Kein Luxus, kein Platz: Touristen-Ansturm stellt Kuba vor Herausforderung
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Kein Luxus, kein PlatzTouristen-Ansturm stellt Kuba vor Herausforderung

Nach der Lockerung der Reisebestimmungen für US-Bürger steht Kuba vor einem Ansturm von Reisenden. Die touristische Infrastruktur ist dafür jedoch nur zum Teil gerüstet.

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Von Michael Weissenstein & Andrea Rodriguez
AP
Die USA haben am 15. Januar die Bestimmungen für Reisen nach und Geschäfte mit Kuba gelockert.

Die USA haben am 15. Januar die Bestimmungen für Reisen nach und Geschäfte mit Kuba gelockert.

Keystone/AP/Franklin Reyes
US-Bürger, die eine allgemeine Erlaubnis für Reisen nach Kuba haben, müssen keine speziellen Genehmigungen mehr beantragen.

US-Bürger, die eine allgemeine Erlaubnis für Reisen nach Kuba haben, müssen keine speziellen Genehmigungen mehr beantragen.

AFP/Yamil Lage
Ausserdem dürfen sie Alkohol und Tabakwaren im Wert von bis zu 85 Euro von der Insel mit nach Hause nehmen.

Ausserdem dürfen sie Alkohol und Tabakwaren im Wert von bis zu 85 Euro von der Insel mit nach Hause nehmen.

Keystone/AP/Ramon Espinosa

Der Erfolg der neuen Kubapolitik von US-Präsident Barack Obama hängt nicht zuletzt von Hotelhandtüchern ab. Ausserdem spielen funktionierende Klimaanlagen, Frühstückswaffeln und all die anderen Annehmlichkeiten eine Rolle, die amerikanische Touristen voraussetzen, wenn sie nach Kuba reisen. Tourismusexperten erwarten, dass sich ihre Zahl in diesem Jahr verdoppelt. Die bisher geltenden Reisebeschränkungen wurden am vergangenen Freitag gelockert.

Auf Kuba spezialisierte Reisebüros mit Sitz in den USA sagen, es gebe schlicht nicht genügend Zimmer in den wenigen hochklassigen Hotels auf Kuba, die internationale Standards erfüllen.

Chance für Einheimische

Wenn nun also Besucher in so grosser Zahl wie erwartet kommen, müssen sie entweder mit den schlicht ausgestatteten staatlichen Einrichtungen vorlieb nehmen - oder sie wenden sich einem der dynamischsten Zweige des kleinen, neuen Privatsektors des Inselstaats zu: familiengeführte Pensionen, die Tausenden Kubanern eine unabhängige Einnahmequelle bieten.

Und genau das möchte Obama erreichen. Als er die neue politische Linie am 17. Dezember bekanntgab, sagte der Präsident, die USA wollten ein Partner dabei sein, «das Leben normaler Kubaner ein bisschen einfacher, freier, wohlhabender zu machen». Die erste Nagelprobe für diesen neuen Ansatz könnte sein, für welche Art von Unterkunft sich Touristen aus den USA entscheiden.

«Das wird uns helfen»

Ein bedeutender Anstieg von US-Reisenden würde das System ebenso überfordern wie die Möglichkeit der Kubaner, diese Reisenden zu kontrollieren, sagt ein mit der Umsetzung der neuen Regelung betrauter US-Beamter der Nachrichtenagentur AP. «Die Hotels werden das nicht bewältigen können. Man wird einen Überlaufeffekt im Privatsektor verzeichnen, und das ist gut», sagt er.

Der 65-jährige Juan Hernández Rabelo nimmt dreimal in der Woche Englischstunden, um sich besser mit den künftigen Gästen der Casa Vitrales verständigen zu können. Die Casa ist eine gehobene Privatunterkunft in einem aufwendig restaurierten Kolonialhaus in der Altstadt von Havanna, die er mit seinem Sohn betreibt. «Das wird unserem Geschäft und dem Land helfen», sagt Hernández über Obamas Politik. «Es eröffnet Pensionen neue Chancen, eine grössere Zahl von Touristen aufzunehmen.»

Bislang waren die bürokratischen Hürden, die US-Veranstalter für Reisen nach Kuba nehmen mussten, hoch und kostspielig. Im wesentlichen waren nur Gruppenreisen mit einem offiziell genehmigten Bildungsprogramm möglich.

Nach der am Freitag in Kraft getretenen Lockerung der Bestimmungen müssen US-Touristen zwar noch immer überwiegend Gruppenreisen buchen, doch kann nun praktisch jedes US-Unternehmen solche Reisen problemlos anbieten. Veranstalter, die seit Jahren Kubareisen im Programm haben, erwarten nach eigenen Angaben eine Verdoppelung der Urlauberzahl. In den vergangenen Jahren reisten jeweils etwa 90 000 US-Bürger nach Kuba.

Hotelzimmer schon jetzt Mangelware

«Sogar mit 90 000 Amerikanern pro Jahr ist es ein Albtraum, Hotelzimmer zu bekommen», sagt Collin Laverty, Besitzer von Cuba Educational Travel. Die Buchungszahlen hätten sich in seinem Unternehmen in den vergangenen drei Wochen auf etwa 1000 verdoppelt.

Und es sei bereits seit einiger Zeit zu beobachten, dass auf Kuba mehr in Pensionen investiert werde. Manche Betreiber stellten fest, dass sie mit einem Viersternehotel konkurrieren könnten, wenn sie ein wenig investierten und beispielsweise den Wasserdruck in ihrem Haus erhöhten.

Die kubanischen Behörden sind zuversichtlich, dass sie sogar einen Ansturm von jährlich mindestens einer Million US-Bürger bewältigen können. So viele Besucher werden erwartet, wenn der US-Kongress das bestehende Embargo aufhebt. «Das Land hat ausreichend Hotelkapazitäten, um einen Anstieg dieser Grössenordnung zu absorbieren. Wir haben uns auf diesen Tag vorbereitet», sagt José Manuel Bisbe, der Präsident von Havanatur, einem der grössten staatlichen Tourismusunternehmen auf Kuba.

«Es gibt keine Waschlappen»

Aus Sicht von US-Experten könnte diese Einschätzung etwas zu optimistisch sein. Denn das US-Verbot von Individualreisen ohne Bildungsauftrag bedeutet, dass die Tourismusregion Varadero mit ihrer hoch entwickelten Hotelinfrastruktur Urlaubern aus den USA weiterhin verschlossen bleibt. Und selbst Bisbe räumt ein, dass noch nicht alles zum Besten steht. «In Bezug auf Servicequalität haben wir sicher eine Reihe von Problemen, die wir lösen müssen», sagt er.

Die Reisebeschränkungen haben dazu geführt, dass Kuba einerseits zu einem heimlichen Reiseziel für junge Leute wurde, die illegal über Kanada oder Mexiko einreisen, oder andererseits zu einem Luxusprodukt für ältere, wohlhabende US-Bürger, die sich die teure Gruppenreise leisten können.

Die Rentnerin Barbara Dresner, Besitzerin mehrerer Modegeschäfte in New York, buchte für etwa 5000 Dollar eine fünftägige Reise zu den Stätten des Jazz in Havanna. Einige Dinge in dem Fünfsternehotel, in dem sie wohnt, gefielen ihr gar nicht, sagt sie. «Es gibt keine Waschlappen», sagt sie. «In amerikanischen Hotels gibt es immer Waschlappen.»

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