«Macht keinen Sinn» - Tourismus und Politik wollen Quarantäne-Regelung abschaffen
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«Macht keinen Sinn»Tourismus und Politik wollen Quarantäne-Regelung abschaffen

Innert weniger Tage sind 23 Länder auf der Quarantäne-Liste gelandet, viele Schweizer wurden im Ausland überrumpelt. Schweiz Tourismus und Politiker wollen die Quarantäne-Regeln deshalb durch striktes Testen ersetzen.

von
Daniel Graf
Daniel Krähenbühl
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Strikte Kontrollen von PCR- und Antigen-Schnelltests an der Grenze – aber keine Quarantäne. 

Strikte Kontrollen von PCR- und Antigen-Schnelltests an der Grenze – aber keine Quarantäne.

Police cantonale valaisanne
Mehrere Politiker fordern, dass der Bund bei der Quarantäneliste über die Bücher geht. 

Mehrere Politiker fordern, dass der Bund bei der Quarantäneliste über die Bücher geht.

20min/Simon Glauser
Mitte-Ständerat Erich Ettlin sagt: «Mittlerweile ist Omikron vermutlich in allen Nachbarländern. Jetzt kann man nur noch entweder konsequent die Grenzen dicht machen oder auf striktes Testen bei der Einreise setzen.»

Mitte-Ständerat Erich Ettlin sagt: «Mittlerweile ist Omikron vermutlich in allen Nachbarländern. Jetzt kann man nur noch entweder konsequent die Grenzen dicht machen oder auf striktes Testen bei der Einreise setzen.»

20min/Michael Scherrer

Darum gehts

  • Zahlreiche Schweizer wurden über das Wochenende von neuen Quarantänemassnahmen des BAGs überrumpelt.

  • Schweiz Tourismus und Politiker üben nun Kritik an der Quarantäneliste. Sie fordern stattdessen ein strengeres Testregime bei der Einreise.

  • BAG-Direktorin Anne Lévy verteidigte die harten Quarantäne-Regeln an einer Pressekonferenz am Dienstag und erklärte, dass das Ziel sei, die Verbreitung der Variante zu verlangsamen.

Seit Freitag kamen bis jetzt wieder 23 Länder (Stand 30.11. 0.00 Uhr) auf der Quarantäneliste, unter anderem auch europäische Staaten wie die Niederlande, das Vereinigte Königreich, Dänemark oder Tschechien. Alle Rückkehrer über 16 müssen bei der Einreise in die Schweiz ein negatives Testergebnis – einen PCR oder Antigen-Schnelltest – vorweisen. Im Anschluss müssen alle für zehn Tage in Quarantäne – auch wenn sie geimpft oder genesen sind. Zwischen dem vierten und dem siebten Tag nach der Einreise muss ein zweiter Test durchgeführt werden.

Zahlreiche Schweizer Reisende sind vom harten und plötzlichen Quarantäne-Regime überrascht worden. So auch Janine (28), die seit zwei Wochen mit ihrem Freund in den Ferien in Ägypten verweilt: «Wir fielen aus allen Wolken, als wir in den Medien von den Quarantänemassnahmen hörten.» Erst hätten sie die Nachricht aufgrund der räumlichen Distanz zu Südafrika für einen schlechten Witz gehalten. «Mittlerweile haben wir aber PCR-Testtermine für den Rückflug am Freitag organisiert.»

Keine Kontrolle bei Einreise in die Schweiz

D. H. (25) besuchte übers Wochenende ein Konzert in Manchester. Er erfuhr erst am Samstagabend von den neuen Massnahmen für Englandreisende: «Ich war schockiert und verwirrt, wusste nicht, ob ich noch heimkomme.» Am Sonntagmorgen sei er zum Flughafen gestresst, um noch einen PCR-Termin zu erhalten. «Dabei war die Mühe für nichts, bei der Einreise wollte niemand mein Testresultat sehen.»

Eine weitere Schweizerin, J. R.* (24), befindet sich seit drei Wochen in Südafrika. Ihr Flug mit der KLM-Airline sei nur wenige Stunden vor dem Abflug gecancelt worden: «Nun haben wir die Rückreise mit Swiss gebucht und hoffen, dass dieser stattfindet.» Die Massnahmen befürworte sie grundsätzlich, sagt J. «Jedoch kamen diese sehr unerwartet, ich fühlte mich ein wenig im Stich gelassen.»

Schweiz Tourismus übt Kritik an Quarantäneregelung

Nicht nur Schweizer Reisende wurden überrumpelt, auch im Ausland schrecken die Quarantänemassnahmen ab. So sagen seit Freitag ausländische Gäste reihenweise ihre Ferien in der Schweiz ab. «Die neue Mutation und die resultierenden Gegenmassnahmen kommen zu einem ungünstigen Zeitpunkt für den Schweizer Tourismus», sagt Markus Berger von Schweiz Tourismus. Die aktuelle Ungewissheit über die weitere Entwicklung führe zu einer generellen Verunsicherung bei Gästen weltweit. «Sie legen ihre Reiseplanung und -buchung deshalb vorläufig auf Eis – ausgerechnet kurz vor der Wintersaison.»

Berger kritisiert die Quarantäneregelung scharf: «Sie ist von der Realität eingeholt worden, da die Omikron-Variante bereits in sehr vielen Ländern gefunden wurde.» Reisebeschränkungen und Quarantänebestimmungen machten deshalb keinen Sinn und sollten raschmöglichst durch ein striktes Testregime ersetzt werden, so Berger.

Quarantäne, um Verbreitung zu verlangsamen

SVP-Nationalrat Thomas Aeschi fordert ein strengeres Testregime sowie mehr und bessere Grenzkontrollen: «Es darf nicht sein, dass man weiterhin mit dem Auto oder Zug in die Schweiz fahren kann, ohne kontrolliert zu werden.» Die Schweiz müsse sich ein Beispiel an Israel nehmen, das seine Grenzen hermetisch abgeriegelt habe. Dass die Kontrollmechanismen sogar bei einreisenden Flugpassagieren nicht funktionierten, sei frustrierend, sagt Aeschi.

Auch der Obwaldner Mitte-Ständerat Erich Ettlin sagt: «Mittlerweile ist Omikron vermutlich in allen Nachbarländern. Jetzt kann man nur noch entweder konsequent die Grenzen dicht machen oder auf striktes Testen bei der Einreise setzen.» Geschlossene Grenzen hält er aber für wenig realistisch: «So würde man den Tourismus komplett abwürgen. Es bleibt uns wohl nur, die Quarantäne aufzugeben und sämtliche Einreisende zu testen.»

BAG-Direktorin Anne Lévy verteidigte die harten Quarantäne-Regeln an einer Pressekonferenz am Dienstag: «Wir sind uns bewusst, dass sich Omikron auch mit den Quarantänemassnahmen nicht ewig aus der Schweiz raushalten lässt. Wir können die Verbreitung aber verlangsamen, das ist momentan zentral.» Zunächst müsse die fünfte Welle, die durch die Delta-Variante verursacht werde, gebrochen werden. «Eine gleichzeitige Zirkulation von Omikron und Delta in der Schweiz würde das Gesundheitssystem überlasten», so Levy.

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