Basel: Tonnen Kokain in Früchten versteckt  – Narco-Boss in der Schweiz vor Gericht

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BaselSozialfall und Kartell-Boss – Schweizer Narco führte filmreifes Doppelleben

Der 47-jährige Beschuldigte soll ein eigenes Kartell aufgebaut und auf höchster Ebene in die Transporte von neun Tonnen der Droge involviert gewesen sein. Die Rede ist von einem Verkaufswert von 609 Millionen Franken.

von
Steve Last
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Ein heute 47-Jähriger soll sieben Jahre lang Kokain aus Kolumbien geschmuggelt haben. Ein Teil der Lieferungen war in Bananen und anderen Früchten versteckt, wie in der Anklage steht.

Ein heute 47-Jähriger soll sieben Jahre lang Kokain aus Kolumbien geschmuggelt haben. Ein Teil der Lieferungen war in Bananen und anderen Früchten versteckt, wie in der Anklage steht.

AFP/Jonas Roosens (Symbolbild)
Weltweit werden Tonnen von Kokain geschmuggelt. Viel davon stammt aus Südamerika, grösstenteils aus Kolumbien. Trotz des Kampfes gegen die Schmuggler (wie hier in Honduras) gelangt die Droge auf den Schwarzmarkt.

Weltweit werden Tonnen von Kokain geschmuggelt. Viel davon stammt aus Südamerika, grösstenteils aus Kolumbien. Trotz des Kampfes gegen die Schmuggler (wie hier in Honduras) gelangt die Droge auf den Schwarzmarkt.

Reuters/Fredy Rodriguez
Das Kokain gelangt auf den verschiedensten Wegen in die Welt. Die Anklageschrift zeichnet das Bild einer international vernetzten Organisation mit guten Kontakten zu Kartellen.

Das Kokain gelangt auf den verschiedensten Wegen in die Welt. Die Anklageschrift zeichnet das Bild einer international vernetzten Organisation mit guten Kontakten zu Kartellen.

Kolumbianische Marine via Reuters

Darum gehts

  • Ein 47-Jähriger muss sich ab Montag wegen Drogendelikten vor dem Strafgericht Basel-Stadt verantworten.

  • Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, der Kopf eines weltweit tätigen Kokain-Kartells gewesen zu sein.

  • Er soll an Transporten von neun Tonnen Kokain im Wert von 609 Millionen Franken beteiligt gewesen sein.

Es ist einer der grössten Narco-Prozesse in der Geschichte der Schweizer Justiz. Es geht um neun Tonnen Kokain, die in alle Welt geschmuggelt worden sein sollen – Verkaufswert 609 Millionen Franken. Der Beschuldigte, ein 47-jähriger spanisch-kolumbianischer Doppelbürger, soll von Basel aus operiert und auf höchster Ebene in die Organisation der Transporte verwickelt gewesen sein.

Die Anklageschrift beschreibt alle Tricks des Spielbuchs: bestochene Behörden, Kokainlieferungen, die ins Meer geworfen und von Tauchern herausgefischt werden, in Früchten versteckte Drogen, einen Sprengstoffanschlag. Mehr als 110 Kilo Kokain soll der Mann allein im Raum Basel in Umlauf gebracht haben.

Die Staatsanwaltschaft Basel-Stadt wirft ihm vor, seit 2014 bis zu seiner Verhaftung im April 2021 sukzessive ein eigenes Kartell namens Medusa aufgebaut zu haben. Dabei soll er Kontakte mit anderen internationalen Drogenschmugglern gepflegt haben, unter anderem mit Personen, die mit dem Clan del Golfo – Kolumbiens grösstem Drogenkartell – zusammenarbeiteten.

Polizei knackte unknackbare App

Viele der Geschäfte wurden über die verschlüsselte Messenger-App Sky ECC geplant, wie die Staatsanwaltschaft schreibt. Die Macher der App brüsteten sich damit, dass ihre Software nicht zu knacken sei, und setzten gar eine Belohnung aus, sollte es jemand innert 90 Tagen schaffen. Im März 2021 liess die belgische Bundespolizei verlauten, dass sie ihre Kontodaten zustellen werden, wie «De Standard» berichtete.

Sie hatte den Dienst, der offenbar weitgehend für illegale Geschäfte genutzt wurde, aufgebrochen. Es kam zu zahlreichen Razzien und Verhaftungen. Zuerst bei der Betreiberfirma, dann bei den Nutzern. Bei einem von ihnen soll es sich um den Beschuldigten gehandelt haben. Nur wenige Tage nach dem Hack griff das Basler Drogendezernat bei ihm zu.

Filmreifes Doppelleben

In seiner Wohnung in Basel seien ein Arsenal an Utensilien für die Aufbereitung von Kokain und zahlreiche Handys und Notizen gefunden worden. Die Ermittelnden durchsuchten noch zwei weitere Wohnungen, fanden noch mehr, auch Kokain und Streckmittel, so die Anklage. Der Mann sei sehr darauf bedacht gewesen, keine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. So habe er zeitweise Sozialhilfe bezogen und manchmal seine Miete nicht gezahlt, um schwierige finanzielle Verhältnisse vorzutäuschen.

Auf der anderen Seite habe er zwei Firmen für Fruchtexporte in Kolumbien betrieben und in der Ware Kokain versteckt und Transporte nach Europa, Afrika und Australien mitorganisiert. Das zeige die Auswertung der beschlagnahmten Handys. Für die Ausführung soll er Millionen von kubanischen Pesos bezahlt haben (eine Million Pesos entspricht knapp 200 Franken). Zusammen mit den Beiträgen anderer Händler sollen mit dem Geld Zollbeamte und Terminal-Mitarbeitende in Europa bestochen worden sein, um die heissen Container durchzuwinken und zu «löschen».

Einmal ist in den Chat-Protokollen die Rede davon, man habe den Chef eines europäischen Flughafens für eine Woche mit bis zu 200’000 Euro und Frauen bestochen. An anderen Stellen protzen die Kontakte des Beschuldigten mit Privatjets, Villen und Jachten.

Es droht langjährige Gefängnisstrafe

Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass der Beschuldigte aus seinen Drogengeschäften einen «erheblichen persönlichen Gewinn» von mehreren Hunderttausend Franken schöpfte. Sie hat Anklage erhoben wegen banden- und gewerbsmässiger Verbrechen gegen das Betäubungsmittelgesetz mit grosser Gesundheitsgefährdung. Zudem wirft sie dem 47-Jährigen einen schweren Fall von Geldwäscherei sowie mehrfache Übertretung des Betäubungsmittelgesetzes wegen Eigenkonsums vor.

Der Beschuldigte wird sich ab Montag vor der Fünferkammer des Strafgerichts Basel-Stadt verantworten müssen. Diese kann Freiheitsstrafen von über fünf Jahren verhängen. Es ist davon auszugehen, dass die Anklage neben einer langjährigen Gefängnisstrafe auch einen Landesverweis verlangen wird. Die Verteidigung wird ihre Position anlässlich der Hauptverhandlung vorbringen. Es gilt die Unschuldsvermutung.

Hast du oder hat jemand, den du kennst, ein Problem mit illegalen Drogen?

Hier findest du Hilfe:

Sucht Schweiz, Tel. 0800 104 104

Safezone.ch, anonyme Onlineberatung bei Suchtfragen

Feel-ok, Informationen für Jugendliche

Infodrog, Information und Substanzwarnungen

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