Aktualisiert 04.04.2017 11:25

Luzern Tour durch ein anderes Luzern

Wie sieht Luzern abseits der klassischen Touristen-Pfade aus? Eine neue Stadtführung zeigt die unsichtbaren Orte der Stadt. 20 Minuten war dabei.

von
Nicole Agostini

Gehen Sie mit auf die andere Stadtführung. (Video: na)

Alles ist anders als bei einer klassischen Stadtführung: Die Stadtführer von «Abseits Luzern» sind Randständige — nicht eben typische Tourguides also. Die Orte, an denen man gebracht wird, sind nicht die stadtbildprägenden Sehenswürdigkeiten, die man auf einem Selfie verewigt — sondern Orte, die für Obdachlose, Armutsbetroffene, Drogensüchtige, Stadtoriginale und sozial Benachteiligte eine zentrale Rolle spielen.

Stadtführer erzählen vom eigenen Leben

Bei Abseits Luzern sind die Führer zugleich die Protagonisten der Reise; 20 Minuten war bei einer der ersten dieser Stadtführungen dabei. Als wir am Montag um 9.30 Uhr am Treffpunkt an der Bushaltestelle Werkhofstrasse erscheinen, heissen uns die beiden Stadtführer Noah und Dani mit einem warmen Lächeln und einem persönlichen Händedruck willkommen. Dani sagt: «Wir duzen uns heute, wenn das für alle in Ordnung ist, weil auf der Strasse sprechen wir auch die Du-Sprache.» Sechs weitere Gäste haben die Montagstour gebucht; sie berappten dafür je 30 Franken für die rund zweieinhalbstündige Tour.

«Ich will nicht IV-Rentner bleiben»

Der erste Stopp ist die IG-Arbeit, wo Noah als IV-Rentner in der Schreinerei gearbeitet hat. «Man macht etwas, was wertvoll ist, denn hier bekommt man Kundenaufträge und es ist keine Beschäftigungstherapie.» Noah will sein Alter nicht nennen, sagt aber: «Ich bin näher bei 30 als bei 18.» Er hat sein Studium und seine Lehre unterbrochen und ist jetzt unter anderem auf IV-Gelder angewiesen. «Ich will nicht für immer IV-Rentner bleiben, ich will etwas machen und Tagesstruktur ist dabei sehr wichtig.» Deshalb sei es für ihn sehr wichtig, bei Abseits Luzern dabei zu sein.

Vom Bäcker zum Heroinsüchtigen

Dann gehen wir weiter. Beim vierte Halt, am Inseli, spricht Stadtführer Dani (47) zur Gruppe. Er erzählt, wie er in Kontakt mit harten Drogen kam: «Mit 16 habe ich mit Kiffen begonnen und hatte bis 25 keine harten Drogen genommen. Ich war Bäcker und führte ein normales Leben. Aber es änderte sich alles: Meine Freundin hat mich verlassen, mit dem Job war ich nicht zufrieden. Durch Kollegen habe ich Heroin mit der Folie geraucht, nichtsahnend, was es ist. Drei Monate später hatte ich meine erste Entzugserscheinung: es war warm, ich frierte trotzdem, zitterte, schwitzte und musste erbrechen.» Beim Inseli hätten sich viele drogenabhängige Männer auf dem Strich Geld für Drogen verdient, er selber habe dies nie gemacht.

Viel Obst in der Notschlafstelle

Letzter Stopp der Tour ist die Notschlafstelle, wo auch Dani viel übernachtet hat. Bei diesem Halt der Stadtführung kommt auch Urs Schwab, Leiter der Notschlafstelle zu Wort und stellt seine Institution vor: Es gibt 15 Betten, ein Zimmer ist nur für Frauen reserviert, es wird bewusst darauf geachtet, dass immer viel Obst für die Bewohner zur Verfügung steht, «weil sie unter Vitaminmangel leiden». Für viele sei die Notschlaftstelle wie ein Training für eine eigene Wohnung. Viele Personen hätten aber Schwellenangst: «Ich sehe jeweils Menschen, die vor dem Haus hin- und herlaufen, aber sich nicht getrauen, bei uns zu klingeln.»

Gäste lernen Luzern neu kennen

«Ich bin sehr überrascht, wie offen die Stadtführer gesprochen haben», so Antoinette Schmidlin (54) aus Malters. Auch Rita Konrad (53) aus Ruswil findet, dass die Stadtführung sehr spannend gewesen sei: «Man sieht eine Seite von Luzern, die man sonst nicht kennt, oder nur vom Hörensagen.»

Touren finden täglich statt, ausser Sonntags. Sie bringen das Publikum zu den Institutionen, die den Randständigen helfen sowie an Plätze, die für diese eine grosse Rolle spielen.

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