärkste Partei im Kanton schafft, den frei werdenden Sitz zu halten, ist fraglich.

Legen die Grünen und Grünliberalen wie erwartet zu, könnten sie der SVP einen Sitz abjagen. Die beiden Parteien haben ihre Listen mit der SP verbunden. Klar ist, dass die rot-grüne Allianz den Sitz von SP-Nationalrätin Edith Graf-Litscher sichert. Ob von einem allfälligen Sitzgewinn die Grünen oder die Grünliberale profitieren würden, ist offen. Beide Parteien sind zur Zeit nicht im Nationalrat vertreten.

Weitere Sitzverschiebungen sind in der stabilen Thurgauer Parteienlandschaft nicht zu erwarten. Die Wiederwahl von Verena Herzog (SVP), Diana Gutjahr (SVP) und Hansjörg Brunner (FDP) dürfte dank einer Listenverbindung der beiden Parteien gesichert sein.

Zwar hat die CVP ihre Liste lediglich mit den wählerschwachen Parteien EVP und BDP verbunden, aber der körperbehinderte CVP-Nationalrat Christian Lohr kann als langjähriges Ratsmitglied vom Bisherigen-Bonus profitieren.

Zweiter Wahlgang

Um die beiden Thurgauer Ständeratssitze bewerben sich sechs Personen, drei Frauen und drei Männer. Brigitte Häberli-Koller von der CVP stellt sich zur Wiederwahl. Die 61-Jährige sitzt seit acht Jahren im Ständerat und dürfte problemlos wieder gewählt werden.

Der zweite Sitz wird nach dem Rücktritt von Roland Eberle (SVP) frei. Angesichts der zahlreichen Bewerberinnen und Bewerber kommt es voraussichtlich zu einem zweiten Wahlgang am 10. November. Beste Chancen hat Eberles Parteikollege Jakob Stark, der im Frühling als Finanzdirektor zurücktritt. (sda)

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