Höchste Alarmbereitschaft: Tote nach Artillerieangriff auf Südkorea
Aktualisiert

Höchste AlarmbereitschaftTote nach Artillerieangriff auf Südkorea

Neue Eskalation in Korea: Nach dem Granatenangriff aus dem Norden, bei dem zwei südkoreanische Soldaten starben, hat der Süden das Feuer erwidert und mit einem «enormen Gegenschlag» gedroht.

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Seit Monaten ist die Spannung zwischen Nord- und Südkorea gewachsen, nun hat sie sich entladen. An der umstrittenen Seegrenze hat Nordkorea dutzende Granaten auf die südkoreanische Insel Yeonpyeong abgefeuert. Zwei südkoreanische Soldaten sind dabei ums Leben gekommen, mindestens 13 wurden verletzt. Die nordkoreanischen Geschosse schlugen am Dienstag um 6.34 Uhr Schweizer Zeit auf der Insel Yeonpyeong und ins Gelbe Meer nahe der Westgrenze ein, nur 120 Kilometer von der südkoreanischen Hauptstadt Seoul entfernt.

Südkorea hat das Feuer erwidert – «zur Selbstverteidigung», wie ein Armeesprecher sagte. Mit rund 80 Granaten habe das südkoreanische Militär Artilleriestützpunkte an der nordkoreanischen Küste unter Beschuss genommen, wie es aus der südkoreanischen Hauptstadt hiess. Beide Seiten beschuldigen sich gegenseitig, das Gefecht provoziert zu haben. Die südkoreanische Armee ist in den höchsten Alarmzustand seit dem Ende des Korea-Krieges 1953 versetzt worden. Der südkoreanische Präsident Lee Myung Bak hat nach dem Angriff mit Vergeltung gedroht. Falls Pjöngjang nochmals angreife, werde es einen «enormen Gegenschlag» geben, sagte das Staatsoberhaupt.

Yeonpyeong als Brennpunkt

Der Beschuss der Insel Yeonpyeong markiert eine neue Stufe der Eskalation. Zwar kam es in den vergangenen Jahren immer wieder zu Scharmützeln, aber der Artilleriebeschuss ist die eindeutigste und schwerste Verletzung des Waffenstillstands seit langem. Anders als bei der angeblichen Versenkung des südkoreanischen Kriegsschiffs «Cheonan» im März durch ein nordkoreanisches Torpedo ist diesmal die Aggression Pjöngjangs unbestreitbar.

Hintergrund des Zwischenfalls ist der seit 1953 ungeklärte Verlauf der Grenze zwischen beiden koreanischen Staaten. Die UNO hatten die Seegrenze im Gelben Meer - an der Westküste der koreanischen Halbinsel - damals zum Ende des Koreakrieges einseitig festgelegt. Pjöngjang erkannte den Verlauf nie an. Seitdem befinden sich beide Staaten aber weiterhin formal im Kriegszustand. Auch die «Cheonan» ging in denselben Gewässern unter, nahe der Insel Baengnyeong, deren Zugehörigkeit ebenso umstritten ist wie die von Yeonpyeong.

Besonders Yeonpyeong steht immer wieder im Mittelpunkt der Auseinandersetzungen. Auf der Insel in Sichtweite der nordkoreanischen Küste sind viele südkoreanische Soldaten stationiert. 1999 wurden nahe der Insel nach Angaben aus Seoul bei einem Seegefecht, an dem auch die «Cheonan» beteiligt war, mehrere südkoreanische Soldaten verwundet und bis zu 30 Nordkoreaner verletzt. 2002 sank dann ein südkoreanisches Kriegsschiff nach einem Seegefecht in der Nähe, sechs Marinesoldaten verloren ihr Leben.

Offenbar südkoreanisches Manöver als Auslöser

Ausgelöst wurde der neuerliche Zwischenfall am Dienstag offenbar durch ein südkoreanisches Manöver, bei dem die Streitkräfte nach Angaben des Südens auch Schüsse in Richtung des offenen Meeres abgaben. Dadurch fühlte sich der kommunistische Norden anscheinend provoziert - und nahm die Insel unter Beschuss.

Das Artilleriegefecht fällt zeitlich mit dem Bekanntwerden einer neuen Atomanlage zusammen, die Nordkorea nach Angaben eines US-Wissenschaftlers gebaut hat. Die Nachricht von der modernen Urananreicherungsanlage verschärfte am Wochenende erneut den Atomkonflikt. Ausserdem befindet sich Nordkorea offenbar in einem kritischen Übergangszustand, in dem die Macht von Kim Jong Il auf seinen Sohn Kim Jong Un übertragen werden soll.

Artilleriefeuer auf der Insel Yeonpyeong

Appelle aus aller Welt

Nordkoreas engster Verbündeter China äusserte sich besorgt. Ein Sprecher des Aussenministeriums in Peking forderte beide Seiten auf, den Frieden zu wahren und zu den Sechs-Parteien-Gesprächen zurückzukehren.

In den Verhandlungen der beiden koreanischen Staaten, der USA, Russlands, Chinas und Japans soll die Führung in Pjöngjang zur Aufgabe seines Atomprogramms bewegt werden. Die Runde ist seit rund zwei Jahren ausgesetzt.

Auch Russland rief beide Länder zur Besonnenheit auf. «Es ist wichtig, dass es nicht zur Eskalation kommt», sagte ein Mitarbeiter des Aussenministeriums in Moskau gemäss der Nachrichtenagentur Interfax.

Wegen der zunehmenden Spannungen in der Region hatte Russland bereits vor Monaten seine militärische Präsenz im Grenzgebiet zu Nordkorea erheblich verstärkt.

Die USA, Südkoreas treuester Verbündeter, haben die Angriffe aus dem Norden aufs schärfste verurteilt. In einer Mitteilung fordert das Weisse Haus Pjöngjang auf, seine kriegerischen Handlungen einzustellen.

CNN-Bericht zum Granatenbeschuss der Insel Yeonpyeong (Quelle: YouTube) (am/sda/dapd)

Die Grenze

Auf der koreanischen Halbinsel stehen sich am 38. Breitengrad mehrere hunderttausend verfeindete Soldaten gegenüber. Die massiv gesicherte Waffenstillstandslinie teilt dort den stalinistischen Norden vom westlich orientierten Süden.

Nach dem Koreakrieg vor 60 Jahre hat es nie einen Friedensvertrag gegeben. 1953 wurde quer durch Korea eine rund 240 Kilometer lange und vier Kilometer breite «Entmilitarisierte Zone» (DMZ) geschaffen.

Dort ist die Neutrale Waffenstillstands-Überwachungskommission (NNSC) im Einsatz, der ursprünglich Vertreter aus Polen, Schweden, der Tschechoslowakei und der Schweiz angehörten. Die Teilnahme an der NNSC war der erste Auslandseinsatz der Schweizer Armee. Seit 1993 sind nur noch die Schweiz und Schweden an der Grenze präsent.

Im Grenzdorf Panmunjom mit einer «Gemeinsamen Sicherheitszone» (JSA) finden jeweils die Gespräche zwischen den verfeindeten Seiten statt - in Gebäuden mit je einer Tür nach Norden und einer nach Süden. Mitten durch die Häuser verläuft faktisch die Grenze (Bild).

An der Westküste beider Staaten im Gelben Meer schliesst sich am 38. Breitengrad eine rund 200 Kilometer lange Seegrenze an. Ein Kommandant der UNO-Truppen legte 1953 diese «Northern Limit Line» einseitig fest.

Nordkorea hat die vier Kilometer breite Grenzzone nie anerkannt. Das Regime in Pjöngjang kritisiert, dass dadurch einige Inseln vor seiner Küste an Südkorea fallen und legte 1999 eine weiter südlich verlaufende Seegrenze fest.

Heikler Moment im Sport

Zur gleichen Zeit, als auf der koreanischen Halbinsel die Granaten flogen, fand an den Asien-Spielen im chinesischen Guangzhou die Siegerehrung bei den Bogenschützinnen statt. Die Siegerin Yun Okhee aus Südkorea (m.) teilte sich dabei einträchtig das Podest mit der Nordkoreanerin Kwon Un Sil (r.), die die Bronzemedaille gewonnen hatte. Beide liessen sich nichts anmerken. Silber ging an Cheng Ming aus China.

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