Flüchtlingskrise: Torschlusspanik in Mazedonien

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FlüchtlingskriseTorschlusspanik in Mazedonien

Bald sichert Ungarn seine Grenze mit einem Zaun ab. Für Flüchtlinge schliesst sich ein Tor zu Europa. Fotos zeigen ihre verzweifelten Versuche, schon vorher in die EU zu kommen.

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cfr
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2000 Migranten täglich versuchen Mitte August über die mazedonische Grenzstadt Gevgelija mit dem Zug nach Mitteleuropa zu gelangen.

2000 Migranten täglich versuchen Mitte August über die mazedonische Grenzstadt Gevgelija mit dem Zug nach Mitteleuropa zu gelangen.

Georgi Licovski
Sie quetschen sich in die drei Züge, die täglich von Gevgelija nach Tabanovce an der serbischen Grenze fahren.

Sie quetschen sich in die drei Züge, die täglich von Gevgelija nach Tabanovce an der serbischen Grenze fahren.

Georgi Licovski
Von dort wollen sie über Serbien ins EU-Land Ungarn gelangen.

Von dort wollen sie über Serbien ins EU-Land Ungarn gelangen.

Georgi Licovski

In der mazedonischen Grenzstadt Gevgelija spielen sich chaotische Szenen ab: Ein junger Flüchtling quetscht sich mit letzter Kraft durch ein Zugfenster, ein anderer klemmt sich unter einem Waggon fest, in der Hoffnung, unentdeckt nach Serbien zu gelangen. Die Zugabteile drohen zu bersten – überall hängen Arme, Beine und Köpfe aus den Fenstern, von aussen schieben Menschen Gepäckstücke in die letzten Ritzen. Immer wieder eskaliert die Situation: Panik bricht aus, Kinder weinen, Männer rangeln, schmeissen mit Steinen.

Auch auf dem Bahnhofsgelände ist die Situation nicht besser: Mütter liegen erschöpft mit ihren Kindern am Strassenrand, ein Teenager wird verarztet – er hat an herunterhängenden Kabeln einen Stromschlag erlitten. Schutz vor der sengenden Hitze oder Essen für die Menschen gibt es kaum, nur vereinzelt verteilen Hilfsorganisationen Lunchpakete. Die mazedonische Polizei hat es aufgegeben, die Massen zu kontrollieren, die Menschen sind sich selbst überlassen.

Die Zeit drängt

Gevgelija ist für Flüchtlinge zu einem der Nadelöhre nach Westeuropa geworden – wie die griechische Ferieninsel Kos, die französische Stadt Calais oder die italienische Insel Lampedusa. Täglich reisen rund 2000 Menschen aus Griechenland in die mazedonische Grenzstadt ein, sagte ein Vertreter des Roten Kreuzes der Nachrichtenagentur Reuters – das seien doppelt so viele wie noch vor einigen Wochen. In Gevgelija versuchen sie einen Platz in einem der drei Züge zu ergattern, die täglich nach Tabanovce an der serbischen Grenze fahren. Von dort geht es weiter nach Ungarn und somit in die EU.

Doch die Zeit drängt: Ungarn will bis Ende Monat einen 175 Kilometer langen Zaun fertiggestellt haben. Dann wird es für die Migranten deutlich schwieriger, die Grenze zu überqueren. Und auch in Mazedonien spitzt sich die Situation zu: Der Bürgermeister von Gevgelija will einen eigenen Grenzzaun zu Griechenland errichten lassen. Das bedeutet mehr Druck für die Migranten, schnell weiterzureisen.

Leichteste Etappe auf der Balkanroute

«Die meisten Flüchtlinge bleiben mittlerweile keine zwölf Stunden mehr im Land», sagt Jasmin Redzepi, Mitbegründer der mazedonischen Hilfsorganisation Legis der österreichischen Zeitung «Die Presse». Mazedonien sei für Flüchtlinge zur leichtesten Etappe auf der Balkanroute geworden.

Das hat auch mit einer Gesetzesänderung zu tun. Am 19. Juni öffnete Mazedonien faktisch seine Grenzen: Migranten können sich seitdem bei der Polizei registrieren und haben dann 72 Stunden Zeit, das Land zu durchqueren. Mit diesem Drei-Tages-Transit-Visum dürfen die Menschen die öffentlichen Verkehrsmittel nutzen und nehmen nun den Zug, anstatt die 180 Kilometer durch Mazedonien zu Fuss oder per Velo zurückzulegen.

«Die Schlepper haben kein Business mehr»

Die Gesetzesänderung hat den Transit durch Mazedonien annehmlicher gemacht: Wurden Migranten vorher von Schleppern, Strassenräubern oder Polizisten angegriffen, ausgeraubt, eingesperrt oder zurückgeschickt, ist die neue Strecke per Zug sicherer. In den letzten zwei Monaten sei es zu keinem Unfall gekommen, die Anzeigen wegen illegalen Menschenhandels seien «praktisch auf null» gesunken, sagte Ivo Kotevski, Sprecher des Innenministeriums, «die Schlepper haben kein Business mehr».

Trotzdem wächst die Angst, Mazedonien könne zum Auffanglager für Flüchtlinge aus Syrien oder anderen Bürgerkriegsländern werden, schreibt die «Frankfurter Allgemeine Zeitung». Denn jetzt, da Ungarn den Zaun baut, könnte auch Serbien bald seine Grenze zu Mazedonien dichtmachen.

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