Aktualisiert 05.07.2012 22:29

Fifa gibt grünes LichtTorlinientechnik hält Einzug in die Stadien

Die Fifa und das International Football Association Board hat der Verwendung technischer Hilfsmittel zugestimmt. Das Hawk-Eye und der Chip im Ball kommen frühestens in der Saison 2013/14 zum Einsatz.

Die Fifa hat sich entschlossen, mit der Zeit zu gehen. Nach Diskussionen an der WM 2010 und zuletzt an der EM in Polen und der Ukraine beschloss die International Football Association Board (IFAB), die Einführung technischer Systeme zuzulassen.

Das Regelkomitee will die wohl meistdiskutierte Frage im Fussball (Tor oder nicht Tor?) in strittigen Situationen künftig durch die Technik regeln lassen. Das acht Personen (je einer aus Nordirland, England, Wales und Schottland sowie vier von der Fifa) umfassende Gremium votierte in Zürich einstimmig dafür, dem Schiedsrichter Hilfsmittel zur Verfügung zu stellen, die anzeigen, ob der Ball die Torlinie überschritten hat oder nicht.

Dabei sollen sowohl das bereits beim Tennis erprobte Hawk-Eye zur Überwachung der Torlinie (Torkamera) als auch das GoalRef-System (Chip im Ball) zum Einsatz kommen. Die Systeme müssen von der Fifa noch zertifiziert werden. Als teurerer Variante gilt das in Grossbritannien entwickelte Hawk-Eye. Es arbeitet mit Kameras, die rund um das Spielfeld installiert sind und dadurch die exakte Position des Balles errechnen und anzeigen können. Die deutsch-dänische GoalRef-Technik basiert auf einem Magnetfeld am Tor. Passiert der Ball mit Chip die Torlinie, wird ein Funksignal auf die Uhr des Schiedsrichters übermittelt.

Umsetzung frühestens 2013/14

Wie und ob die nationalen Verbände und Profiligen die Bestimmung der IBAF umsetzen, bestimmen sie selber. Ebenso den Zeitpunkt der Einführung. Mit der Umsetzung sind erhebliche Kosten verbunden. FIFA-Generalsekretär Jérôme Valcke schätzte die Beschaffungskosten auf 150 000 bis 200 000 Dollar pro System. «Ich bin aber überzeugt, dass die Preise sinken werden.» Der deutsche Ligapräsident Reinhard Rauball kann sich die Einführung «frühestens zur Saison 2013/14» vorstellen. Andere Spitzenligen äusserten sich noch nicht.

Wie die Swiss Football League verfahren wird, ist ungewiss. In Anbetracht der nicht überall modernen Infrastruktur wird die Super League sicherlich keine Vorreiterrolle einnehmen. Eine Einführung auf die in etwas mehr als einer Woche beginnenden Saison kommt aus Zeitgründen sowieso nicht infrage. Und in der letzten Saison gab es in den 180 Partien der Super League nicht eine strittige Szene, in denen eines der neuen Systeme zur Aufklärung hätte beigezogen werden müssen.

Aus Blatters Veto...

FIFA-Präsident Sepp Blatter hatte sich jahrelang nie explizit für den Einsatz von technischen Hilfsmitteln gewehrt. Die Diskussionen seit der Jahrtausendwende verliefen kontrovers. Mal schienen die technischen Möglichkeiten nicht ausgereift, dann waren die Kosten für eine flächendeckende Einführung viel zu hoch. Blatter hatte stets betont: «Wenn wir ein System finden, das zuverlässig anzeigt: Tor ja, Tor nein - dann findet das meine Unterstützung.»

Für den «Durchbruch» dürfte die Szene im WM-Achtelfinal 2010 zwischen Deutschland und England gesorgt haben. Beim Stand von 2:1 für die Deutschen prallte ein Schuss von Frank Lampard an die Latte und von dort, klar ersichtlich, mit vollem Umfang hinter die Torlinie. Der uruguayische Schiedsrichter Jorge Larrionda gab den Treffer nicht, Deutschland gewann letztlich 4:1. Und an der zu Ende gegangenen EM wurde der Treffer des Ukrainers Marko Devic im letzten Vorrundenspiel gegen England nicht gegeben. John Terry soll den Ball vor den Augen des Torrichters vor der Linie geklärt haben. TV-Bilder zeigten aber eher das Gegenteil. Worauf Blatter via Twitter mitteilte, die Torlinien-Technologie sei «eine Notwendigkeit».

...wurde ein Muss

Gegenüber dem Schweizer Fernsehen sprach Blatter von einem «absolut historischen Tag». Die Einführung technischer Hilfsmittel sei gut für den Fussball und die Fans. «Es gibt keine Pflicht, aber für uns war es ein Muss», sagte er. «Der Fussball hat sein menschliches Gesicht behalten. Wenn man Hilfe hat, muss man die auch einsetzen. Für uns als Fifa war klar, was 2010 passiert ist, darf sich nicht wiederholen.»

Szenen wie beim Out der Ukraine sollen die nun zugelassenen Techniken verhindern. Allerdings soll der Einsatz der neuen Systeme auf FIFA-Ebene vorerst nur für die Klub-WM im Dezember in Japan, den Konföderationen-Cup 2013 und die WM 2014 in Brasilien gelten. Genehmigt wurde auch der weitere Einsatz von Torrichtern. Jeder Veranstalter solle aber selber entscheiden, ob er auf Torrichter zurückgreife.

Hitzfeld zeigt sich zufrieden

Beim Schweizer Nationalcoach Ottmar Hitzfeld stösst den Entscheid der Fifa, technische Hilfsmittel zuzulassen, auf Gegenliebe. «Es ist höchste Zeit, dass die technischen Hilfsmittel, die in der heutigen Welt ja vorhanden sind, zugelassen und auch eingesetzt werden. Sie können ein wichtiger Beitrag dazu sein, dass der Fussball gerechter gemacht wird.» Hitzfeld plädiert aber auch für Verhältnismässigkeit: «Nicht Eckbälle oder Einwürfe sind das Thema, sondern die Tore. Denn um die geht es letzten Endes im Fussball. Und darum muss verhindert werden, dass sich Szenen wie an der EM beim Spiel Ukraine - England wiederholen.»

Das Ressort Schiedsrichter des Schweizerischen Fussballverbands (SFV) begrüsst diese Neuerungen ebenfalls und bricht zudem eine Lanze für den zusätzlichen Mann hinter der Torlinie. Dieser könne den Schiedsrichter-Assistenten entlasten, indem er sich auf das Geschehen im Strafraumbereich konzentriere, während der Kollege an der Linie noch besser auf Offside oder nicht entscheiden könne. An der EM seien auch darum sehr viele schwierige Situationen richtig beurteilt worden.

Folgende Systeme sind künftig gestattet:

Hawk-Eye: Die aus dem Tennis bekannte Technologie stammt aus England. Bis zu sechs Kameras nehmen das Spielgeschehen auf und funken Bilder an einen zentralen Computer. Dieser berechnet aus der Bildersumme die Position des Balles und sendet bei einem Tor ein Signal auf die Armbanduhr des Schiedsrichters. Ein Schwachpunkt: Liegt ein Spieler auf dem Ball, können keine Bilder aufgenommen werden.

GoalRef: Das Fraunhofer Institut in Erlangen war an der Entwicklung des sogenannten «Intelligenten Tores» massgeblich beteiligt. Im Torrahmen wird dabei ein Magnetfeld erzeugt. Der Ball enthält drei Magnetspulen. Überschreitet der Ball die Torlinie, wird durch das Magnetfeld im Tor ein Magnetfeld im Ball aktiviert und ein zugeschalteter Computer sendet ein Signal auf die Armbanduhr des Schiedsrichters.

AAR: Der Additional Assistent Referee wurde in den Europacup-Wettbewerben und bei der EM getestet. UEFA-Präsident Michel Platini findet die Idee der zusätzlichen Torlinienrichter gut. Sie sollen den Hauptreferee auf Verstösse im und um den Strafraum aufmerksam machen sowie bei der Torentscheidung helfen. Bei der EM wurden die Schwächen durch den Fehler des Ungarn Istvan Vad im Spiel England gegen Ukraine (1:0) offenkundig. (si)

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